Traumhaus

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Seit ein paar Tagen steht dieses Holzhäuschen mitten im Schneematsch gegenüber dem Obststand, der bei diesen Temperaturen seinen Betrieb eingestellt hat. Ich denke an Mignons Lied: Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn, im dunklen Laub die Gold-Orangen glühn… Und an die Blutorangen meiner Kindheit, die Struwwelpeter hießen und Moro und einzeln in bunt bedruckte Seidenpapierchen gewickelt waren. Ich denke an meine Begeisterung, als ich meinen ersten echten Orangenbaum sah in einer Straße in La Spezia und es gar nicht fassen konnte, dass darunter Früchte lagen, die niemand aufhob. Und ich träume von Wärme, von Farbe und Licht, während ich mir an der Treppe zur U-Bahn den Schnee aus den Profilsohlen klopfe. Ich sitze in der Bahn und denke mich weg in ein anderes Klima, in ein wärmeres Land, in eine Gegend, wo kein Split gestreut werden muss, den ich unter den Schuhen in die Wohnung trage. Und weiß genau, ich würde mit beständigen 25 Grad nicht klarkommen, würde den Wechsel der Jahreszeiten vermissen, würde die Blutorangen nicht zu schätzen wissen, die es nur einmal im Jahr für ein paar Wochen gibt. Ich mag die saisonalen Genüsse, den ersten Spargel, die ersten Erdbeeren direkt vom Beet, den ersten Klarapfel im August, frage im Herbst dem Mann auf dem Markt ein Loch in den Bauch, wann es endlich Nüsse gibt. Und die Vorfreude und das Warten erhöhen den Genuss. Das Holzhäuschen aus Obstkisten wäre mir im Sommer vielleicht gar nicht aufgefallen. Nur weil es im Schnee steht, löst es Träume und Sehnsucht aus. Straßenkunst.

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Schnee und Blutorangen

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Mit diesem Vitamingemetzel beginnt mein Tag, wenn es wieder Blutorangen gibt. Schnee und Blutorangen, das ist für mich Januar. Es ist nun doch noch kalt geworden, es hat geschneit, die Tage werden heller. Die Sonne scheint wieder auf die Wand im Hof gegenüber, jeden Tag etwas mehr. Der Abendhimmel leuchtet elegant. Lichtblicke. So wie der Anblick der gestapelten Zitrusfrüchte am Fuß der S-Bahn-Treppe, ein sonniges Farbenmeer: Orangen, Zitronen, Sastumas, Limetten, Pomelos und wer weiß was noch. Ein alle Sinne ansprechendes Glühen, das noch der verschnupftesten Nase den Duft von Süden suggeriert. „Allet een Dollar, für een Dollar!“ raunt mir der Verkäufer beschwörend zu, als er meinen Blick bemerkt. Am liebsten hätte ich mich vom Treppenabsatz hineingestürzt und ein Goldbad genommen wie Dagobert in seinen Talern.

Ohne den Schnee und die Kälte, die diese Woche über die Stadt gekommen ist, hätte ich diesen Anblick, diese Pracht vielleicht gar nicht zu schätzen gewusst. Zitrusfrüchte gibt es schließlich das ganze Jahr über. Aber nie schmecken sie mir so gut wie im Januar. Dann riecht meine Wohnung nach Hyazinthen, dieses Jahr blühen sie in aparten Farben zwischen Bischofsrot und Kardinalspurpur, sie duften dezenter und zugleich komplexer als die blauen und rosafarbenen. Dazu passen die Blutorangen, farblich und im Geschmack. Ungleich eleganter als ihre plumpen Schwestern, die Navelorangen, die immer ein wenig aussehen wie schlecht operiert und im Sonnenstudio auf eine einheitliche Farbe gebracht, langweilige Dinger, das ganze Jahr über zu haben. Blutorangen dagegen… Die machen sich rar. Kalt muss es sein, richtig kalt, dann entfaltet sich ihr Geschmack in seiner ganzen Fülle. Säure und Süße und Saftigkeit im genau richtigen Verhältnis, bei den sehr dunklen Sorten noch ein Hauch Pfeffrigkeit, der sich gut verträgt mit grobem Salz, Olivenöl und hauchfein gehobelten roten Zwiebeln. Winterfreuden. Wie der frische Schnee, der vor ein paar Tagen die Stadt und mein Beet überzog. Weiterer Schneefall ist angesagt. Solange es Blutorangen gibt, ist er auszuhalten, der Winter.

Aufräumarbeiten, Teil III

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Da brennen sie, die alten Tagebücher. In der Feuertonne bei uns im Garten. Nebenan auf dem Grill ein Topf Glühwein. Drumherum die Gartenfreunde, ein paar waren mit auf der Demo, die anderen kamen von der Arbeit oder einfach so, zum ersten Mal waren wir zusammen im neuen Jahr und haben angestoßen darauf, dass es ein fruchtbares werde.

Ich hatte lange überlegt, wie ich das mit dem Verbrennen nun mache. Erst wollte ich allein im Garten ein Feuer machen, da brannte in unmittelbarer Nachbarschaft ein Wohnwagen aus und kurz darauf ein zweiter, beide Male Brandstiftung. In der Situation wollte ich allein im Garten nicht mit offenem Feuer hantieren. Ich überlegte, zum Grillplatz zu gehen, aber das hätte viel Schlepperei bedeutet zu einem doch recht weit entfernten Ort. Dann geriet das Vorhaben ein wenig in Vergessenheit. Und als dann klar war, es gibt ein Neujahrsfeuer im Garten, habe ich mir einfach den Rucksack mit dem Papier geschnappt und bin hin. Eine dreiviertel Stunde lang habe ich Seiten zusammengeknäuelt und in die Tonne geworfen und mich dabei mit den Gartenfreunden unterhalten, übers Schreiben mit der Hand, über das Tagebuchführen, über das Lesen der Aufzeichnungen anderer, von dem eine seltsame Faszination ausgeht, man weiß, dass man das nicht lesen soll und kann es doch nicht lassen. Einer erzählte, wie er mal einen schönen Koffer im Müll fand, den er mitnahm, weil er ihn brauchen konnte, und als er ihn zuhause öffnete, fand er zerschnittene Fotos und Liebesbriefe, die er einfach lesen musste – hinterher war es ihm ein wenig peinlich, aber lange nicht so peinlich wie das Lesen im Tagebuch seiner Mutter, das sie mal in seinem Zimmer hatte liegen lassen.

Die andern fragten mich nach meinem Gefühl beim Verbrennen meiner Vergangenheit. Ich hatte keine Antwort darauf, da war kein besonderes Gefühl, nichts Feierliches oder Wehmütiges, keine große Erleichterung, keine Reue, noch nicht einmal ein leises Bedauern. Ich habe mich hinterher selbst gefragt, ob ich was vermisst habe. Nein. Der Abschied von diesen Aufzeichnungen war lange vollzogen. Erst der Entschluss, überhaupt darüber nachzudenken, was mit ihnen geschehen solle. Dann der Versuch, noch einmal reinzulesen – ungefähr so erhellend, wie dem ausgespuckten Schaum vom Zähneputzen hinterherzuschauen, ich habe im Gespräch am Feuer von ‚mentalem Zungenbelag‘ gesprochen, sehr zur Erheiterung meiner Beetnachbarin.

Was ich, anders als ursprünglich gedacht, nicht verbrannt habe: die Briefe einer langjährigen Freundin, zu der die Freundschaft vor einiger Zeit unreparierbar kaputt gegangen ist. Die hätte ich nicht in Gegenwart der anderen ins Feuer werfen wollen. Auch wenn ich jetzt wieder ratlos bin, was ich damit machen soll: doch noch eine Weile aufheben, oder sie ihr zurückschicken? Das hieße aber, den Kontakt wieder aufnehmen. Und das will ich nicht, kann ich nicht. Also liegenlassen. Vielleicht ist eines Tages eine Entscheidung gereift. So wie die, die Morgenseiten ganz unspektakulär zum Wärmen meiner Gartenfreunde beim ersten Treffen des Jahres zu verwenden.

Glückstopf

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Zum ersten Mal hat mir jemand Glücksklee zum Neuen Jahr geschenkt, komplett mit Schornsteinfeger. Ich habe mich sehr darüber gefreut. Und überlege jetzt, wie ich die kleine Pflanze übers Jahr bringen kann. Schließlich kann man das Glück nicht einfach in die Biotonne werfen, wenn es verwelkt ist, oder? Vielleicht in den Garten pflanzen? Im Prinzip möglich, aber bei den Temperaturen, die wir hier üblicherweise im Winter haben, riskant. Was also machen mit dem Glück im Töpfchen? Vielleicht zunächst einfach akzeptieren, dass Glück sich nicht konservieren lässt und dass ein Glücksklee wie alles, was wächst, Zyklen durchläuft. Zeiten strotzender Fülle wechseln ab mit Zeiten, in denen sich die Pflanze zurückzieht und Kraft sammelt für die nächste Wachstumsphase. Ich werde also einen hellen kühlen Platz finden für meinen Glücksklee (kühl ist einfach in meiner Wohnung, hell wird schwieriger), ihn übern Sommer in mein Beet umsiedeln, darauf hoffen, dass er blüht, sich vielleicht sogar vermehrt und mir keine Sorgen machen, wenn die Blätter verschwinden. Im Herbst werde ich die Zwiebeln wieder in Töpfe setzen. Und dann kann ich vielleicht zum nächsten Jahreswechsel Glücksklee aus eigenem Anbau verschenken. Das wäre schön. Denn wie heißt es: Glück wird nicht weniger, sondern mehr, wenn man es teilt.

Aufräumarbeiten, Teil II

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Gesammeltes Elend. Anders kann man diesen Haufen Papier nicht nennen. Morgenseiten aus den Jahren 1998 bis 2012, fünfzehn Jahre Traumfetzen, Aufwachstimmung, Belag auf der Seele, zwischen Schlaf und Wachen niedergeschrieben ohne großes Nachdenken, mit Bleistift in Notizbücher, die immer schöner und kostbarer wurden. Anfangs waren es Chinakladden, Schulhefte, Spiralblöcke, was sich halt fand. Dann bekam ich mal ein Traumtagebuch geschenkt und später kaufte ich mir richtige Notizbücher mit festem Einband (darauf schreibt es sich gut im Bett, auf den Knien) und glattem Papier, auf dem der Stift nur so dahinfliegt. Morgenseiten – eines der Hilfsmittel aus dem Weg des Künstlers von Julia Cameron, einem Zwölf-Schritte-Programm, wie bei den Anonymen Alkoholikern, für „recovering artists“. Wie eine von einer Abhängigkeit Genesende fühlte ich mich, als ich kürzlich beim Aufräumen wieder in diesen Morgenseiten las. Kaum auszuhalten, was da an Schmerz und Kummer festgehalten ist, über Jahre, anderthalb Jahrzehnte. Was habe ich alles versucht, den Erwartungen zu entsprechen, denen anderer und mehr noch meinen eigenen an mich selbst. Das kommt mir jetzt, mit etwas Abstand, vor wie die ständige Verschönerung eines Käfigs, die Gitterstäbe mal so, mal anders angestrichen, mal verhängt mit luxuriösen Gardinen, mal freigelegt und zwischen ihnen hindurch den Blick ins Weite gerichtet, um das Naheliegende nicht sehen zu müssen.

Autonomie ist das Wort, das mir zur Zeit überall entgegenleuchtet, mich als Wesen der Freiheit begreifen und aus dieser Freiheit heraus handeln. Theoretisch weiß ich, wie es geht, aber mir fehlt die Übung, nach so vielen Jahren vergeblichen Bemühens, ein Plansoll zu erfüllen, ohne den Plan zu kennen, geschweige denn den Vertrag zu dessen Erfüllung bewusst unterzeichnet zu haben. Es ist Zeit für ein starkes Ritual. Werde nachher zur Drogerie gehen und Anzünder kaufen, werde Streichhölzer und ein bisschen Weihrauch und das ganze geduldige Papier in meinen Rucksack packen, mir einen Grillplatz suchen und in der Abenddämmerung die Morgenseiten verbrennen. Und dann mit leichterem Gepäck nach Hause gehen, vielleicht mit einem kleinen Umweg über den Laden mit Revolutionsbedarf, und mich darum kümmern, mir meiner eigenen Gefühle und Bedürfnisse gewahr zu werden. Besser spät als nie.