Anbeeten

DSCI0002 Vorher…

Anbaden, ansegeln. Die Saison eröffnen, mit einem kleinen feierlichen Gefühl im Herzen. Gestern hat mein Beetnachbar (ein Wort, das gesprochen manchmal für Verwirrung sorgt und die Frage auslöst, wer das ist, der da offenbar immer neben mir betet) das schöne Wort anbeeten gesprochen – und diesmal war ich es, die nicht sofort begriffen hat, zumal wir es kurz davor von religiösen Dingen hatten.

Anbeeten also, das erste Mal gärtnern, die Werkzeuge aus dem Keller holen, das Beet inspizieren, den letzten Salat ernten, den Kerbel kosten, ob er schon schmeckt, schauen, ob der Schnittlauch sich gegen die Traubenhyazinthen durchsetzen kann, die so ähnlich aussehen und mit ihrem Grün so viel Platz wegnehmen, dabei sollen sie doch ihre ganze Kraft in Blüten stecken. Und dann anfangen mit dem Ausrupfen von Unkraut, mit der Begradigung des Beetrandes, vielleicht doch mal mit dem Sauzahn durchs Beet, hier was rausreißen, das den Winter nicht überstanden hat, da den Lavendel zurückschneiden, die Akelei umpflanzen, die vertrockneten Stengel abschneiden… Zwischendurch eine Pause auf dem Mäuerchen in der Sonne, mitgebrachten Kuchen essen, die Saatgutkiste aufräumen, überlegen, was wir bestellen sollen. Und die Saisoneröffnung genießen.

DSCI0007 … nachher

Das erste Mal, dieses Jahr. Erste Male sind immer was besonderes. Und es könnte sie viel öfter geben. Irgendwann, als ich Kind war, wurde mir bewusst, dass jeden Morgen ein neuer Tag beginnt, der zwar so ähnlich zu werden verspricht wie die Tage davor, aber eben nur ähnlich und nicht gleich. Jeder Tag war ein kleines bisschen anders als die anderen Tage, jeden Tag gab es etwas anderes zum Mittagessen, der Stundenplan unterschied sich von Wochentag zu Wochentag, das Wetter änderte sich, die Jahreszeiten. Und ich wurde auch eine andere mit jedem Tag. Nie wachte ich als genau die auf, die ich noch am Vortag gewesen war. Irgend etwas Neues hatte ich gelernt, erfahren, erlebt. Und ich spürte, dass mich das veränderte.

Diese Fähigkeit, jeden Tag als einen besonderen zu sehen in seiner Einzigartigkeit, habe ich mir bewahrt. Ich kann mich jeden Morgen am Anblick des Lichts in meiner Straße freuen, das jeden Tag ein wenig anders über die Häuserwände fließt. Ich kann mich freuen über den Amselmann, der mir jeden Morgen ein wenig früher den Wecker ersetzt. Vor ein paar Tagen habe ich mich sogar über den venezianischen Nebel gefreut, der die Geräusche dämpfte und den Kaffeeduft vom Laden gegenüber anders riechen ließ, so ein bisschen nach Meer irgendwie. Und oft singt es dann in mir. Vielleicht sind anbeeten und anbeten doch ein und dasselbe?


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