Bittergrün

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Ostermorgen. Es schneit. Wie schon in den letzten Wochen. Immerhin, der Schnee taut sofort wieder. Und was noch auf den Bürgersteigen liegt, wird jeden Tag weniger. Sonst ist noch nicht viel zu sehen vom Frühling. Kein Wetter für einen Osterspaziergang, „Vom Eise befreit…“ ist eine irreführende Behauptung in diesem Jahr. Meine Sehnsucht nach frischem Grün stille ich auf dem Teller, mit Puntarelle, die ich gestern in der Markthalle entdeckte. Sie erinnern mich an den Frühlingstag in Rom, als ich sie zum ersten Mal kostete. Auf dem Campo de‘ fiori wurden sie angeboten, fertig geputzt und geschnitten schwammen sie in Eiswasser, und ich fragte mich, was das wohl sei. Später fand ich sie auf einer Speisekarte. Angenehm bitter im Geschmack, angemacht mit gehackten Kapern, feingewiegten Sardellen, einem Hauch frischem Knoblauch, Essig und Öl. So kann er schmecken, der Frühling. Auch wenn vorm Fenster schon wieder die Flocken tanzen.

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Saisonfinale

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Das ist sie, die letzte Blutorange der Saison. Nicht mehr ganz so prall und frisch. Wie habe ich mich im Januar gefreut, als es die ersten zu kaufen gab. Blutorangen schälen, wenn draußen der Schnee fällt, das ist für mich der Inbegriff von Winter. Ich liebe den Geruch, den feinen Geschmack und überhaupt alles an diesen Früchten. Und ich warte jedes Jahr, bis es Blutorangen gibt – die gewöhnlichen, dicken, uneleganten Orangen mag ich nicht.  Blutorangen morgens zu Haferflocken, nachmittags zum Tee, als Salat mit Oliven und Salz. Endiviensalat mit Blutorangenstücken. Abgeriebene Orangenschale im Risotto, im Dampfnudelteig, in der Karotten-Linsensuppe.

Aber nun reicht es. Ostern und Orangen? Das ist eine ungewohnte Kombination. Hier liegt immer noch Schnee, und gerade verheißt der Wetterbericht neuen Schneefall. Ich werde die Schale der letzten Blutorange kandieren und ins Osterbrot einbacken. Den Abschied von dieser Frucht gebührend begehen und mich darauf freuen, wenn ich in einem dreiviertel Jahr die ersten Blutorangen der neuen Saison in der Markthalle entdecke.

Erinnerung

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So sah es aus auf meinem Beet, irgendwann im Frühsommer vor zwei Jahren. Und so wird es auch wieder aussehen, irgendwann im Frühsommer dieses Jahres. Mit kleinen Abwandlungen: Die Erdbeeren habe ich rausgeworfen, die trugen kaum Früchte und die paar, die es gab, schmeckten nach nichts. Beim Salat bin ich auf eine andere Sorte umgestiegen, Pflücksalat vom Verein zur Erhaltung und Rekultivierung von Nutzpflanzen. Der Borretsch wird sich vielleicht ein anderes Plätzchen suchen, der wächst, wo er will. Genau wie der Kerbel, der vor ein paar Wochen, als hier mal eine Frühlingsahnung in der Luft lag, schon schön grün war. Auch der Sauerampfer und der Schnittlauch schauten aus der Erde. Die liegen jetzt alle unter der Schneedecke. Ich hoffe, nicht mehr allzu lange. Denn ich will loslegen. Schauen, was den Winter überstanden hat. Kompost verteilen, Unkraut ausreißen, Platz schaffen für den Salat. Und die Beetnachbarn wieder sehen. Solange erinnert mich das Foto daran, wie es werden wird, irgendwann, wenn der Winter endlich vorbei ist

Scherben

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An einem kalten, sonnigen, windigen Tag fand ich die ersten Stücke Strandglas im Sand von Rockaway Beach in New York. Seitdem suche ich, wenn ich am Meer bin, nach diesen matten Scherben. Von einer italienischen Insel schleppte ich fast ein Kilo nach Hause, auf Rügen finde ich immer nur kleine Stücke, und am Lido in Venedig war im Winter keine Beute zu machen, nur eine orange Muschel.

Manchmal trage ich ein Stück in meiner Hosentasche mit mir herum. Samtiges Glas – das klingt wie ein Widerspruch. Vielleicht ist es das, was mir daran so gefällt. Und die Farben. Grün in allen Schattierungen von ganz blass bis tiefdunkel. Braun von Bier- und von Weinflaschen, seltener Blau, ein wenig Türkis, viel Weiß, das nie ganz weiß ist. Ein einziges kleines Stück in einem dunklen Rot. Und manchmal Struktur: Wörter, Muster, Zeichen. Ich wüsste gern, wo es herkommt, wer die Flaschen ins Wasser warf, wann, wo.