Aufräumarbeiten

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Gemischte Post, circa drei Pfund, aufbewahrt in einer Papiertüte, in der ich mal einen Sechswochenvorrat vom besten Brot überhaupt aus Südtirol nach Hause geschleppt habe. Ich habe ein paar Freundinnen – und einen Freund -, mit denen ich mir schreibe, seit Jahren, zum Teil Jahrzehnten schon und immer noch: handgeschriebene Briefe, Zeitungsausrisse mit Anmerkungen, Notizen auf irgendwelchen Zetteln und viele sorgfältig ausgesuchte Postkarten mit einem Motiv, das zur Nachricht passt. Diese Post sortiere ich in schönen stabilen Tüten: eine lindgrüne von Ladurée für die Freundin, mit der ich vor vielen Jahren einen sehr schönen Paris-Urlaub verbracht habe, eine Edelkaufhaustüte mit schwarzen und cremefarbenen Rauten für die, der ich, wenn sie nach Berlin kommt, immer besonders schöne neue Läden zeige, eine riesige Tüte für die Post meiner großen Familie und noch ein paar Tüten mehr. Und dann gibt es noch gemischte Post: kleinere Briefsammlungen, die allein keine Tüte füllen. Diese Briefe habe ich in den letzten Tagen sortiert, wiedergelesen, aufgeräumt und zum Teil weggeworfen. Schweren Herzens weggeworfen, mich noch einmal an gemeinsame Erlebnisse erinnert, mir dann aber eingestanden, dass sich allein aufgrund eines Packen alten Papiers wohl nicht mehr anknüpfen lässt an Freundschaften, die zum Teil vor mehr als einem Vierteljahrhundert zum Erliegen kamen.

Aufräumen gehört zu meinen liebsten Beschäftigungen in der staden Zeit, wenn zwischen den Feiertagen die Ruhe einkehrt und ich darüber nachdenke, was das Jahr mir beschert hat an Einsichten und Erlebnissen, an erfüllten Wünschen und unerlösten Sehnsüchten. Das Wiederlesen alter, wirklich sehr alter Briefe hat mir deutlich gemacht, welchen Weg ich seitdem zurückgelegt habe. Und wenn er mir auch zwischendurch wie ein Umweg erschienen ist, war die Richtung doch erkennbar. Und um den Kurs auch im neuen Jahr halten zu können, habe ich mir ein paar Dinge vorgenommen. Ich will tanzen lernen oder wiederlernen – keine Ahnung, ob ich es noch kann, keine Ahnung, wann ich überhaupt zum letzten Mal getanzt habe. Wenn die gute Fee käme, wünschte ich mir von ihr so eine Art Alte-Musik-Disko – ich würde zu gern mal zu sowas tanzen! All diese wunderbare Musik war doch früher tatsächlich Tanzmusik. Und es fände sich bestimmt jemand, der noch weiß, wie man Sarabandes, Rigaudons, Allemandes, Gigues, Tambourins tanzt, das müsste sich prima auf Musik von Rameau zum Beispiel machen lassen. Ich will endlich auch mal wissen, was mein kleines Beet so hergibt übers Jahr oder ob die Sache mit der autonomen Vitaminversorgung nur eine nette Marotte ist. Deshalb werde ich ein neues Blog einrichten und notieren, was ich geerntet und was ich daraus zubereitet habe: Hier entlang, bitte. Und ich will sehen, ob es mir gelingt, mich noch einmal zu verlieben, nicht nur ins Leben – das klappt schon ganz gut -, sondern in einen Menschen. Ich würde gern mal wieder Liebesbriefe schreiben, richtige, mit Füller auf Papier. Und die Gegenstücke in einer schönen Tüte sammeln. Könnte ein spannendes Jahr werden, dieses 2014.

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Zwischen den Jahren

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Ich mag die Tage zwischen Weihnachten und Dreikönig. Und ich mag den Ausdruck zwischen den Jahren, der die Zeitlosigkeit genau bezeichnet: die Lücke zwischen dem Mond- und dem Sonnenkalender, den Stillstand, den Moment zwischen Ausatmen und Einatmen. Zwischen den Jahren, zwischen den Zeiten, zwischen den Welten, die in den Rauhnächten, so der alte Glaube, durchlässig werden. Die Ruhe lässt Fragen an die Oberfläche kommen, die sich im Alltag allzu leicht wegschieben lassen: Wer bin ich gewesen im ausgehenden Jahr? Wer will ich gewesen sein am Ende des vor mir sich ausbreitendenden Jahres? Was will ich noch abschließen, zuende bringen, zu einem guten Ende, wenn möglich? Was lasse ich zurück, was nehme ich mit ins neue Jahr? Welche Adressen übertrage ich ins neue Notizbuch (ich bin aus dem vorigen Jahrhundert, ich führe noch Adressbücher und Kalender aus Papier – einen besonders schönen habe ich gerade von einer sehr aufmerksamen Freundin zu Weihnachten bekommen, siehe oben)?

Ich mag es, wenn es für ganz kurze Zeit still wird in meiner lauten Straße (vor ein paar Jahren gab es mal an Heiligabend zur besten Bescherungszeit einen Stromausfall, da war es wirklich nicht nur still, sondern auch dunkel – sehr schön und sehr besonders). Ich mag es, wenn nichts getan werden muss. Ich mag es, meinen Gedanken nachzuhängen, ich mag es, beim Kochen zu improvisieren, wenn ich etwas beim Einkaufen vergessen habe, ich mag, dass es noch nicht mal E-mails zu lesen gibt in diesen Tagen – selbst die Spammer scheinen Ruhe zu geben. Ich mag es, den gelangweilten Jugendlichen zuzuschauen, wie sie untätig durch die Straße streifen und kaum etwas mit sich anzufangen wissen – es erinnert mich daran, wie zäh früher zwei Wochen Weihnachtsferien werden konnten, wenn alle Bücher ausgelesen und die Stadtbücherei noch geschlossen war. Langeweile kann ein sehr produktiver Zustand sein. Ja, es liegt so etwas wie fruchtbare Langeweile überm Land in diesen Tagen. Wenn die Läden wieder aufhaben und die Busse wieder im üblichen Takt fahren an den wenigen Werktagen bis Dreikönig, wird es sich trotzdem nicht anfühlen wie normale Werktagshektik. Alle Büros in der Gegend sind ausgestorben, die Mittagessenlokale haben Ferien bis ins neue Jahr. Ich werde meinen Neffen fragen, ob er mit mir ins Naturkundemuseum geht, irgendwann in den nächsten Tagen. Ich werde lesen, Briefe schreiben, die Steuererklärung vorbereiten. Ich werde auf keinen Fall waschen, damit sich eventuelle Boten aus einer anderen Welt nicht in der aufgehängten Wäsche verfangen können, ich werde von den Vorräten leben – es wird viel Risotto geben in der nächsten Zeit -, ich werde meine Träume notieren, einen für jede der zwölf Rauhnächte, und mir ausmalen, was mir die kommenden Monate bescheren. Ich werde ein paar Tage lang das Gefühl genießen, alles sei möglich. Und dann versuchen, das Unmögliche in die Tat umzusetzen. Wenn die Zeit wieder gezählt wird. Im neuen Jahr.

Abschied

Vor ein paar Tagen hörte ich im Radio, dass mein Lieblingsbariton Tom Krause gestorben ist. Sehr traurig. Ich weiß noch genau, wann ich seine Stimme zum ersten Mal bewusst gehört habe: Kurz nach meinem 26. Geburtstag. Ich hatte mir eine Gesamtaufnahme der „Così fan tutte“ gewünscht, auf Platte, obwohl damals alle schon CDs hatten – und ich hatte noch nicht mal einen eigenen Plattenspieler. Im Phonohaus, der ersten Adresse für solche Einkäufe in meiner Heimatstadt, einem Plattenladen mit legendär guter Beratung, erstand meine Mutter damals die Einspielung unter Arnold Östman, eine Studioproduktion nach einer Aufführungsserie im Schlosstheater von Drottningholm, und schenkte sie mir. Ich hütete das Haus von Freunden, die im Skirurlaub waren, legte die Platte auf – und schon die ersten Töne der Ouvertüre elektrisierten mich: Flirrend und geheimnisvoll, im Tempo viel schneller als alle anderen Aufnahmen und Aufführungen, die ich bis dahin gehört hatte. Ich hörte sie immer und immer wieder, ganz laut – ich hatte ja ein Haus für mich allein -, bis ich sie auswendig und die Partie des Guglielmo mitsingen konnte: Donne mie, la fate a tanti, a tanti... Diese Stimme traf mich unmittelbar, warm, dunkel, geheimnisvoll, schwarzer Samt.

Bald darauf sang er am Opernhaus in meiner Stadt. Ich sah ihn einige Male auf der Bühne, öfter noch in Liederabenden, im Schlosstheater in Schwetzingen, in der Alten Oper in Frankfurt, mit den Kindertotenliedern, mit Brahms, Strauss, Mussorgskis Liedern und Tänzen des Todes, der Dichterliebe, die er mit seinem Begleiter Irwin Gage attacca gab, ohne Pausen zwischen den einzelnen Liedern – seitdem kann ich das nicht mehr anders hören. Und später, ich hatte inzwischen einen tragbaren CD-Spieler, war er mein Begleiter auf vielen Zugfahrten. Ich dachte oft daran, ihm einmal zu schreiben, wie sehr mich sein Gesang durch mein Leben begleitete, in schönen und in schweren Stunden, wie sehr mich seine Stimme im Innersten berührte; ich habe es nie getan, leider. Auf dem Zettel für wenn ich tot bin steht ein Lied, das ich mir, von ihm gesungen, zum Abschied wünsche: An eine Äolsharfe von Brahms. Er muss ein guter Lehrer gewesen sein, wie gern wäre ich wenigstens für die Dauer eines solchen Meisterkurses mal ein talentierter Bariton gewesen… Farewell!

Wintergarten

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So sieht er aus, der Garten am Beginn des Winters. Es gibt fast nichts mehr zu ernten, fast alle Blüten sind verblüht, fast alle Farben sind verschwunden. Es bleiben Strukturen vor Nuancen von Grün, Braun und Grau. Wir lassen die Samenstände wie hier die vom Anisysop stehen, weil es schön aussieht, wenn Schnee darauf fällt, weil vielleicht doch noch der eine oder andere Vogel etwas zu essen findet und weil wir uns überraschen lassen, wo im Garten Ableger auftauchen in der nächsten Saison. Anisysop lockt mit seinen violetten Blüten, die wie Flaschenputzer aussehen, Bienen und Hummeln an. Er breitet sich aus, wenn man ihn lässt. Wie so vieles andere auch. So manches kommt im Garten zum Vorschein, das nur günstige Bedingungen braucht, um sich zu entfalten: Einen guten Boden, etwas Dünger – Mist vom benachbarten Kinderbauernhof kann wahre Wunder wirken -, ein bisschen liebevolle Zuwendung, manchmal das beherzte Rausreißen eines Nachbarkrauts, das ein zartes Pflänzchen zu ersticken droht. Und Wasser, ausreichend Wasser, nicht zuviel und nicht zuwenig. Das reicht eigentlich schon für einen Sommer voller Blüten, Gemüse, Kräuter, Salat, Duft, Genuss, Geschmack.

Was auch gedeiht im Garten: Nachbarschaft, Gemeinschaft, Begegnungen, Freundschaften, Engagement. Auch das braucht günstige Bedingungen, den Raum, sich auszuprobieren, sich zu entfalten, zu wachsen. Auch das folgt bestimmten Rhythmen, im Sommer ist viel los, im Winter eher Ruhephase. Und doch gibt es auch im Winter Strukturen – ein paar feste Termine, unser Winteressen, unser großes Plenum für die Planung der kommenden Saison. Wir zehren von dem, was wir im Sommer geerntet und eingemacht haben, Marmeladen, eingelegtes Gemüse, getrocknete Kräuter, Tee, Erinnerungen. Und sammeln Ideen für den nächsten Sommer. Mal sehen, was wo aufkeimt, Wurzeln schlägt und Blüten treibt. Auf manches kann man sich verlassen, einiges wird uns überraschen. Immer ist der Beginn der Saison ein Termin, auf den wir uns alle freuen nach einem langen Winter.

Lade jemand Gefährlichen zum Tee ein…

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… heißt es in einem Gedicht, das mir seit einiger Zeit immer wieder über den Weg läuft und mich wie ein Ohrwurm verfolgt: Irgendwas hat es, aber hauptsächlich nervt es mich. Warum eigentlich? Die Geschmackspäpstin in mir stellte es schon beim ersten Lesen unter Kitschverdacht. Die Skeptikerin zweifelte sofort die angebliche Urheberschaft von Joseph Beuys an – dem bin ich einmal in meinem Leben begegnet, da wirkte er auf mich nicht, als würde er solche Gedichte verfassen. Das Kind in mir hat feine Antennen dafür, wann es für uneingestandene Wünsche gestandener Erwachsener herhalten muss („Spiele mit allem, unterhalte das Kind in dir, du bist unschuldig…“) und wird schon aus Prinzip bei jedem Imperativ erst einmal bockig. Und warum soll ich „aus Liebe“ „verweigern ‚verantwortlich zu sein'“? Ich fand die englische Version des Gedichts auf der Seite der Amerikanerin SARK: „How to be an artist“ heißt es dort. In Buntstiftfarben und leicht krakeligen Buchstaben bietet sie es als Poster zum Verkauf – unsere Urgroßmütter mussten die Sprüche, die ihnen den rechten Weg weisen sollten, noch in Kreuzstich auf Stoffstreifen sticken, mit denen sie dann ihre Aussteuerschränke verzierten. In der deutschen Version des Gedichts gibt es übrigens einen bemerkenswerten Sprung in der Übersetzung: Aus den snails, die man beobachten lernen soll, wurden Schlangen, das klingt doch gleich viel verwegener.

Dabei ist eine Einladung zum Tee, ausgesprochen an eine oder einen Unbekannten, in unserer Kultur verwegen genug. Gefährlich erscheint uns doch fast jeder, den wir nicht kennen, über den wir uns nicht vorm ersten Treffen im Netz kundig gemacht haben oder – und nun wird es wirklich verwegen – über den da nichts zu finden ist. Den wir nicht schon abschätzen können, bevor wir ihn überhaupt näher kennenlernen, der sich der Einordnung entzieht, von dem wir nicht wissen, was wir erwarten können. Und was heißt überhaupt gefährlich – wenn man mal davon absieht, dass ich niemanden in meine Wohnung lassen würde, den ich auf Anhieb unangenehm finde, aber diese Gefahr war wohl nicht gemeint in dem Gedicht. Wer wäre mir gefährlich? Jemand, der mir unheimlich ist? Der Händler mit den außerordentlich spitzen Eckzähnen, bei dem ich immer eine Verwandtschaft mit einem gewissen Transsylvanier vermute, der traurige Ladenbesitzer, der viel zu oft rauchend draußen steht, der Verkäufer, der seit einiger Zeit eine neue Figur hat, aber immer noch die alten Dienst-T-Shirts aufträgt, die ihm jetzt um den Körper schlottern? Und warum eigentlich nur Männer? Hier im Viertel gibt es viel mehr Geschlechter als nur die beiden, die man auf Formularen ankreuzen kann. Jemand, der mein Weltbild auf den Kopf stellt? Mir seines um die Ohren haut? Worin bestünde die Gefahr – doch hauptsächlich darin, dass wir einander sehr schnell langweilten. Jemand, der mich herausfordert? Zu was? Verführt? Will ich verführt werden? Ich komme nicht weiter, wenn ich versuche herauszufinden, was es mit dem Gefährlichen auf sich hat. Ich werde backen, meine Keksdose auffüllen, und dann können sie kommen, die sympathischen Unbekannten. Ich werde sie fragen, ob sie lieber Darjeeling, Oolong oder einen schönen rauchigen Lapsang Souchong mögen. Und dann sehen wir weiter.    *) Ach, übrigens habe ich eine neue Teekanne, etwas zu klein, dafür tropft sie nicht und war nicht teuer – ein Aushilfsmodell, bis mir die genau richtige Kanne übern Weg läuft.