Bleu mourant

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Sterbendes Blau: Die Traubenhyazinthen sind fast verblüht, ein einzelnes kleines Vergissmeinnicht trägt das Blau, blasser, an dieser Stelle im Beet weiter. Leise Wehmut darüber, dass schon wieder vergeht, was doch gerade erst begonnen hat. Noch ist der Rest des Gartens voller himmelblauer Polster, die Vergissmeinnicht breiten sich jedes Jahr weiter aus, inzwischen auch in einer weißen Art. Daneben protzt gelb der Löwenzahn, den noch so eifriges Ernten der zarten Blätter vor der Blüte – das ergibt einen angenehm bitteren Salat – nicht daran gehindert hat, sich auszubreiten. Blaue Blüten sind meine liebsten, Feldrittersporn, der in der Dämmerung leuchtet, Borretschblüten im Salat, Vergissmeinnicht, die in der Vase weiterwachsen und dabei immer blasser werden. Blaue Blüten scheinen mir vergänglicher als die in anderen Farben. Vielleicht würde man mit Planung ein langes blaues Blühen hinkriegen. Aber zumindest im Garten plane ich nicht, da warte ich meist einfach nur ab.

Die Vergissmeinnicht kamen von selbst, wer weiß woher. Dafür gehen manche Samen nicht auf, die in planvoller Absicht in die Erde gebracht wurden. Mein Feldsalat hat mich letzten Winter im Stich gelassen, zumindest der aus der Samentüte, den ich rechtzeitig – dachte ich – noch ausgesät hatte. Dafür ist welcher gewachsen an Stellen, wo ich sicher bin, keinen gesät zu haben. Den lasse ich jetzt schießen und Blüten bilden, die sich dann vielleicht im Herbst wieder in Salat verwandeln. Beobachten, wachsen lassen, möglichst wenig eingreifen und staunen, was sich einfindet, das ist es, was mir mein kleines Beet so lieb macht. Wenn irgendwann vielleicht die Tagetes aufgehen, die ich zwischen die Traubenhyazinthen gesät habe, wird aus dem sterbenden Blau ein leuchtendes Orange. Und wenn nicht, dann eben nicht.

Handschriftenkunde

 

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Kürzlich gab mir mein Beetnachbar Saatgut für unsere Tauschbörse mit, Kopfsalatsamen von der Sorte mit dem schönen Namen Bunte Forellen, Markstammkohl, Tagetes, die Tütchen alle ordentlich beschriftet mit Datum und Informationen zur Anzucht. Bei der Gelegenheit sah ich zum ersten Mal seine Handschrift – und freute mich darüber. Es ist eine schöne Schrift, zierlicher als ich erwartet habe, aber nicht fipsig, gut lesbar, aber nicht schülerhaft, eine ausgereifte, differenzierte Erwachsenenschrift mit ein paar Eigenheiten. Sie passt zu ihm, sie steht ihm richtig gut, ich erkenne ihn in ihr wieder. Vielleicht ist es eine persönliche Schrulle, aber ich habe das Gefühl, jemandem näher zu kommen, wenn ich seine Handschrift kennenlerne. Das passiert leider immer seltener. Philip Hensher beschreibt dieses Phänomen in The Missing Ink – wie wir unsere Handschrift ausbilden und damit uns selbst und was es bedeutet, wenn das wegfällt.

Handschrift ist eine aussterbende Kulturtechnik wie Knopfannähen oder Sockenstopfen. Tippen geht schneller, erreicht viele Adressaten auf einmal, kann nach Belieben geändert, kopiert, neu zusammengesetzt werden, während jede handschriftliche Notiz ein Unikat ist. Und eine Handschrift muss gepflegt werden. Das merke ich gerade selbst. Seit ich vor ein paar Monaten aufgehört habe, Morgenseiten zu schreiben, scheint da eine Art Muskel zu verkümmern. Um nicht aus der Übung zu kommen, schreibe ich jetzt vieles erst einmal mit Füller auf Papier, was ich sonst gleich in den Computer getippt hätte, vor ein paar Tagen zum Beispiel eine längere Übersetzung: alle Gedankenspuren noch sichtbar, alles Durchgestrichene, Überschriebene, neu Formulierte noch zu erkennen, so wie früher, als ich meine Semesterarbeiten mit der Hand schrieb und mich von Version zu Version der Fassung näherte, mit der ich schließlich zufrieden war.

Es ist mir schon passiert, dass ich Menschen – Männer wie Frauen -, die ich auf den ersten Blick ganz interessant fand, nach einem Blick auf die Handschrift anders eingeschätzt habe. Ein Mann, der sehr selbstbewusst daherkam und dann ein ungefähr in der siebten Klasse steckengebliebenes Pubertierendengekrakel offenbarte, hat sich in meiner Wahrnehmung von diesem Attraktivitätseinbruch nie mehr erholt. Oder eine gestandene Frau, der die Wörter zu Fädchen verlaufen – immer wieder rätselhaft für mich, wie Schrift und persönlicher Auftritt so auseinanderklaffen können. Interessant finde ich auch den Zusammenhang zwischen Handschrift und Stimme; zumindest habe ich beobachtet, dass Menschen mit einer mir sympathischen Stimme oft auch eine Schrift haben, die mir gefällt.

Jemand hat eine eigene Handschrift – das sagt man kaum noch, heute spricht man eher vom eigenen Stil. Der lässt sich wechseln, wenn man seiner überdrüssig ist, man legt sich eine neue Frisur zu und tauscht die Garderobe aus, kauft ein neues Parfüm und trägt andere Schuhe. Dafür steht eine ganze Industrie von Stylisten, Personal Shoppern, Style Coaches bereit, davon leben die Frauenzeitschriften. Aber hat man je von einem Handschriftberater gehört? Dabei drückt sich für mich die Persönlichkeit, die die Basis eines jeden Stils ist, viel eher in der Schrift aus, die eine Verlängerung der Körpersprache ist. Vielleicht bin ich deshalb so neugierig auf die Handschrift eines Menschen, weil Verstellung da nicht funktioniert. Und jetzt schreibe ich noch „Brot“ auf meinen Einkaufszettel und schau mal, ob der Asia-Laden aufhat.

 

Begegnung

Unter der Hochbahn am Ufer des Kanals streifte mich Kairòs. Ich bekam ihn zu fassen und nahm mir sein Messer. Davor und Danach trennte ich mit einem sauberen Schnitt. Oben sah ich ihn verschwinden. Vor der Tür verlangten Polizisten meinen Ausweis. Dass ich schon eine andere war, blieb ein Geheimnis.

Selbstbildnis

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Ich muss mir ein neues Bild von mir selbst machen. Ich erkenne mich nicht mehr wieder. Ja, doch, auf eine Art schon. Aber bin das ich? Vielleicht liegt das daran, dass ich keinen Spiegel im Bad habe – für die wenigen Gelegenheiten, wo ich einen brauche, reicht ein kleiner Taschenspiegel. Vielleicht liegt es daran, dass ich in einer Stadt und in einem Kiez wohne, wo es wirklich vollkommen egal ist, wie man aussieht und ich mir diese Haltung zu eigen gemacht habe in den letzten Jahren. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich schon länger konsequent jeder Gelegenheit aus dem Weg gegangen bin, Bemerkungen über mein Aussehen entgegenzunehmen, vor allem von Männern, und ganz in meiner Innenansicht gefangen war.

Neulich beim Abendessen fragte mich jemand (ein ziemlich schöner Mann übrigens), was ein schöner Mann ist. Einer nach meinem Geschmack ist mein Lieblingsmaler Gustave Caillebotte. Was gefällt mir an ihm? Markantes Gesicht, gute Nase, tolle Haare, feine Ohren und dann dieser Blick… So würde ich auch gern aussehen, denke ich manchmal. Das geht natürlich nicht. Andere Knochenstruktur, die Nase, naja, mittelprächtig, ganz andere Haare, und meine Ohren habe ich, wenn ich so überlege, noch nie näher betrachtet. All das könnte man vielleicht richten lassen, da geht ja vieles heute. Bleibt der Blick. Den mag ich an mir; ich kann meine linke Augenbraue einzeln hochziehen, millimeterfein, damit lässt sich viel ausdrücken. Und den erkenne ich auf Fotos auch wieder, der reift auf eine gute Weise mit mir. Während ich mich von innen seit einiger Zeit seltsam alterslos fühle oder, wenn ich mich auf eine Zahl festlegen müsste, wie siebenundzwanzig, sehe ich meinen Augen an, dass sie doppelt so lange etwas von der Welt gesehen haben. Das gefällt mir. Aber ich schweife ab.

Vor allem aber werde ich nie so aussehen, weil ich eine Frau bin. Und da liegt des Rätsels Lösung, möglicherweise. Vielleicht erkenne ich mich nicht mehr, weil ich mich in den letzten Jahren einen Dreck darum gekümmert habe, dass ich eine Frau bin. Es war mir  egal, zu mühsam, vielleicht auch zu schmerzhaft. Ich bestand darauf, in erster Linie ein Mensch zu sein. Was Siebenundzwanzigjährige halt so für Lebensweisheit halten. Wird Zeit, dass ich wieder einen Spiegel im Bad aufhänge. Und irgendwo müsste ich auch noch einen Lippenstift haben.

Idiot

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Ein Idiot ist in der ursprünglichen Bedeutung jemand, der nur sein eigenes Ding macht, der sich um das gemeinschaftliche Interesse nicht kümmert. So jemand muss es gewesen sein, der aus meinem Beet einen knappen halben Meter Traubenhyazinthen in schönster Blüte sauber mit dem Spaten herausgestochen hat.

Vor ein paar Jahren hatte ich ein paar Zwiebeln gesteckt und mich gefreut, als im nächsten Frühjahr die ersten Muscari blühten, in einem leuchtenden Blau, das die Bienen und Hummeln anzieht. Der erste Farbtupfer im Garten, wenn alles gerade erst zu wachsen beginnt. Im Jahr darauf war die Reihe schon doppelt so üppig, und nun, im dritten Frühjahr, ist sie zu einer richtigen Rabatte herangewachsen. Und dann kommt ein Idiot, dem es egal ist, dass da offenbar jemand viel Arbeit in ein kleines Beet steckt, und bedient sich. Das ist so in einem öffentlich zugänglichen Garten, daran kann man nichts machen. Zum Glück war ich nicht allein, als ich das Loch entdeckte. Meine Beetnachbarn waren da und haben mich zum Trost in den Arm genommen, als ich dastand wie ein begossener Pudel und es einfach nicht fassen konnte.

Vielleicht bin ich der Idiot, wenn ich denke, dass ich ein Anrecht habe auf diese vier Quadratmeter öffentlichen Grunds in einem Gemeinschaftsgarten, der nach einem langwierigen Bürgerbeteiligungsverfahren entstanden ist, in dem wir durchgesetzt haben, das wir nicht umsonst den Rasen pflegen, sondern in der Stadt Gemüse anbauen. Da könnte ja jeder kommen – wo kämen wir denn hin, wenn jeder dasselbe Recht für sich beanspruchen würde! Inzwischen im sechsten Jahr ist dieser Garten ein kleines Paradies in einem Bezirk, der mit öffentlichem Grün nicht gerade reich gesegnet ist. Viele Passanten bleiben stehen, folgen unserer Einladung, kommen mit uns ins Gespräch, bewundern, was wir da geschaffen haben, machen Fotos, geben uns Tipps und teilen unsere Freude. Ja, was würde aus einer Gesellschaft, in der alle einen eigenen kleinen Flecken Erde hätten, auf dem sie anbauen könnten, was sie wollen? Bin ich naiv, wenn ich mir wünsche, dass solche Gärten wie unserer eines Tages überall blühen?