Fischfang

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Mein Lieblings-Sonntagsspaziergang führt auf den Flohmarkt am Ufer. Meist habe ich irgendwas, das ich suche: Wassergläser (sehr schwer zu finden, die scheinen nicht nur bei mir schnell kaputt zu gehen), Hosen (letzter Fund: eine Levis 501 für fünf Euro), eine große Salatschüssel (neulich sah ich eine sehr schöne, aber die hatte leider schon zu viele Macken). Und manchmal finde ich was, von dem ich gar nicht wusste, dass ich schon lange danach gesucht habe. Diesen Fisch hier zum Beispiel. Ich sah ihn und mochte ihn sofort. Auch den Preis, drei Euro für was Schönes ist ja wirklich nicht viel Geld. Trotzdem verkniff ich mir den Kauf. Weil: Eigentlich brauche ich gar keine fischförmige Keramikschale in einer Größe, die höchstens für ein paar Kekse zum Tee geeignet ist. Oder für Schlüssel – aber die haben einen anderen festen Platz. Oder für die Streichhölzer neben dem Gasherd – doch auch dafür gibt es schon ein sehr schönes kleines Tellerchen. Und da ich versuche, nichts Unnützes in der Wohnung anzusammeln, sagte ich dem Fisch adieu. Mit ein wenig Wehmut, denn irgendwas an ihm hat irgendwas in mir sehr berührt, und ich kann nicht sagen, was.

Zwei Wochen später war ich wieder auf dem Flohmarkt, diesmal mit einem eigenen Stand. Denn es sammeln sich übers Jahr doch immer wieder Dinge an: Klamotten, die ich nicht anziehe, Bücher, die ich garantiert nicht noch mal lesen werde, Handarbeiten – so viele Schals, wie ich letzten Winter gestrickt habe, kann ich beim besten Willen nicht tragen -, mein Blumenvasenvorrat reicht für mehrere Haushalte und die Kiste im Keller wollte ich auch schon ewig loswerden. Zwei Freunde, die mitmachten, fanden sich schnell. Wir bekamen einen Stand genau an der Stelle, die ich mir gewünscht hatte, das Wetter war perfekt, unsere Mischung an Krempel sorgte schon beim Auspacken für reges Interesse, wir waren versorgt mit Tee und Proviant und schöner Musik – genau so soll ein Flohmarktsonntag sein. Als alles aufgebaut war, zog ich noch mal los, mich umschauen, man muss ja wissen, was die Konkurrenz so anzubieten hat. Und da sah ich ihn wieder, den Fisch, meinen Fisch. So schön, wie ich ihn in Erinnerung hatte, mit diesen intensiven Farben und dem Auge, das mich so klar und unverwandt anschaute. Ich zählte ohne zu feilschen von meinem Wechselgeld drei Euro aus meiner Blechdose und nahm ihn mit. Die Frau am Stand spuckte aufs Geld – es war ihr erster Verkauf an diesem Tag – und wünschte mir Glück. Das hatte ich auch: Bin fast alles losgeworden, hatte nette Begegnungen, konnte eine neue Besitzerin für mein schönes Windsorkostüm finden, das mich durch eine Zeit in meinem Leben begleitet hat, der ich nun lange genug nachgetrauert habe. Ich ging mit leeren Kisten, einer vor Münzen berstenden Blechdose, ein paar knisternden Scheinen in der Hosentasche nach Hause. Und mit dem Fisch, der mich an etwas erinnert, auch wenn ich noch nicht weiß, an was.

Geschmacksperlen

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Das sind die letzten Tomaten für dieses Jahr. Winzig klein, diese fünfzehn wiegen zusammen keine dreißig Gramm. Voller Aroma, obwohl sie wirklich nicht mehr viel Sonne abbekommen haben. Rote Murmel heißt die Sorte, eine alte Wildtomate. Einmal gepflanzt, verbreitet sie sich seit vier Jahren von allein im Garten, trotzt der Braunfäule und dem Klau, wird nicht ausgegeizt, braucht keine Pflege, nur ein bisschen Wasser. Und sie schmeckt genau, wie Tomaten schmecken müssen. Paradeiser – der österreichische Name ist schon sehr treffend.

Langsam machen wir den Garten winterfest. Gestern haben wir Obststräucher umgesetzt, die Hecke aufgefüllt, für einen kleinen Apfelbaum einen besseren Platz gefunden, den Keller aufgeräumt, noch einmal im Freien Kaffee getrunken, alle Kekse aus den angebrochenen Packungen verspeist, den verklumpten Zucker aus den Gläsern gekratzt. Zum Mittagessen gab es Kürbissuppe, gekocht von den Kindern des Schülerklubs, die uns ganz wunderbar den Tisch gedeckt und sogar für Nachtisch gesorgt haben. Das war noch mal ein richtig schöner Herbsttag.

Der Feldsalat ist aufgegangen. Alles, was jetzt noch auf dem Beet ist, übersteht auch kältere Temperaturen. Im Regal steht der Geschmack des Sommers: Marmelade, Ketchup, Kürbis süß-sauer nach dem Rezept meiner Urgroßmutter. Es geht auf den Winter zu.

Eintrittskarte

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Endlich hab ich wieder einen. Weiß gar nicht, warum ich so viele Jahre keinen hatte… Meine erste Beute: Zwei fette Krimis, im Buchhandel vergriffen, beim Büchertisch nicht gefunden und bei der Tauschbörse hätte ich zu lange warten müssen, zu lange für den Auftrag der Sorte Am-besten-gestern. Zum ersten Mal seit langer Zeit also wieder dieses wunderbare Bibliotheksgefühl: eine gewisse legere Feierlichkeit, Ruhe und Zeitungsrascheln im Lesesaal und vor allem der Blick auf Regale voller Schätze. Es ist nicht so, dass ich keine Bücher in meinem Leben hatte in den letzten Jahren, im Gegenteil. Gerade am Sonntag habe ich wieder eine große Kiste auf den Flohmarkt getragen und den Rest bei der Tauschbörse eingestellt. Sie kamen nur nicht aus der Bibliothek. Ich kaufe sie – meine Straße ist mit sechs Buchläden ein Paradies des inhabergeführten Buchhandels -, ich bekomme sie geschenkt, ich tausche mit Freunden und Familie und in der besagten Börse. Darüber sind mir die Bibliotheken aus dem Blick geraten. Selten war ich mal dort, und wenn, dann in einem Speziallesesaal, um in Zeitschriften aus dem vergangenen Jahrhundert zu blättern oder für eine Arbeit zu recherchieren. Aber ich habe mich dort schon lange nicht mehr mit Stoff versorgt.

Lesen ist eine meiner frühesten Leidenschaften. Ich lernte lesen mit meinem Opa. Wenn wir meine Oma, die in der Innenstadt arbeitete, von der Straßenbahnhaltestelle abholten, saß ich in dem kleinen Gepäckfach hinterm Rücksitz seines Käfers und fragte die Buchstaben auf den Autokennzeichen aus ihm heraus. Bald konnte ich buchstabieren und von da war es zum Lesen nicht mehr weit. Ich hatte einen Ausweis für die Stadtbücherei, bevor ich in die Schule kam, und ich war stolz, dass ich, als wir später mit der Klasse der Bücherei einen Besuch abstatteten, meinen Mitschülern erklären konnte, wie der Laden läuft. Die Bibliothekarin, Frau Günther, legte mir immer die neuen Bücher zur Seite und wollte wissen, was ich davon halte. Ganze Winternachmittage habe ich zwischen den Regalen verbracht, umhüllt von dem besonderen Bibliotheksgeruch nach Papier und den altmodischen Ölöfen, mit denen damals noch geheizt wurde. Ich verliebte mich in Typen wie Timm Thaler, spionierte mit Harriet meine Umgebung aus, hielt mich von allem fern, was mit Cowboys und Indianern zu tun hatte, kannte mich dafür im Gemeindebau aus, wo das Personal von Christine Nöstlinger wohnte. Irgendwann wechselte ich von der Kinder- und Jugendbuchabteilung im 1. Stock ins Erdgeschoss zu den Erwachsenen. Und von der Literatur ins Leben: Ein paar Jahre las ich kaum, nur noch das nötigste für die Schule.

Später an der Uni flammte sie dann heftig wieder auf, die Liebe zum Lesen. Ich saß gerne im Lesesaal, mein Lieblingsplatz war auf einer Empore neben den Freihandregalen für die Opern- und Filmzeitschriften. Und während ich meine Referate und Hausarbeiten schrieb, gönnte ich mir immer mal wieder eine Pause mit „Sight and Sound“ oder der „Opernwelt“. In Bibliothekslesesälen schmachtete ich aus der Ferne andere stille Papierarbeiter an, einmal bildete ich mir ein, einen Verehrer zu haben, der immer zur selben Zeit wie ich in die Mensa ging. Leider haben wir nie einen Tee zusammen getrunken. Wer weiß, was aus mir geworden wäre… Aber das kann ja alles noch kommen. Denn ich habe wieder einen Bibliotheksausweis!

On the run

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Am Wochenende hatte ich eine wichtige Aufgabe: meinen Schwager anfeuern, der seinen ersten Marathon lief. Lange bevor ich den vereinbarten Posten erreicht hatte, hörte ich ein seltsam raschelndes Geräusch, das ich nicht einordnen konnte. Die Erklärung lag dann buchstäblich auf der Straße:

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Tausende ausgetrunkene und weggeworfene Wasserbecher, die beim Drüberlaufen einen ganz eigenen Sound erzeugten. Bei Kilometer 15 war ein Versorgungsstüztpunkt, es gab Äpfel und Bananen in handlichen Stücken, Tütchen mit einem speziellen Gel, das mit ganz viel Wasser hinuntergespült werden musste – und gleich daneben den Sanitäterwagen und ein paar pinke Klohäuschen. Nur die Menge der Anfeuernden war überschaubar, keine Massen, sondern Einzelne, die Freunde, Kollegen oder Verwandte unterstützten. Früher wohnte ich in einem anderen Stadtteil, im letzten Streckendrittel, da war das Läuferfeld immer schon ziemlich auseinandergezogen und die Gesichter von den Strapazen deutlich gezeichnet. Da tut dann eine Sambakapelle wohl, die gute Stimmung macht unter den Zuschauern, die wiederum alles tun, diese gute Stimmung an die Sportler weiterzugeben, die an diesem Punkt alle schon Helden sind. Mein Schwager, der bei Kilometer 15 noch aussah wie gerade frisch losgelaufen, erzählte hinterher, wie sehr ihn die Menge getragen hatte auf diesen letzten Kilometern und wie wichtig es ihm war, dass über die gesamte Strecke verteilt immer wieder bekannte Gesichter auf ihn warteten.

Was für ein schönes Bild für unseren Lebenslauf: Auch wenn wir, anders als beim Marathon, die Länge der Strecke nicht kennen, können wir doch sicher sein, dass unterwegs Menschen stehen, die für uns sorgen, wenn wir es brauchen, und uns anfeuern, auch wenn sie uns gar nicht persönlich kennen.