Veränderung, revidiert

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Das ist er, der Schreibplatz, den ich mir vor kurzem eingerichtet habe. Und schon ist er wieder verwaist, die Platte des Tisches heruntergeklappt, damit der Wäscheständer Platz hat im Zimmer, der kleine Veilchenstrauß lange schon verblüht und nie ersetzt. Die Morgenseiten schreibe ich wieder im Bett, aber jetzt ohne Tee und direkt nach dem Aufwachen. Das geht schneller und ist näher an der Idee, wirklich ohne Nachdenken alles hinzuschreiben, die Hand einfach machen lassen, während der Kopf noch den Träumen nachhängt. Schade um den kleinen Schreibtisch, für den muss ich irgendwann mal eine neue Aufgabe finden und einen neuen Platz. Aber nur schön aussehen reicht einfach nicht, auch nicht für einen Schreibplatz.

Ma liberté

longtemps je t’ai gardée comme une perle rare… Seit ich den Text dieses Chansons von Georges Moustaki mit runder Fastnochkinderschrift in mein selbstgebasteltes Liederbuch schrieb, damals, auf einem Pfadfindersommerlager in Frankreich, kann ich ihn auswendig. Ein Text wie gemacht für eine rebellische Fünfzehnjährige, die gerade genug Französisch konnte, um mit Hilfe eines Wörterbuchs eine holprige Übersetzung anzufertigen. Die all das wollte, wovon der Mann mit der warmen Stimme sang, die klang wie der Geruch von Sandelholz und Weihrauch: Fesseln abstreifen, auf Glückspfaden wandeln, unterwegs Windrosen pflücken und sich am Ende – bald, bitte! – einem schönen Gefängniswärter hingeben und die Freiheit gegen une prison d’amour eintauschen. Keine Ahnung, wie es zuging in so einem Gefängnis, ich war vorher nur einmal ein ganz klein wenig verschossen gewesen, vorübergehend. Aber den Gefängniswärter hatte ich mir schon ausgesucht: der schönste der Pfadfinder, zwei Jahre älter als ich, groß, dunkelhaarig, blauäugig. Auf der Rückfahrt vom Sommerlager, als ich im Zug fror, lieh er mir seinen Pullover, blau wie seine Augen und mir viel zu groß. Eine Nacht schlief ich mit dem Pullover im Arm, dann brachte ich ihn zurück, schweren Herzens, aber einsichtig, dass jemand, der lieber mit seinen Kumpels Karten spielte, seinen Pullover wirklich nur aus Mitleid verlieh und nicht als Liebespfand. Ich widmete mich den Rest der Sommerferien wieder ausgiebig meiner liberté, meiner solitude und den Liedern von Moustaki. Das immerhin kam meiner Französischnote zugute.

Als heute im Radio die Nachricht vom Tod Georges Moustakis kam und seine Lieder gespielt wurden, musste ich an diesen Sommer vor beinahe vierzig Jahren denken, an die Zeit, als man in Zügen noch die Fenster öffnen und sich am Fahrtwind berauschen und Windrosen pflücken konnte unterwegs. Merci, Monsieur Moustaki.

Blicke, Küsse

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Nun habe ich so oft über Blumen und den Frühling geschrieben. Nicht nur hier, zuerst in einem Forum habe ich fast drei Jahre lang tapfer berichtet von den kleinen Wundern, den Lichtblicken im Alltag, den schönen Dingen, die einem zu Füßen liegen, man muss nur genau hinschauen. Und gerade geht mir das selbst so dermaßen auf den Geist, dass ich am liebsten SCHREIEN möchte: HAU DOCH AB MIT DIESEM KRAM, BLEIB MIR WEG MIT ALL DEM ZEUG! Das Leben ist nicht nur schön. Jedenfalls heute mal nicht. Und gestern war es doch eigentlich auch überwiegend bescheiden, oder? Weiterlesen

Geklaut

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Flieder muss geklaut werden. Aber nur an Stellen, wo er niemandem gehört und in rauen Mengen wächst, an Bahndämmen zum Beispiel. Dieses Jahr habe ich meinen Flieder von einer im letzten Herbst aufgegebenen und schon planierten Schrebergartenanlage geholt. Hier wird die Schule erweitert, die vor ein paar Jahren durch einen Brandbrief der Lehrer von sich reden machte. Den ganzen Winter über lag das Grundstück traurig und verlassen da, Reste von Gartenhütten, hier ein verrosteter Spaten, da ein zerbrochener Tisch zwischen zertrümmerten Bodenplatten aus Beton und verdorrten Hecken.

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Remember me

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Vergissmeinnicht. Mir geht das Herz auf, wenn diese zarten Blumen im Frühjahr unseren Garten mit hellblauen Polstern überziehen. Es werden jedes Jahr mehr, es reicht für viele kleine Sträuße und es bleibt immer noch genug als Hintergrund für die paar Tulpen in Rot, die majestätisch über den kleinen Blümchen thronen und doch ohne blauen Hintergrund einsam aussähen.

Das Herz geht mir auf und wird durchlässig für die Freude über den Frühling, über das blühende Leben. Und gleichzeitig wird das alles grundiert von einer leisen Wehmut, die allein der Name Vergissmeinnicht auslöst. Was bleibt von einem Leben? Muss etwas bleiben? Was ist Erinnerung? Remember me, but ah, forget my fate… Ich höre Dido’s Lament. Und frage mich, ob man das kann, die Erinnerung an einen Menschen von der an sein Schicksal zu trennen. Weiterlesen