Grünkohlzeit

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Diese Prachtstück wächst seit Monaten seiner Vollendung entgegen. Anfang der Saison, als im April endlich der letzte Schnee vom Beet schmolz, fand ich einen winzigen Grünkohlsetzling, übriggeblieben vom letzten Jahr, ein Kümmerling, eingepflanzt ohne rechte Hoffnung, das was draus werden würde, einfach so, weil: auf den Komposthaufen schmeißen kann ich ihn später immer noch. Und dann hat er sich ohne mein Zutun zum aktuellen Blickfang meines Beetes entwickelt, ist einfach immer weiter gewachsen, hat dem Mehltau getrotzt und den Schnecken. Und je schöner und prächtiger er wird, desto schwerer fällt es mir, ihn zu ernten. Grünkohl kenne ich bisher nur als Wintergemüse, und so kalt ist es zum Glück noch nicht. Gestern las ich von einer Amerikanerin in Paris, die den Franzosen das Trendgemüse ihrer Heimat New York nahebringen will, für das es in der fremden Sprache noch nicht einmal einen eindeutigen Namen gibt. Hierzulande ist Grünkohl eine deftige Unterlage für fettes Fleisch und eine Wurst mit einem ekligen Namen, ein Vorwand, viel Schnaps zu trinken zur Verdauung. Einmal habe ich kale chips gemacht, eine Knabberei, die als sehr in und sehr gesund gilt: Grünkohl in chipsgroße Stücke schneiden, mit Olivenöl benetzen, mit Salz bestreuen und auf einem Blech im heißen Ofen knusprig backen. Viel Aufwand für ein Ergebnis, das mich nicht recht überzeugt hat. Ich werde weitersuchen nach Rezepten und meine friesische Palme solange wachsen lassen, bis ich etwas gefunden habe, das ihrer würdig ist. Vielleicht lassen sich von so viel Schönheit die Wintersalate anspornen, die bisher eher lustlos vor sich hinvegetieren. Und vielleicht wird das ja auch noch mal was mit dem goldenen Herbst. Die Grünkohlzeit kommt gewiss, früher oder später.

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Blaue Blumen

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Ich bin eine Blumenfrau. Ich kenne viele mit Namen, weiß, wann sie blühen, wo sie wachsen, ob sie in der Vase halten. Als ich vor ein paar Jahren in diesen Stadtteil gezogen bin, freute ich mich sehr, als ich entdeckte, dass es eine erstklassige Blumenpflückwiese in der Nähe gibt, ein Stück vom ehemaligen Grenzstreifen, auf dem sich über die Jahre eine beachtliche Flora angesiedelt hat. Natternkopf, Rainfarn, Kornrade, Wegwarte, Klee, Gräser, wilde Rosensträucher, Holunderbüsche und vieles andere. Seitdem gehe ich kaum noch ohne Taschenmesser aus dem Haus und komme selten von Besorgungen zurück, ohne ein paar Minuten mit Blumenpflücken verbracht zu haben. Und auf jedem Flohmarkt halte ich nach schönen Vasen Ausschau. Dieses kleine Väschen habe ich für achtzig Cent erstanden, es passt genau für kleine Blumen und einzelne Blüten, die ich oft aus dem Garten mitbringe. Auf dem Foto sind es Anisysop, Feld-Rittersporn und eine der letzten Malvenblüten, dazu die ersten beiden Kastanien dieses Herbstes. Eine Augenweide, eine Alltagsfreude, ein Zeichen der wechselnden Jahreszeiten in der Wohnung. Glück in Blau.

Fenster zum Hof

Mein Schlafzimmer geht auf den Hinterhof. Das bringt Geräusche: Geschirrklappern nachts um zwei, wenn der rund um die Uhr geöffnete Imbiss im Nachbarhaus bei offenen Fenstern den Abwasch erledigt. Oder die Nachbarin, die ihrem Harry sonntags früh um vier gelegentlich die Sally macht – das weckt in mir mitten in der Nacht nicht den Wunsch „Ich will genau das, was sie hatte“, sondern nur den nach Ruhe im Karton. Auch der Musikgeschmack der Hofbewohner trifft nicht immer meinen Geschmack. Aber die Gerüche versetzen mich manchmal in Urlaubsstimmung: Heute morgen zog der Duft von frisch aufgeschäumter Milch und Kaffee durchs Zimmer – und schon war ich in Italien. Manchmal backt jemand Zimtwecken – Kindheitserinnerungen an Lesestunden mit den Büchern von Astrid Lindgren. Und wenn das ayurvedische Restaurant unten im Haus frühmorgens die Gewürze röstet und ich Lust auf Dhal bekomme, muss ich an die Hochzeit in Indien denken, auf der ich vor vielen Jahren zu Gast war. Selbst der etwas faulige Biotonnengeruch gehört irgendwie zum Sommer, der dieses Jahr schön war und sonnig und warm und genau die richtige Menge Regen brachte fürs Beet, erfreulicherweise oft nachts. Am Morgen roch die Welt dann wieder frisch, auch in unserem Hinterhof.