Mittsommer

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So sah der Abendhimmel aus vor ein paar Tagen, um die Sonnenwende herum. Heute ist er wieder einfarbig grau. Und ich fürchte schon, das war’s mit dem Sommer. Wär schade. Auch wenn vielleicht noch genügend heiße Tage kommen, um für den Winter Wärme auf Vorrat zu speichern, überkommt mich am Mittsommertag immer eine leise Wehmut, weil jetzt das halbe Jahr beginnt, in dem die Tage kürzer werden. Das ist ziemlich dumm gedacht. Denn jetzt kommt ja erst einmal noch ein Vierteljahr, in dem die Tage länger sind als die Nächte.

Was mir im Winter hilft, kann im Sommer ganz verkehrt sein: der Tag-und-Nachtgleiche entgegenzählen. Das Ziel macht den Unterschied. Kurz vor Weihnachten sage ich mir, dass jetzt die Tage wieder heller werden. Der Winter ist dann keineswegs vorbei, er fängt gerade erst an. Aber da mir die Kälte weniger ausmacht als die Dunkelheit, habe ich das Gefühl, das schlimmste schon geschafft zu haben, wenn die Sonne wieder jeden Tag ein ganz klein bisschen früher aufgeht. Ich sehe also das Gute (die zunehmende Tageslänge) im Schlechten. Warum ich das nicht im Sommer auch tue, kann ich jetzt, wo ich drüber nachdenke, gar nicht verstehen. Also zu Beginn der Sommerferien die Blickrichtung ändern. Nicht auf ein fernes Ziel schauen, sondern die Tage genießen, jeden einzeln und immer schön nacheinander und immer nur genau den, der gerade drann ist. Statt zu jammern darüber, dass die Sonne schon wieder früher untergeht, mich einfach darüber freuen, wie lange es hell ist. Auch bei kühlem Wetter viel öfter draußen essen, und sei es unter einem Schirm. Erdbeermarmelade kochen und Holundersirup ansetzen – Sonne in Gläsern für wenn die Tage wieder kurz sind. Mich am Abendhimmel freuen, wenn er so schöne Farben zeigt. Und wenn es grau ist, einfach was anderes finden, worüber ich mich freuen kann.

Mit andern Augen

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Manchmal finde ich Bilder in der Kamera, die ich so nicht gesehen habe beim Fotografieren. Dies hier war, als ich auf den Auslöser drückte, eine rosafarbene Pfingstrose. Als ich nun nach ein paar Tagen das Foto herunterlud, war es weder rosa noch scharf. Und trotzdem gefällt es mir, auch wenn mir beim Betrachten ein wenig schwindelig wird. Vielleicht sehen Insekten Blüten so? Ich weiß es nicht, keine Ahnung, wie es ist, Facettenaugen zu haben. Aber die Vorstellung ist reizvoll. Ganz nahe dran, mittendrin, ein Bad in Farbe. Ein lila Meer mit Blütenstaubkorallenriffen. Dazu passt dann auch die Unschärfe, wie unter Wasser. So anders kann die Welt sein, wenn man sie mit anderen Augen sieht.

Was sehen die anderen? Eine Frage, die mich beschäftigt, seit ich denken kann. Als Kind entdeckte ich irgendwann, dass die Welt eine ganz andere ist, wenn man sie aus der Höhe eines Erwachsenen betrachtet. Deshalb bin ich gern auf Mäuerchen, Zaunpfähle, Bäume gestiegen: Der Horizont wurde weiter, die Welt größer. Ich hatte mal einen Freund, der auf den Zentimeter so groß (oder klein) war wie ich – wir waren buchstäblich auf Augenhöhe. Wir sahen die Dinge aus der gleichen Perspektive und doch ganz verschieden, was nicht nur an unterschiedlichen Sehfehlern lag. Was mir geblieben ist aus dieser Erfahrung: Ich weiß nie, was ein anderer sieht. Ich kann nur sicher sein, dass seine Welt aus seiner Sicht eine andere ist als meine Welt aus meiner Perspektive. Manchmal, wenn es schwierig wird, hilft es, mich daran zu erinnern.

Lieblingstee

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Das ist die letzte Tüte des Tees, der viele, viele Jahre lang fester Bestandteil meines Morgenrituals war. Ich habe ihn auf (Pfingst-)Rosenblütenblätter gebettet, weil ich Abschied nehmen muss: Er wird aus dem Sortiment genommen. Als die Teehändlerin mir das sagte, war mein erster Impuls, die Bestände aufzukaufen. Wenn ich alle Filialen abklappere, kann ich mir bestimmt einen Zweijahresvorrat anlegen. Aber was hilft das? Es schiebt den Abschied nur hinaus. Dann lieber gleich. Und dem Gewohnheitstier in mir mal wieder Beine machen. Warum ist mein erster Impuls immer, alles so zu lassen, wie es ist? Ist das menschlich? Oder meine persönliche Macke? Wahrscheinlich fifty-fifty. Oder dreißig/siebzig. Ich bin schon sehr anhänglich: Ich flicke Lieblingshosen, bin Stammkundin beim Schuhmacher, klebe zerbrochenes Porzellan – meine Teekanne zum Beispiel für den Lieblingstee hat eine kaputte Schnaupe, die ich mindestens fünfmal schon repariert habe. Inzwischen kann ich mit dem Porzellankleber wirklich gut umgehen. Was den Tee betrifft:  Ich werde jede einzelne Tasse genießen und mich dann auf die Suche machen nach einem neuen Lieblingstee. Wer weiß, was für Genüsse noch auf mich warten. Und vielleicht wartet ja auch irgendwo eine neue Teekanne? Ich halte die Augen offen.

Regenzeit

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Das Wetter im Mai war feucht und kühl. Immerhin hat es nicht, wie in anderen Regionen, durchgeregnet. Es gab auch schöne Tage. Die habe ich für Gartenarbeit genutzt. Das Unkraut lässt sich, wenn die Erde feucht ist, so viel leichter zupfen. Bei trübem Himmel leuchten die Farben um so intensiver. Besonders das Blau zwischen all dem satten Grün. Und die Blüten halten viel länger als bei Hitze und Trockenheit. Doch so langsam wäre Sonne ganz schön. Für die Erdbeeren, für den Salat und fürs Gemüt.

Dauerregen im Frühling – dagegen habe ich noch keinen Zauber gefunden. Wenn der Winter nicht aufhören will, nähren die ersten Tulpen die Hoffnung, dass bald alles heller, wärmer, schöner wird. Regen im Mai lässt mich fürchten, dass gar kein Sommer mehr kommt. Regen beeinflusst meinen Appetit – Spargel verlockt mich dieses Jahr so gar nicht, den verbinde ich mit Wärme und Helligkeit. Bei Regen fange ich abends an, meine Handarbeitskiste nach unfertigen Projekten zu durchsuchen. Aber im Frühling einen angefangenen Mohairpullover zu Ende stricken? Hm. Das wäre vorausschauend, denn der nächste Winter kommt mit Sicherheit. Aber viel lieber würde ich einen Bikini häkeln. Oder wenigstens eine Strandtasche nähen aus dem Stoffrest, den ich an einem der wenigen sonnigen Sonntage im Mai auf dem Flohmarkt gekauft habe. Ja, das ist eine gute Idee. Und wenn kein Badewetter kommt, lassen sich darin wenigsten die Zutaten für eine warme Suppe vom Markt nach Hause tragen. Oder Handtücher und Badeschlappen in den Hamam, wenn der Sommer wirklich nicht kommt. Aber noch sprießt die Hoffnung grün und üppig wie der Garten im Regen…