Wunscherfüllung

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Gegen Ende meines Studiums, als absehbar war, dass ich bald ein geregeltes Berufsleben haben würde, stellte ich mir vor, an den Wochenenden meine Freunde zum Essen einzuladen, zu Vorspeise, Hauptgang, Dessert und Petit Fours zum Kaffee. Und ich träumte davon, eines Tages ein silbernes Fischbesteck zu besitzen, denn zu ganz besonderen Gelegenheiten würde es selbstverständlich zwischen der Vorspeise und dem Hauptgang noch ein Fischgericht geben. Ich probierte schon mal Rezepte aus: Seezungenröllchen mit Lachsfarce in Safransauce und dazu Wildreis zum Beispiel habe ich in bester Erinnerung und weiß auch noch genau, wem ich es wann serviert habe (meinem Liebsten, als er von seinem Studium im Ausland auf Heimaturlaub war).

Jahre später hatte ich ein Fischbesteck. Der Freund war inzwischen der Ehemann und wir hatten von seinen verstorbenen Eltern 130 Teile in klassischem Design und schwerer Versilberung geerbt, neben dem Fischbesteck jeweils Messer, Gabel, Löffel für Vorspeise und Hauptgang, Kaffeelöffel und Kuchengabeln für zwölf Personen plus Vorlegebesteck. Wir luden oft Freunde zum Essen ein, und tatsächlich gab es nicht selten einen Fischgang und Gelegenheit, das Besteck aus seiner mit Samt ausgeschlagenen Schublade zu holen und aufzudecken. Irgendwann, als ich an einem verregneten Wochenende das Besteck putzte, fiel mir mein Wunsch aus Studientagen wieder ein. Er war in Erfüllung gegangen. Doch was hing nicht alles dran an dem Fischbesteck: Früh verstorbene Schwiegereltern, eine komplizierte Erbauseinandersetzung, eine Schwägerin mit einer Allergie gegen Silber (sonst hätte wohl der Erstgeborene seinen Anspruch darauf geltend gemacht)… Inzwischen liegt unsere Scheidung zweieinhalb Jahre zurück und das Besteck fristet ein vergessenes Dasein in einer Kiste unten in meinem Schrank. Der ehemals Liebste wollte es nicht haben für seine WG, verkaufen ließ es sich nicht, meine Wohnung ist zu klein für Essenseinladungen für zwölf Personen und Fisch isst sich auch prima mit meinen Edelstahlmessern und -gabeln vom Kaffeeröster.

Warum fiel mir das Fischbesteck heute wieder ein? Weil ich wieder Wünsche habe und mir überlege, ob ich wirklich will, dass sie in Erfüllung gehen. Ich male mir aus, wie mein Leben nächstes Jahr um diese Zeit wohl aussehen wird. Schöne Vorstellungen sind das, und es ist Platz in ihnen für einen größeren Esstisch und gelegentlich einen Fischgang. Aber sind sie auch umsetzbar, die Wünsche? Und wie wird es mir gehen, sollten sie sich erfüllen? Sind sie alltagstauglich, könnte ich sie wirklich leben? Oder sollen sie Wünsche bleiben, Träume, Schäumchen, denen ich bei Tee und Orangenstäbchen für ein paar Minuten nachhänge, bevor ich mich wieder den Tagesdingen zuwende? Ich bin sehr gespannt auf das, was vor mir liegt. Und hoffe, dass ich mich in genau einem Jahr wieder an das Fischbesteck erinnern werde.

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Straßenmöbel

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Wenige Tage, und die neue Bank war verschwunden, die Schreinerin und ich brachten noch nicht einmal mehr genug Energie zum Ärgern auf, Ärger lohnt sich, wenn überhaupt, für Dinge, die wir wirklich brauchen, den Wasserhahn zum Beispiel, ohne den geht es nicht. Die Bank lässt sich ersetzen, wer weiß, was sich demnächst findet für den Platz in der Feierabendsonne. Vorgestern fand ich die Bank wieder: Ein paar hundert Meter entfernt vom Garten, in der Bleibe eines Menschen, der unter der Brücke lebt, da, wo früher die Mauer stand und heute die Bezirksgrenze verläuft. Links der Rosengarten mit dem Engelbecken, gestaltet von der Gartendenkmalpflege, rechts der in die Jahre gekommene Grünzug mit dem Brunnen, den ich noch nie mit Wasser drin erlebt habe. Eine Wohnung im Zwischenreich, verborgen im Halbdunkel, geschützt unter dem Brückendach, möbliert mit Fundsachen: Ein Abfallcontainer als Schrank, in dem auch die Matratze Platz findet, ein Einkaufswagen, unsere Bank.

Sollen wir sie einfach wieder in den Garten tragen? Das widerstrebt mir nicht nur, weil ich ungern die Behausungen anderer Menschen ohne Einladung betrete. Das bringt auch wahrscheinlich nichts, weil die Bank sicher bald wieder verschwände, wir können (und wollen) sie ja nicht festschrauben. Am liebsten würde ich mit dem Menschen sprechen, der sich dort eingerichtet hat. Ich werde in den nächsten Tagen öfter mal da vorbeigehen, vielleicht lerne ich ihn oder sie kennen und vielleicht finden wir eine Lösung. Oder noch eine Platte, die wir auf ein Untergestell montieren können, um eine neue Bank zu bauen für den Menschen, der sich im Dazwischen eingerichtet hat. Oder für uns.

Kreislauf

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Eine neue Sitzbank (die alte ist abhanden gekommen) aus Fundsachen von der Straße: einer alten Tischplatte, die schon lange im Keller herumstand, und einer Verpackung für Baumaterial. Die Farbe passt doch sehr gut zur neuen Bemalung der Wand, oder?

So machen wir das im Garten: Wenn wir etwas brauchen, halten wir die Augen offen nach Dingen, die andere nicht mehr brauchen und machen daraus etwas Neues. Angefangen hat es mit alten Transportkisten für Wassermelonen, die zu Kompostkästen wurden (bis wir unseren Kompost rattensicher lagern mussten, aber das ist eine andere Geschichte). Rankgitter aus alten Lattenrosten, ein Tisch aus Bauplanken, Pflanzgefäße aus Tetrapaks, Kartoffelbeete aus Autoreifen, es findet sich immer etwas, das nach einer neuen Nutzung ruft. Das geht genauso gut auch umgekehrt: Wir finden etwas und wissen noch nicht, was mal daraus werden soll. Dann lagern wir es im Keller. Von Zeit zu Zeit, wenn kein Durchkommen mehr ist, wird der Keller aufgeräumt, und dann tauchen die Dinge wieder auf und uns kommt vielleicht eine Idee, was wir daraus machen könnten. Kreisläufe schaffen – das Prinzip eines Gartens: Etwas wächst, blüht, trägt Früchte, bildet Samen, im Herbst kommen die Überbleibsel auf den Kompost, aus dem wird Erde, auf der wieder etwas wachsen kann. Nichts kommt um, alles ist für irgendwas gut.

Wie im echten Leben. Etwas kommt abhanden, eine Arbeit, eine Liebe, der Sinn von’t Janze. Was tun? Neues suchen, die Wunden lecken, sich jeden Tag wieder neu die Frage beantworten, wozu das alles. Sich auf das besinnen, was man wirklich will. Etwas wagen. Die Angst besiegen. Ideen säen, auch wenn nicht jede aufgehen und Früchte tragen wird. Am Ende war alles für irgendwas gut.

 

Maimorgen

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Alles so schön ruhig. Wieder. Und sauber. Das geht immer ganz schnell am Morgen danach. Kaum verebbt der unglaubliche Lärm, den die Technobühne vorm Haus jedes Jahr am 1. Mai erzeugt, ist schon das beruhigende Geräusch der städtischen Kehrmaschine zu hören, die die Straße wieder in einen betret- und befahrbaren Zustand versetzt. Vorher kommt ein Trupp, der in Handarbeit große Haufen zertretener Plastikbecher und weggeworfener Imbissverpackungen zusammenkehrt, die dann von einer Baggerschaufel auf einen Laster verladen werden. Und diesmal kam noch in der Nacht der Regen, der den Geruch nach verbranntem Fleisch, altem Fett und abgeschlagenem Wasser in Hauseingängen in den Gully spülte. Was die Menschen in Massen zu dieser Veranstaltung treibt, wird mir ein ewiges Rätsel bleiben. Wahrscheinlich schon die Musik, die mir so gar nichts sagt, weder Techno noch Punk noch Rock, alles viel zu laut für meinen Geschmack. (Irgendwas ist da bei mir sehr früh auf ein ganz anderes Gleis gelaufen, Rebellion durch Besetzung einer Nische, die garantiert sonst niemand besetzt hat? Mein Musikgeschmack ist ein ganz eigenes Thema, darauf werde ich bei Gelegenheit mal zurückkommen.)

Der Amselmann singt, die nasse Fahne knattert überm vierten Stock, das Quietschen der Busse, wenn sie vor der Ampel bremsen, kündet von einem Alltag ganz im gewohnten Takt. Auf dem Weg zum Bäcker wird der Geruch nach frischen Sesamkringeln mit jedem Schritt verführerischer. Rund um den Blumenladen breitet sich ein farbiger Teppich aus. Vorm türkischen Restaurant essen Männer Linsensuppe. Aus der Absturzkneipe wanken Nachtgestalten, denen die frühe Sonne einen langen Schatten anhängt. Vielleicht radelt gleich der Schauspieler mit den schönen Augen vorbei. Ein Morgen im Mai.

*) Das Foto zeigt den Abend, nicht den Morgen, wie man am Licht und an den vielen Menschen vor der Kneipe sieht. Das Morgenbild von diesem Tag gibt es nur in meinem Kopf.