Revolutionsbedarf

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Manchmal, wenn ich Besuchern mein Kreuzberg zeige – das Bethanien mit der Apotheke, in der Fontane zwei Diakonissen ausbildete, unseren Nachbarschaftsgarten, die Markthallen, die abgerissene Brücke an der Spree mit dem schönen Ausblick -, manchmal kommen wir dann auf dem Heimweg am Gemischtwarenladen mit Revolutionsbedarf vorbei. Noch nie habe ich mir Gedanken darüber gemacht, was es da gibt und wer den betreibt. Seltsam eigentlich, denn sonst bin ich immer auf der Suche nach Informationen, so, als würde das Entdeckte, das Gesehene erst wirklich, wenn ich es nachlesen kann. Am Montagabend war ich wieder mal unterwegs, mit einem früheren Schulkameraden, an den ich kaum Erinnerungen hatte außer, dass ich einmal, ein einziges Mal, mit seiner Truppe Fußball spielen durfte – wo ich doch so gerne zu den Jungs gehört hätte. Wir kamen also zum Ende unseres Spaziergangs, froren, hatten Hunger, spät war es, wir waren schon mehr als zwei Stunden unterwegs gewesen in der Kälte, immer war mir noch etwas eingefallen, das ich ihm unbedingt zeigen wollte, wir bogen um die Ecke und beiläufig wies ich auf das Ladenschild, kaum zu erkennen hinter all den aufgetürmten Sachen, deshalb erwähnte ich den Revolutionsbedarf, ganz beflissene Stadtführerin – mein Schulkamerad lebt in der Provinz, wo es so etwas ganz bestimmt nicht gibt, und ich wollte ihn beeindrucken mit meinem bunten Viertel. Da sprach uns der Mann an, dem der Laden gehört, nie vorher hatte ich ihn wahrgenommen. Er bat uns, nachzuschauen, ob eine Kindermatratze, die aus der offenen Heckklappe eines Transporters ragte, noch gut genug sei, um sie an jemanden weiterzugeben, der sie brauchen kann, und ob wir sie ihm in den ersten Stock tragen könnten. Ich habe Schwierigkeiten, jemandem, der mich freundlich bittet, etwas abzuschlagen, zumal wenn das Gegenüber in seiner Beweglichkeit eingeschränkt ist und mich dieser kleine Gefallen nichts kostet. Ich drückte meinem Begleiter die Tüte mit dem Salat, den ich eben noch im Garten geerntet hatte, in die Hand und war schon dabei, die Matratze ins Licht einer Straßenlaterne zu tragen. Der Typ vom Laden fingerte in seinem Ausschnitt nach einem Schlüssel, fand ihn nicht, nahm dann ein anderes Schlüsselband vom Hals, einen Schnürsenkel, an dem mehrere Schlüssel festgeknotet waren, gab mir einen, dann noch einen und wies mich ein: Durch den Laden, am Rollstuhl vorbei, dann rechts bis zur Tür, die aufschließen, ins Treppenhaus und oben dann die andere Tür aufschließen, andersrum, und die Matratze abstellen. Ich fand alles genau wie beschrieben, kam wieder runter, nachdem ich alle Türen sorgfältig verschlossen hatte. Unten hatte der Ladeninhaber gleich einen neuen Auftrag: ob wir ihm einen Fernseher von oben holen könnten. Also noch einmal rauf, diesmal nicht durch den Laden, denn die Haustür war noch offen. Mir ist es unangenehm, in anderer Leute Wohnungen rumzuschnüffeln, wir sahen uns nur um und konnten keinen Fernseher entdecken in diesem sorgsam geordneten Durcheinander von Dingen, die irgendwer irgendwann noch brauchen kann. Wieder runter ohne Fernseher, er beschrieb uns noch einmal genauer, wo der stand, es gäbe sogar zwei – ich war unschlüssig, hungrig, fand das jetzt auch genug der Kiezexotik. Da schenkte mir der Mann einen wunderbaren Satz, dessen Wortlaut ich leider nicht mehr zusammenkriege, der sinngemäß lautete, dass man Autonomie nicht nachgetragen bekommt, sondern sich nehmen muss. Ich traute mich, nein zu sagen. Wir gingen und hörten ihn singen hinter uns.

Diese Woche war eine besondere, irgendwas hat dieser Satz in mir bewegt, freigelegt, losgetreten. Irgend etwas ist mir klar geworden, im Englischen heißt das viel anschaulicher „everything falls into place“, alles war vorher schon da, aber erst jetzt, wo alles an seinem Platz ist, ergibt es einen Sinn, das Ganze. Vieles war anders in den letzten Tagen.  Plötzlich konnte ich mich wieder als autonomes Wesen begreifen, nicht mehr gesteuert von irgendwelchen Sätzen aus der Vergangenheit, hinter denen ich mich lange versteckt hatte. Plötzlich war mir klar, warum ich vor ein paar Wochen angefangen hatte, wieder Schiller zu lesen. Plötzlich konnte ich wieder in den Spiegel sehen. Ein Anfang. Es besteht weiterer Revolutionsbedarf. Und es fühlt sich verdammt gut an.

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Teekannentrümmer

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Soll ich? Noch ein allerletztes Mal…? Nur bis ich eine neue habe, eine neue Teekanne? Die sind so schwer zu finden, entweder tröpfeln sie oder es passt nicht genug Tee rein oder sie passen nicht unter meinen handgenähten, heißgeliebten Teewärmer oder sie sind hässlich oder teuer oder beides… Wenn ich ein wenig überlege, fallen mir bestimmt noch tausend weitere Ausreden ein, warum ich mir jetzt auf keinen Fall überstürzt eine neue Kanne kaufen kann. Sondern lieber die alte noch einmal zusammenflicke, wie schon so oft in den letzten Jahren. Die Tube mit dem Spezialkleber jedenfalls reicht noch eine ganze Weile. Andererseits lösen sich die mühsam wieder zusammengepuzzelten Teile in immer kürzeren Abständen, und wirklich schön sieht es auch nicht aus.

Mich von alten, liebgewordenen Dingen trennen fällt mir nicht leicht, solange sie noch irgendwie funktionieren. Alte Jeans wegwerfen? Ganz, ganz schwierig. Für den Garten gehen sie doch noch. Oder für die nächste Renovierungsaktion. Zum Kelleraufräumen, Fahrradreparieren, Freunden beim Umzug helfen… Mit all den Hosen, die ich für solche Zwecke horte, müsste ich professionell gärtnern, Trödelfrau werden oder Möbelpackerin. Oder mir eine stabile Nähmaschine besorgen und Hüllen für Smartphones draus basteln. Für alte T-Shirts habe ich eine neue Verwendung gefunden: In schmale Streifen zerreißen und Badematten draus häkeln. Aber was lässt sich aus einer alten, endgültig kaputtgeliebten Teekanne machen? An der so viele Erinnerungen hängen, die so viele Umzüge überstanden hat, die mir einfach ans Herz gewachsen und für die Ersatz zu finden so schwer ist. Immerhin fiel mir neulich auf dem Flohmarkt schon mal eine Arzberg-Kanne ins Auge. Leider zu klein, zu teuer und überhaupt…

Diesen Sommer habe ich endgültig begriffen, dass das nichts mehr wird mit mir und dem Mann, der mir mein halbes Leben lang der Liebste war. Geschieden sind wir schon seit zwei Jahren, Freunde sind wir geblieben, aber das mit der Liebe kriegen wir nicht mehr hin. Diese Liebe ist so alt wie die Teekanne. Und mindestens so oft wie die Kanne habe ich versucht, sie zu retten. Es ist mir beides nicht gelungen. Und so ist es an der Zeit mich umzusehen. Nach einer neuen Teekanne. Und vielleicht auch irgendwann wieder nach einer neuen Liebe. Braucht jemand eine noch ziemlich volle Tube Porzellankleber?

Vorher – nachher

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So sieht sie aus, meine Zimmerpflanze, nach dem Sommer. Irgendwie ausgeglichener, oder? Auch wenn da noch was geht, weil das mit dem Freiluftquartier dieses Jahr nicht geklappt hat. Mehr Licht durch eine sanfte Drehung, ein paar Hände voll Komposterde, jede Woche Dünger und viel liebevolle Zuwendung, das macht schon was aus. Ich hoffe jetzt, dass sie gut über den Winter kommt, und nächstes Jahr finde ich ihr eine Sommerfrische, versprochen!

Wie geht es mir, nach dem Sommer? Besser als vorher, auch wenn es sich zwischendurch nicht so angefühlt hat. Ich habe noch mal kräftig ausgemistet in meinem Leben, mich von vielem getrennt, von liebgewordenen Erinnerungen, von Vorstellungen darüber, wie mein Leben zu sein hat, von alten Ängsten. Auch da geht noch was, aber es wird.