Erloschen

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In meiner Wohnung steht nur sehr wenig rum, keine Dekoration, kein Nippes, nichts, was nicht eine Funktion hat. Bis auf diese eine Schale. Ich rauche nicht, Kerzen zünde ich  ganz selten an, zuletzt, als meine Lampe im Flur den Geist aufgab. Warum also sammeln diese Streichholzschachteln Staub, seit ich hier wohne (und davor schon einige Jahre in der alten Wohnung)? Weil sie mich an New York erinnern. Das braune Briefchen mit dem Wasserglas ist von Florent, der perfekten Mischung zwischen einem französischen Bistrot und einem amerikanischen Diner – seit ein paar Jahren leider geschlossen. Republic ist ein asiatischer Nudelimbiss am Union Square, den gibt es noch. Die schöne Schachtel mit dem schwarz-weißen Foto stammt von einem Koreaner im Village, an den ich mich nicht genau erinnere. Dann gibt es noch ein Kästchen vom Paramount Hotel, die Innenschachtel so golden wie die Köpfe der drei Streichhölzer, die noch drin sind. Und schließlich das Hotel New York, das gar nicht in New York ist, sondern in Rotterdam.

Erinnerungen, die mich immer noch begleiten. New York ist eine wichtige Stadt in meinem Leben. In einer tiefen Krise habe ich dort vierzehn Tage verbracht, danach ging es mir wieder besser und mein Leben hatte eine Wendung genommen, die schließlich dazu führte, dass ich neun Jahre später in New York heiratete, den Mann, der mich damals aufgepäppelt hat mit klugen Fragen, Tee am Bett und einem Cognac, als ich mir an einem Teller Muscheln im Blue Willow den Magen verdorben hatte. Wir hatten zuhause niemandem gesagt, dass wir heiraten würden, nur unseren New Yorker Freunden. Die ersten paar Nächte wohnten wir im Paramount, dort war es viel zu kühl und zu schick, wir zogen um ins Seemannsheim in der 15. Straße, dort gefiel es uns besser. Wir holten uns in der City Hall eine Heiratslizenz, kauften die Ringe bei Bill Schifrin und Herman Rotenberg, ließen Karten drucken, reservierten im Il Buco einen Tisch für das Essen, zu dem wir unsere Freunde einluden. Und dann heirateten wir.

Das alles ist lange her. Und lange vorbei. Wir haben uns vor fünf Jahren getrennt, sind seit zweieinhalb Jahren geschieden, leben in derselben Straße, sehen uns oft, verstehen uns gut. Aber die Liebe ist erloschen, jedenfalls die Art von Liebe, die für eine Ehe taugt. Lange habe ich das nicht wahrhaben wollen, so eine Scheidung lässt sich ja jederzeit rückgängig machen, oder? Als ich vor ein paar Tagen beim Aufräumen wieder einmal die Schale mit den Streichholzschachteln abstaubte, wusste ich, dass die Zeit der Trauer vorüber ist. Ich habe die Schale in die Flohmarktkiste gelegt und die Streichhölzer weggeworfen (sie funktionierten alle nicht mehr – werden Streichhölzer schlecht, haben sie ein Verfalldatum?). Und mich endlich verabschiedet von der Hoffnung, da ließe sich noch einmal ein Feuer entzünden. Die Erinnerung wärmt auch ohne Andenken. Und ich werde Ausschau halten nach Kairòs.

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Sommersonntagmorgen

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Ich bin früher unterwegs als sonst. Die Straße ist ganz leer und sauber, die Stadtreinigung war schon da und hat vorsichtig um die Frau herumgefegt, die auf dem Bürgersteig schläft, die Flasche mit dem Schlummertrunk neben sich, einen Beutel Kartoffeln als Kopfkissen und eingehüllt in eine Decke, die hauptsächlich aus Löchern besteht. Vor der Absturzkneipe ist alles noch friedlich. Beim türkischen Bäcker trinken Taxifahrer den Mogenkaffee am Ende ihrer Schicht. Unterm Abfalleimer steht ein Paar Winterschuhe, darauf ein ordentlich gefalteter Pullover. Am Blumenstand gegenüber gießt die Frühschicht Wasser in die Vasen und ordnet die farbige Fülle neu. Aus dem Club fürs glamourösere Publikum tritt ein nächtlicher Prinz in die viel zu grelle Sonne. Hinter mir quietscht der Bus. Über mir zetern die Spatzen. Ein kurzer Abstecher zum Garten, ein paar Kannen Wasser auf den neugepflanzten Salat, der nicht so wächst wie ich will. Seidige Mohnblütenblätter wie vergessene Fächer zwischen den Kräutern. Der Kanal liegt schwarz und glatt und still unter der Brücke. Junge Schwäne schlafen mit den Hälsen im Gefieder. Drei Reiher streifen übers Wasser. Die andere Uferseite liegt noch im Schatten. Die Schlange vor der Flohmarktanmeldung formiert sich. Die Profis haben Hocker dabei, Thermosflaschen und Zeitungen. Die ersten Händler richten ihre Waren her. Unmengen von Klamotten quellen aus blauen Ikeataschen. Ein auf Hochglanz geputztes Hollandrad wird schon mit einem großzügigen Preisnachlass angeboten. Am Wasser ist es kühl, ich hätte doch Socken anziehen sollen und eine wärmere Jacke. Die Schlange kommt in Bewegung, diesmal bekomme ich einen Flohmarktstand für den Termin in zwei Wochen – neulich ging ich leer aus, der letzte wurde an die Frau direkt vor mir vergeben. Auf dem Heimweg duftet es nach frischem Gebäck, ich kaufe Butterkringel fürs Frühstück. Vor der Absturzkneipe gibt es die gewohnten Rangeleien. Neben der schlafenden Frau stehen zwei Polizisten und versuchen sie zu wecken. Die Frau vom Spätkauf schaut skeptisch zu, während sie die Sonntagszeitungen in den Ständer steckt. Die ersten Touristen studieren die Karte im Coffeeshop. Die Frau vom Pflegedienst eilt zu ihren Patienten. Sommersonntagmorgen in meiner Straße.

Kittelschürzengedanken

Vor ein paar Tagen fiel mir plötzlich ein, woher ich die neue Gärtnerin kannte: Ich habe ihr im Herbst auf dem Flohmarkt mein Windsor-Kostüm verkauft, das Kostüm, von dem ich mich nur so schwer trennen konnte, weil so viele von meinen Wünschen und Träumen dranhingen. Die Gärtnerin trug eine Kittelschürze, ich sprach sie darauf an, so kamen wir auf das Thema Kleidung, und auf einmal erinnerte ich mich an den Sonntag auf dem Flohmarkt. Und an ein fast vergessenes Kleidungsstück.

Kittelschürze. Eines dieser Wörter, die gelegentlich auf Listen verschwindender Begriffe auftauchen, aber nicht mehr wirklich im Gebrauch sind, weil das, was sie bezeichnen, praktisch ausgestorben ist. Diese dunkelgrundigen, kleingemusterten, unempfindlichen, unförmigen Textilien haben, glaube ich, nur in ländlichen Gegenden überlebt in den Kleiderschränken alter Frauen. Kiddelscherz, so klang es in meiner Kindheit, als Kittelschürzen noch gebräuchlich waren in dem dörflichen Vorort, wo ich aufwuchs. Entfernte weibliche Verwandte trugen sie im Sommer zu nackten Armen, mächtigen weichen, wabbeligen Oberarmen, unter denen Nester von Haaren wuchsen. Kittelschürzen waren gezeichnet mit Spuren der Küchenarbeit der letzten Tage, Knoster hießen solche angetrockneten Soßenreste bei uns. Kittelschürzen hatten tiefe Taschen voller gebrauchter Taschentücher aus Stoff, die herausgezogen und mit Spucke angefeuchtet wurden, um dreckigen Kindern das Gesicht abzuputzen. Kittelschürzen waren weitläufig verwandt mit Schlüpfern, riesigen graurosa Unterhosen, neben denen sie auf der Wäschleine hingen. Kittelschürzen waren die Arbeitskleidung für einen Lebensentwurf, den ich ebenso wenig attraktiv fand wie das Kleidungsstück. Meine Mutter trug Schürzen, aber keine Kittel. Auch an meiner Großmutter habe ich sie nur selten gesehen. Die Mutter eines Pfadfinderkumpels war die einzige jüngere Frau, die ich fast nur in Kittelschürze kannte. Sie bevorzugte ausgesprochen kurze Modelle aus Perlon in Bonbonfarben. Dazu trug sie einen auftoupierten Haarhaufen auf dem Kopf, grellblauen Lidschatten und unterm Kittel vorzugsweise nichts außer Unterwäsche, die sie gern hervorblitzen ließ, wenn unser Pfadfindertrupp in den Sommerferien in ihrem Garten abhing.  Eigentlich war sie der Ansicht, dass Mädchen bei den Pfadfindern nichts verloren hatten, andererseits hielt sie Ausschau nach Schwiegertochtermaterial. Alle Versuche, uns ihren einzigen Sohn anzudienen, blieben vergeblich, kein Wunder, denn sie hatte Vorstellungen vom Leben, die genauso von gestern waren wie ihre Haushaltsuniform.

All das fiel mir neulich im Garten wieder ein, als ich die Kittelschürze der Gartenbekannten sah, die ironische, zeitgemäße Kreuzberger Version dieses Kleidungsstücks: auf Figur geschnitten, von einem frischen Rosa und natürlich ohne Knoster. Auf dem Flohmarkt gefunden und dann abgeändert, passend gemacht, mit Vorhandenem kombiniert zu etwas Neuem. Wie unsere Lebensentwürfe hier im Kiez. Wir spielen mit dem, was es gibt, kombinieren es verwegen, brechen es ironisch. Und suchen das Glück im Wissen, dass alles schon mal da war und nur zitiert werden kann. Mich treibt die Frage um, ob so etwas wirklich Eigenes entstehen kann. Wann gab es zuletzt eine Mode, die neu war, die etwas erfand, was es vorher nicht gab? Wie sähe ein Leben aus, das sich wirklich in neue Bereiche vorwagt? Könnte ich mir ein solches Leben erfinden, hätte ich den Mut, es zu leben? Das Gefühl, dass es so nicht weitergehen kann, mit der Konsumgesellschaft, mit dem Kapitalismus, mit der Welt, wie sie ist, beschäftigt viele von uns. Ohne eine Utopie, wie es stattdessen sein könnte, bleibt es folgenlos, ein Gefühl, dessen scharfe Kanten mit Ironie und Zitaten abgepolstert werden. Kittelschürzengedanken.