Vertreterbesuch

Heute hat ein Vertreter bei mir geklingelt. Und beim Nachbarn nebenan auch. Ich öffne zuerst. Draußen steht ein kleiner schmaler Mann von etwa fünfzig Jahren, blondes Haar, Brille, adrettes Kurzarmhemd, Mappe unterm Arm, höflich, unaufdringlich. Er spricht mich mit meinem Namen an, der auf dem Klingelschild steht, stellt sich vor als Vertreter einer Versicherung und sagt, dass er informieren will über Mieter-Rechtschutz. Ich antworte, dass ich als Tochter eines Versicherungskaufmanns in dieser Hinsicht gut versorgt bin und keinen Bedarf habe. Freundlich verabschiedet er sich und wendet sich nun meinem Nachbarn zu, der inzwischen ebenfalls geöffnet und unser Gespräch mitbekommen hat. Ich höre, dass es etwas länger dauert, bis die Tür ins Schloss fällt und der Vertreter wieder die Treppe hinuntersteigt.

Mir ging diese Begegnung lange nach. Wer macht so etwas, frage ich mich, Leute losschicken, damit sie Versicherungen an der Wohnungstür verkaufen? Ich hatte bisher nur einmal in meinem Leben Vertreterbesuch, das muss vor dem Jahr 2000 gewesen sein. Damals wollte mir jemand die Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden verkaufen, zu einer Zeit, als es zwar Wikipedia noch nicht gab, aber dennoch absehbar war, dass man gesammeltes Wissen bald nicht mehr im Regal stehen, allenfalls noch auf CD-Rom zuhause haben wollen würde. Ich bat ihn seinerzeit zum Tee herein und wir plauderten eine nette halbe Stunde lang über Bibliotheken und das Internet, bevor er wieder ging. Ohne mir etwas verkauft zu haben.

Der Brockhaus-Vertreter damals tat mir nicht leid. Warum dann der von der Versicherung heute? Dem Brockhaus-Mann platzte der Stolz auf sein Produkt aus allen Knopflöchern, ich hätte ihm sofort geglaubt, hätte er mir erzählt, er ginge jeden Abend mit einem Band der Enzyklopädie ins Bett. Ihm war klar, dass die Zeit der gedruckten Nachschlagewerke bald vorbei sein würde, aber er wollte noch möglichst vielen Menschen die Freude am Konversationslexikon vermitteln. Mag sein, dass der Vertreter heute sich überlegt hatte, dass Mieter in einem von Gentrifizierung bedrohten Kiez unbedingt eine Rechtschutzversicherung brauchen. Trotzdem tat er mir leid, ich stellte mir sofort vor, dass er aus irgendeinem Grund keinen anderen Job als diese Klinkenputzerei gefunden hat. Natürlich ist es immer noch ehrlicher, Leuten an der Haustür – die man zur Not zuschlagen kann – eine Versicherung zu verkaufen als ihnen im Telefonladen einen unseriösen Tarif anzudrehen, der viel teuer ist als der, den sie vorher hatten und auch viel schwerer zu kündigen.

Trotzdem, ich finde, Haustürgeschäfte gehören zu den Dingen, die es in dieser Welt nicht geben sollte. Vielleicht nur aus dem einen Grund, dass es mich traurig macht, jemanden abzuweisen. Was wohl auf eine Kindheitserinnerung zurückgeht: Zu einer Zeit, als Haustüren noch den ganzen Tag offen waren und jeder ohne Schlüssel hätte eintreten können, man dies aber einfach nicht tat, klingelte einmal ein älterer Mann, der auf seinem gebeugten Rücken allerlei Korbwaren trug. Wir hatten kaum Geld und bestimmt keines für Körbe übrig, aber meine Mutter schmierte ihm Brote und gab ihm ein Glas Saft zu trinken, ich sehe das gerippte Apfelweinglas mit dem selbst eingekochten roten Saft heute noch vor mir und die stille Freude des Mannes über die kurze Rast, das Gespräch und die Stärkung. Das alles fiel mir ein, als ich heute den Impuls unterdrückte, den Versicherungsmann zum Tee hereinzubitten, damit er nicht als Abgewiesener gehen musste. Hätte ihm nix genutzt, der Tee, klar, weiß ich auch. Aber meiner Samariterseele hätte es gutgetan, ihm für einen Moment das Gefühl zu geben, ein willkommener Gast zu sein.

2007 hatte ich übrigens die letzte gedruckte Brockhaus-Ausgabe einmal in der Hand: Auf einer Hütte in Südtirol, ziemlich weit oben in den Bergen. Ich war mit einer alten Freundin und ihren Nichten, die den Wirt kannten, dort zur Marende eingekehrt, und er bat uns in sein privates Zimmer, wo dreißig ledergebundene Bände im Regal standen. Meine Freundin und ihre Nichten hatten so viele gleichartige Bücher am Stück noch nie gesehen und fragten, wofür die gut seien. Ich bat, den Band mit B herunternehmen zu dürfen und zeigte ihnen, dass man darin alles über meine ferne Stadt lesen konnte, komplett mit Geschichtstafel, Fotos und S-Bahn-Plan. Das fanden sie sehr staunenswert.

Ich werde in den nächsten Tagen mal in der Nachbarschaft fragen, wer alles eine Rechtschutzversicherung hat. Besonders die Nachbarn, die bei dem stadtbekannten Investor zur Miete wohnen, der gerade eine Kaufhauskette an die Wand fahren lässt. Vielleicht hat der Herr von der Versicherung ja doch Kunden gefunden, denen sein Angebot gerade recht kommt.

Eigengewächs

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Naja, nicht ganz. Von meinem Beetnachbarn, dessen Ländereien ich in den letzten beiden Wochen mitgegossen habe. War ganz schön viel Arbeit bei der Hitze. Und da habe ich mir erlaubt, auch die ersten Tomaten zu ernten, bevor sie überreif abfallen. Jetzt kann ich ihm berichten, dass die kleinen gelben sehr schmackhaft sind, die roten ganz okay und die großen gelben ziemlich mehlig – die müsste man schon füllen, um ihnen Geschmack beizubringen.

Es ist jede Saison wieder überraschend, was sich so entwickelt aus dem, was im zeitigen Frühjahr auf Fensterbänken und unter Tageslichtlampen vorkeimt. Keine Garantie, dass es das wird, was wir uns vorgestellt haben. Manches wächst gar nicht erst, anderes trägt kaum Früchte, der Salat schießt, bevor er Köpfe bildet. Jedes Jahr ist anders. Was letztes Jahr prächtig gediehen ist, murkelt dieses Jahr vor sich hin. Anderes Wetter, neuer Standort, zuviele Schnecken, nicht genug Zuwendung? Keine Ahnung. Selbst, wenn wir es wüssten: Nächstes Jahr ist eh alles anders. Neue Saat, neues Glück. Und bis dahin essen wir, was wir ernten, mit Salz, Pfeffer – und mit Genuss.

Für den Vorrat

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Gestern habe ich im Garten die restlichen Johannisbeeren gepflückt und Marmelade daraus gekocht. Fünf Gläser Sommer stehen nun im Regal. Sie werden den Duft und den Geschmack des Gartens freigeben, wenn ich ihn am dringendsten brauche, in den dunklen Monaten, wenn die Erinnerung an die Wärme, die Fülle, das Hummelgesumm zu verblassen droht. So wie ich mir jetzt kaum vorstellen kann, dass in einem halben Jahr all das Grün verschwunden sein wird, werde ich mir dann kaum noch vorstellen können, wie üppig es einmal war. Marmelade und Erinnerungen, davon zehre ich im Winter. Und ich weiß, ich werde dankbar dafür sein. Wie auch für das Mohnblumenfoto, das festhält, was nicht zu konservieren ist: Sommer. Glück, das im Augenblick genossen werden will, das im Gedächtnis bleibt und kein Verfallsdatum hat.

Sommerglück

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Stockrosen in allen Farben von Rotwein bis Vanilleeis, ein Dutzend üppig blühende Stöcke nebeneinander. Grünzeug frisch vom Beet: Goldforellen (eine alte Salatsorte), Schnittlauch, Pimpinelle, Boretsch, Sauerampfer, Schweinebratenpflanze (schmeckt wie Rauke), Ringelblumenblütenblätter, frischer Pfefferminztee (zur Auswahl stehen mindestens drei Sorten). Genug Teller und Gabeln im Gerätekeller für alle, die mitessen wollen. Knusprige Sesamkringel. Lagerfeueraroma vom Samowar der türkischen Nachbarinnen. Mauersegler. Kinder an der Wassertonne. Abendfrieden über Kreuzberg – bis die Stechmücken kommen.

Großstadtpflanzen

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Was so alles Wurzeln schlägt an Stellen, die gar nicht viel Raum zur Entfaltung bieten. Diese hier sind neu in unserem Garten, gewachsen erst nachdem die Wand dahinter mit neuen Graffiti überzogen wurde. Das Schöllkraut, in der Mitte, wäre an einem andern Ort jetzt hüfthoch und üppig. Aber würde es da so gut zur Geltung kommen wie vor dem Silberstreifen? Auch dem Gewächs links, dessen Namen ich nicht weiß, steht der Hintergrund gut, oder? Und der kleine Baum am rechten Bildrand, den Blättern nach könnte es eine Ulme sein, passt gut in die Gesellschaft. Trotzdem werden wir ihn demnächst vorsichtig umsetzen. Denn er braucht einfach mehr Platz, als ihm die Nische an der Wand bieten kann.

Wann ist es Zeit für einen Ortswechsel, eine Veränderung, einen Neuanfang anderswo? Das hängt davon ab, wie tief die Wurzeln sind und wieviel Zeit noch bleibt am neuen Standort. Der Grashalm und das Schöllkraut werden im Winter verschwinden. Wenn ihre Wurzeln überleben, kommen sie vielleicht nächstes Jahr wieder. Eine Saison reicht ihnen, Samen zu bilden, und damit haben sie ihren Daseinszweck erfüllt, ihr genetisches Programm absolviert. Die kleine Ulme braucht länger für ihre Entwicklung. Und sie braucht Raum, sonst verkümmert sie. Ich denke auch gerade über Veränderungen nach, weil ich das Gefühl habe, da, wo ich jetzt bin, nicht mehr genügend Entfaltungsmöglichkeiten zu haben. Wie tief sind meine Wurzeln, werde ich anderso noch einmal welche schlagen können? Und wird meine Arbeit dort auf fruchtbareren Boden fallen? Fragen, die mir duch den Kopf gehen, wenn ich mir so betrachte, was am Wegrand wächst.