Friedhofsruhe

Neulich war ich auf dem Friedhof und habe Männer fotografiert, Männer, die ich nicht gefragt habe, stumme Männer, diesen hier zum Beispiel:

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Das ist die Grabbüste des Malers Adolph Menzel, dessen Bild „Eisenwalzwerk“ in der Alten Nationalgalerie mich immer wieder überwältigt. Ich wollte schon lange mal diese Friedhöfe besuchen, die so nahe liegen und die ich – wahrscheinlich genau deswegen – auf meiner Friedhofsbesuchsliste immer wieder nach hinten geschoben habe. Auf Friedhöfen bin ich gern. Sie sind Oasen der Ruhe, man hört das Getriebe der Stadt gedämpft, von fern ein paar Autos und Sprechchöre einer Demonstration, sonst nur Schritte auf dem Kies, Vögel, das Rauschen des Windes. Auf diesen Friedhöfen gibt es sehr viele Bildnisse von Männern auf den Gräbern – und Engel. Ich habe keine einzige Frauenbüste gefunden. So war das eben damals, als die prächtigen Familiengräber und Erbbegräbnisse angelegt wurden: Männer waren sichtbar in der Öffentlichkeit, Frauen blieben im Hintergrund, erst recht nach ihrem Tod. Inzwischen haben sich die Begräbnissitten geändert. Die alten Grabmale, manche so groß wie kleine Ferienhäuser, verfallen, viele Gräber sind überwuchert, es gibt Rasenflächen für anonyme Urnenbestattungen, an deren Ränder Blumentöpfe stehen. In einem steckte eine Karte, ein später Liebesbrief an den vor zehn Jahren verstorbenen Mann, ich hörte nach den ersten Zeilen auf zu lesen, weil er eben nicht anonym war und ich mir vorkam wie ein Eindringling in eine Privatheit, die in ihrer Trauer doch die Öffentlichkeit zu Zeugen dessen machen wollte, was gewesen ist und immer noch betrauert wird.

Zu den gewandelten Sitten gehört es, kleine Bänke neben den Gräbern aufzustellen. Oder Klappstühle bereitzuhalten, so wie hier (die müssen natürlich gut gesichert werden, denn sonst fände man sie bald auf dem Flohmarkt wieder oder wer weiß wo):

DSCI0011Eine andere neue Begräbnismode, die an die alten prachtvollen Bildnisse anknüpft: Auf manchen Grabsteinen sind Fotos in den Stein eingelassen. Und da sind es dann eher die Frauen, die mit einem Foto verewigt werden. Oft zeigt es sie in der Blüte ihrer Schönheit, vielleicht aufgenommen zu der Zeit, als der Hinterbliebene sie kennenlernte. Wird so die Erinnerung idealisiert? Bei den Männern dominiert dagegen eher der Realismus. Was werden spätere Besucher über unsere Zeit denken, wenn sie diese Bildnisse betrachten, sorgfältig zurechtgemachte Frauen, gut frisiert, schön geschminkt, in feinen Kleidern – und Männer in offenen Polohemden? Welche Vermutungen über die Rollen der Geschlechter werden die Nachgeborenen anstellen, wenn sie unsere Gräber sehen?

Mir gefällt, wie die Friedhöfe in dichtbebauten Vierteln als Orte der Ruhe und der Erholung genutzt werden. Hier auf den Friedhöfen gibt es ein Café in der alten Kapelle. Das hilft, den Verfall der Bauwerke aufzuhalten durch eine neue Nutzung. Und es hilft, vertraut zu werden mit dem Tod, der uns allen gewiss ist. Der schönste Friedhof, was das betrifft, ist rund um eine Kirche angelegt, direkt neben dem Spielplatz des zu dieser Gemeinde gehörenden Kindergartens. Vielleicht haben Kinder, die neben Gräbern spielten, mal weniger Angst vor dem Tod? Friedhofsruhe, das kann so vieles sein, auch viel Gutes.

Der Sommer geht…

…die Abende sind kühler, es wird viel zu früh schon dunkel und morgens nur zögernd hell. In der Luft liegt Abschied, Herbstkühle, eine leise Melancholie. Jedes angerissene Streichholz versetzt mich in eine kleine Stadt in den Bergen, in der es im Herbst nach Holzfeuer riecht, in einen Garten hinter hohen Mauern, die die Wärme halten, zu Aromen, die es hier nicht gibt, wirklich sonnenreife Tomaten, pfeffriges Basilikum, erstes Fallobst. Ich blättere mich durch einen Stapel alter Zeitschriften, auf der Suche nach Bildern von Mittelgebirgen, Fachwerkhäusern, unregulierten Flüssen. Wonach habe ich Sehnsucht? Nach einem Ort, wo sich die Menschen täglich begegnen, grüßen, einander nach dem Wohlergehen erkundigen? Nach Überschaubarkeit, einer kleinen Welt zu Fuß? Ist es die Furcht vor dem Winter in der Stadt, vor Schneematsch, S-Bahn-Störungen, Split und Schotter unter den Sohlen? Das wird, wenn ich Glück habe, noch drei, vier Monate auf sich warten lassen. Bin ich einfach urlaubsreif? Ja, das könnte es sein, richtige Ferien habe ich mir lange nicht gegönnt. Luftveränderung, Abwechslung, schnell noch einmal wegfahren und Raum schaffen für das andere Gefühl, das sich um diese Zeit immer eingestellt hat: Schulanfang! Das habe ich immer sehr gemocht. Neue Hefte kaufen und in Schönschrift den Namen aufs Etikett schreiben, das Federmäppchen aufräumen, die Stifte spitzen, einen neuen Radiergummi kaufen… Wegfahren, um wieder bei mir anzukommen. Mal sehen, was mir dazu einfällt.

Zuckerfesthimmel

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Vor ein paar Tagen war ich sehr früh wach, nebenan wurden wieder Tonnen gewuchtet, ich tappte zum Fenster und sah nach, wer da diesen Radau veranstaltete: Der Abholdienst für Speisereste. Der 24-Stunden-Köfteladen, wieder mal. Da ich nun schon wach war, setzte ich das Teewasser auf und schaute mir die Morgenstimmung in der Straße an. Die Kürbiskernschalen und Zigarettenkippen vom Abend vorher lagen noch herum, in der Ferne war das Blinklicht der Stadtreinigung zu sehen, die Männer mit den Besen näherten sich langsam. Alles wie immer. Nur etwas war anders: Es waren viel mehr Leute auf der Straße als sonst um diese Uhrzeit, fast ausschließlich Männer, in frischgebügelten Hemden, sie gingen schnell und entschlossen, aus jeder Haustür traten sie heraus, bildeten kleine Gruppen, die Halbwüchsigen ein paar Schritte hinter den Älteren, die ihre kleinen Söhne und Enkel an der Hand hielten: Der Morgen des Zuckerfests. Später saßen sie im Café gegenüber, zur Feier dieses ganz besonderen Tages. Manche kamen mit festlich verpackten Sträußen aus dem Blumenladen an der Ecke, andere trugen Tüten vom Bäcker. Am Abend dann waren die Familien, Väter, Mütter, Kinder, Tanten, Onkel, Nichten und Neffen, mit Kartons voller Baklava unterwegs zu den älteren Verwandten. Und zur Feier dieses ganz besonderen Tages hatte sich der Himmel in ein Kleid aus Zuckerwatte gehüllt – wie passend und wie schön.

Ich mag diese feierliche Stimmung mitten in unserem Alltag, einmal im Jahr im Hochsommer, die so ganz anders ist als die Heiligabendstimmung zur dunkelsten Zeit, wenn auch meine laute lebhafte Straße einmal zur Ruhe kommt. Und ich freue mich darauf, die Nachbarinnen in den nächsten Tagen endlich wieder beim Tee im Garten zu treffen.

Wassertonnenbegegnung

Vor ein paar Tagen, während ich mit meinen Freundinnen und ein paar Zufallsgästen im Garten beim Abendessen saß, goss sich an der Wassertonne einer der Bewohner aus den Wohnmobilen, die seit Monaten beim Garten parken, immer wieder Wasser über den Kopf. Jemand fotografierte ihn und forderte ihn auf, es nochmal und nochmal zu tun. Ich bin dann hin und habe sie gebeten, das Wasser nicht auf den Weg zu kippen, damit man da noch trockenen Fußes gehen kann. Sie waren ganz freundlich – das ist nicht immer so, besonders wenn viel Alkohol im Spiel ist.

Später dann kam der Fotograf zu uns an den Tisch und brachte uns Einladungen für die Eröffnung seiner Ausstellung in der benachbarten Kirche. Da war ich nun und habe die Bilder betrachtet, Fotos von Straßenmusikern und anderen Menschen auf der Straße, die oft übersehen werden, in einem aufwendigen Verfahren auf Untergründe aus übereinandergeklebten Plakaten entwickelt. Durch den Untergrund wirken die Bilder fast wie Objekte. Und in der großen Kirche, die auch eine ständige Ausstellung zur Historie dieses besonderen Ortes zeigt, hängen sie sehr schön.

Das Tüpfelchen auf dem i war der Musiker, der erst auf dem kircheneigenen Flügel und dann auf seinem mitgebrachten Klavier spielte, Chopin und dann, in Abänderung des Programms und zu Ehren des Künstlers Pablo Ocqueteau, der aus einem spanischsprachigen Land kommt, Stücke von Isaac Albéniz und Enrique Granados, zu denen er kleine Geschichten zu erzählen wusste. Und zum letzten Stück, das ein Tanz war, forderte er uns auf, herumzugehen und die Bilder zu betrachten. Das war ein ganz zauberhafter Abend, von dem ich vielleicht nicht erfahren hätte, wäre nicht mein deutscher Ordnungssinn wieder mal mit mir durchgegangen.

Hier ist ein Video, das den Pianisten vorstellt, ein ganz besonderer Mensch.