Froschkönig

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Da thront er, am U-Bahnhof Prinzenstraße. Wie oft bin ich da schon durchgefahren, eingestiegen, ausgestiegen und nie ist er mir aufgefallen. Bis mich letzten Freitag ein Freund darauf aufmerksam machte, der ihn zufällig entdeckte. Wir saßen ins Gespräch vertieft nebeneinander in der Bahn, als er plötzlich mitten im Satz unterbrach und sagte: „Schau mal, da sitzt ein Frosch!“ Heute bin ich extra noch mal mit dem Rad hingefahren, um ihn mir genauer anzusehen. Erst war ich am falschen Bahnhof, ich hatte mir die Station nicht gemerkt. Aber dann ging mir ein Licht auf: Wo sonst soll ein gekröntes Haupt sitzen als an der Prinzenstraße? Und da sitzt er offenbar schon ziemlich lange. Dem Staub nach zu urteilen wird er auch nur selten geküsst. Zu weit oben. Vielleicht will er gar nicht mehr in einen Prinzen verwandelt werden?

Prinzen müssen heute ein Profil haben, lustige Sachen über sich schreiben können, es reicht nicht mehr, als alter Wasserpatscher in einem Brunnen zu sitzen und gelegentlich goldene Bälle heraufzuholen, die Prinzessinnen da hineingefallen sind. Und auch dann wird einem die versprochene Belohnung ja nicht freiwillig zuteil. Das Märchen endet damit, dass der Frosch an die Wand geworfen wird und sich in einen Prinzen verwandelt, „der war nun nach ihres Vaters Willen ihr lieber Geselle und Gemahl.“ Wer will das schon. Da sitzt es sich doch besser hoch droben über dem Geschehen, gegenüber der Badeanstalt, die längst ein Prinzessinnenbad ist. Einmal im Jahr kommt jemand von der BVG mit einem feuchten Lappen und putzt dem Frosch das Maul. Und die Kugel war schon 1902, als der Bahnhof gebaut wurde, nicht mehr gülden, sondern aus weißem Porzellan. Immerhin hat damals jemand ziemlich viel Humor bewiesen, der seitdem bei öffentlichen Verkehrsbauten eher aus der Mode gekommen ist. Oder kennt jemand einen modernen Bahnhof mit einem Froschkönig?

Zwischenzeit

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Ein Bild vom Beet, rechts der Zuckerhut, links der Feldsalat, der eine nicht mehr richtig gut, der andere noch nicht ganz ausgewachsen. Nicht mehr Winter, noch nicht Frühling. Wenig zu tun im Moment außer abwarten. Das macht mich ganz kribbelig. Wie gern würde ich schon… Ich könnte den Zuckerhut ernten, vielleicht lässt sich doch das eine oder andere Blatt noch verwenden, ich könnte probieren, ihn wie Radicchio zu schmoren. Oder ihn an die Tiere im Kinderbauernhof verfüttern und mir dafür ein bisschen Mist holen, mit dem könnte ich das Beet vorbereiten. Irgendwas tun, nicht einfach nur warten auf den Frühling.

Mein ganzes Leben kommt mir gerade vor wie mein Beet. Die neuen Ideen noch nicht ganz ausgegoren, die Lebenslust noch im Winterschlaf, die Laune auf der Hut vor einem möglichen Kälteeinbruch. Wie heißt es? Gras wächst nicht schneller, wenn man dran zieht. Also die Ideen noch ein bisschen düngen, den Boden bereiten, die Werkzeuge pflegen, einen Plan machen. Für den Garten heißt das: Weniger Zuckerhut nächste Saison, den Feldsalat früher aussäen. Mal andere Sorten ausprobieren. Und eine gute Balance finden zwischen Aktionismus und abwarten. Tee trinken. Da müsste noch getrocknete Pfefferminze sein vom letzten Sommer…

Wirf deine Angst in die Luft…

Diese Zeile aus einem Gedicht von Rose Ausländer stand auf der Neujahrskarte eines Kollegen. Seit Wochen ging sie mir nicht mehr aus dem Kopf. Das klingt so verlockend, wirf sie einfach von dir. Aber wie schnell muss ich dann weglaufen, damit sie mich nicht erschlägt, wenn sie wieder runterfällt – denn meine Angst stelle ich mir vor wie einen großen schweren Brocken. Wenn ich es überhaupt schaffe, sie hochzuwerfen. Ich müsste sie mit beiden Armen packen und hochwuchten und dann noch genug Kraft haben, sie wegzuschleudern, nicht nach vorne, sondern nach oben in die Luft. Schwer vorstellbar. Ich konnte ja nicht mal den Schlagball werfen bei den Bundesjugendspielen, er landete immer recht nah bei meinen Füßen.

Heute nacht träumte ich die Lösung. Ich kletterte an einer Voliere hoch, einer sehr hohen Voliere, zehn, fünfzehn Meter mindestens. Ich war ungesichert, hatte nur meine Hände und Füße, keinen Helm, kein Sicherungsseil zum Einhaken in der Metallkonstruktion, die für eine Voliere sehr stabil war, ungefähr so wie ein riesiger Hochspannungsmast, der auf der Seite liegt, schmaler werdend zum einen Ende hin und mit einem feinen Drahtgitter ausgeschlagen. Nach oben klettern war einfach, immer den Blick in die Höhe gerichtet und mit den Füßen, die in Schuhen mit griffiger Sohle steckten, nach der nächsten Sprosse tastend. Oben angekommen sah ich dann den traurigen Bewohner der Voliere, einen Adler, der kaum die Schwingen ausbreiten und fliegen konnte. Sein Käfig war oben offen, aber das sah er wohl nicht. Ich nahm ihn auf den Arm und warf ihn in die Luft und er flog davon. Im Aufwachen wusste ich, dass meine Angst kein Felsbrocken ist, sondern ein eingesperrter majestätischer Vogel, der den Ausweg nicht finden kann.

Jetzt muss ich nur noch den Abstieg schaffen von der Höhe der Voliere, ohne Helm und Sicherungsseil, ohne nach unten zu sehen, eine Sprosse nach der anderen mit den Füßen ertasten. So endet das Gedicht: Sei was du bist. Gib was du hast.