Umgetopft

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Meine Crassula, die Pflanze, die mich seit fast drei Jahrzehnten begleitet. Ich finde, sie macht sich ganz gut, dafür, dass sie eine ganzjährige Fensterbankexistenz führt und wieder nicht im Sommer ins Freie kam. Heute habe ich ihr neue Erde spendiert, gute Gartenerde vom Beet, und sie von dem Kleinzeug befreit, das zu ihrem Füßen wuchs. Die Ableger habe ich zum Wurzelziehen in Wasser gestellt, in den nächsten Tagen werde ich sie in kleine Töpfe pflanzen. Auch ich denke wieder mal übers Umtopfen nach. Es gibt so Tage, da fühlt es sich an, als neigte sich meine Zeit in Berlin dem Ende zu. Ich würde auch gern meine Füße auf neue Erde setzen, manchmal. Nur: Wo?

In diesen schwülen Sommertagen geht mir der laute Kiez auf den Wecker. Die Menschen sind gereizt, rüpeln sich an, krakeelen nachts auf der Straße rum, werfen noch mehr Müll weg als sonst, veranstalten Hinterhoftheater, drehen ihre geschmacklose Musik zu jeder Tages- und Nachtzeit auf volle Lautstärke, keifen sich an, demonstrieren für das Recht auf sinnfreie Demonstrationen und mehr Glitter. Die Luft ist dick, die Mülltonnen stinken, die Mücken vermehren sich wie blöd. Und ich weiß nicht, wohin mit mir. Denn eigentlich bin ich doch längst hier zu Hause, in diesem Kiez verwurzelt und wüsste zumindest in dieser Stadt nicht, wo ich lieber wohnen wollte. Alle Zelte abbrechen und doch noch mal in die weite Welt hinausziehen? Ich habe mein Italienischlehrbuch wieder rausgekramt und lerne fleißig Vokabeln. Wer weiß, wann ich es wieder brauchen kann.

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Bancogiro

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So heißt das Lokal, in dem ich diesen Salat zum ersten Mal gegessen habe, im Januar 2002. Nach den Weihnachtsferien war ich mir einer Freundin nach Venedig gefahren, mit dem Nachtzug von Frankfurt aus. Das Wetter war windig und regnerisch, die Stadt ziemlich leer, der Euro gerade eingeführt und überall kam man mit den Leuten über das neue Geld ins Gespräch. Es war mein dritter oder vierter Aufenthalt dort, ich hatte mir die Stadt schon erlaufen, fand meinen Weg, ohne auf den Stadtplan zu schauen, hatte ein paar Lieblingsorte, kannte den Schleichweg durch das Ospedale Civile zur Vaporetto-Anlegestelle, setzte so oft wie möglich mit der Gondelfähre über den Canal Grande und bedauerte täglich, dass ich keinen Herd hatte – wie gern hätte ich morgens beim Gemüseboot in Dorsoduro oder auf dem Fischmarkt oder von mir aus auch in der großen Billa-Filiale an den Zattere eingekauft und dann gekocht. So aßen wir uns durch die Baccarì und entdeckten das Bancogiro am Rialtomarkt, zur Wasserseite hin gelegen, gegenüber der Hauptpost im Fondaco dei Tedeschi. Das Lokal war offenbar erst kürzlich eröffnet worden, wir waren die ersten der wenigen Gäste an diesem Abend. Ich wählte einen Salat mit ceci und storione affumicato. Der war köstlich und das erste Gericht, das ich zuhause aus dem Gedächtnis nachgekocht und es gleich auf Anhieb richtig hinbekommen habe – es schmeckte sofort nach Venedig im Januar an einem sehr verregneten Abend.

Heute abend war ich in venezianischer Stimmung, ganz leicht melancholisch – das kriege ich auch ohne Nebel und Regen hin. Und dafür gibt es nichts besseres als den Bancogiro-Salat: Auf einem Bett aus Rucola (ich nehme die wilde aus dem Garten, und weil ich gerade eine Kopfsalatschwemme habe, heute auch den) gekochte Kichererbsen und weichgedünstete rote Zwiebeln (an die ich immer noch einen Löffel Holundersirup tue) verteilen und darüber zerpflückten geräucherten Fisch (im Bancogiro damals war es Stör, aber den habe ich geräuchert noch nie bekommen in Berlin – ich nehme, was der Fischhändler gerade hat). Aus Olivenöl, einem guten Rotweinessig, etwas Pfeffer und Salz eine Vinaigrette schütteln, über den Salat geben und zum Schluss noch einen Esslöffel Schwarzkümmelsamen, in einer Pfanne ohne Öl angeröstet. Dazu Music for a while. Und, wenn man hat, ein Glas Ribolla gialla.

Freiheit…

… wird einem nicht gegeben. Man muss sie nehmen. Da ist er wieder, der Satz, den ich im November im Gemischtwarenladen mit Revolutionsbedarf geschenkt bekam. Heute fiel er mir aus einer Zeitschrift entgegen. Ich schnitt Bilder aus Reisemagazinen für eine Seminarübung, das ist eine schöne meditative Tätigkeit, rechts neben mir das Teetablett, um mich rum Schnipsel und links von mir ein immer höher werdender Stapel: Bauerngärten, schmelzende Gletscher, fußballspielene Jungs vor einer Barockkirche, Segelboote, Morgennebel, Leuchttürme, Landart, ungewöhnliche Perspektiven meiner Stadt, Ecken aus Lieblingsstädten, die ich wiedererkannte – Bilder, zu denen einem leicht Worte in den Sinn kommen, aus denen Geschichten werden können, Bilder, die den Horizont erweitern, die Erinnerungen wecken und Sehnsüchte. Und irgendwo dazwischen in Schwarzweiß das markante Gesicht von Meret Oppenheim und daneben der Satz, ihr Satz.

Was ist Freiheit? Das tun und lassen zu können, was ich will? Weiß ich immer, was ich will? Und wer oder was steuert mein Wollen? Offenbar immer noch alte Überzeugungen, die schon lange nicht mehr gültig sind, aber immer noch in meinem Kopf herumspuken wie Untote, nicht zu sehen, nur zu ahnen, und schon gar nicht greifbar – Geister, Spinnweben, Verwehtes, das sich irgendwo verfangen hat und wie ein Schleier die Sicht trübt. Entdecken. Was für ein schönes, bildhaftes Wort. Die Decke abnehmen und schauen, was darunter liegt. Erschrecken, was immer noch da vor sich hinmodert – hat das eigentlich nie jemand gerochen? Und staunen, was es da auch gibt: Talente, lange nicht benutzt, ein bisschen matt geworden, angelaufen, zugestaubt. Am Wochenende habe ich mir eine Liste geschrieben, was ich alles schon mal gemacht habe: Kunstradfahren, Querflöte spielen, im Kirchenchor singen, ein Musical auf die Bühne bringen, im Freien übernachten, Kinderfreizeiten organisieren, nur mit Schlafsack und Zahnbürste einfach losfahren mit dem Rad zu Freunden, neunzig Kilometer durch ein hessisches Mittelgebirge an einem Tag – und ich erinnere mich nicht an die Qualen, den Muskelkater, den Durst, sondern an das Lagerfeuer, um das wir am Abend saßen und sangen.

Bei anderen Dingen sind mir nur die Qualen, die Zurechtweisungen, die Misserfolge, das Scheitern im Gedächtnis geblieben. Das sind die modrigen Stellen unter der Decke. Alte Kränkungen, die mir wie Splitter unter den Nägeln sitzen, nicht verheilte Wunden, von denen ich immer wieder das Pflaster abgerissen, am Grind gekratzt, dran rumgeknibbelt habe. Warum nur? Freiheit, habe ich dieser Tage begriffen, ist auch: Endlich Frieden schließen. Die Erkenntnis ist noch ganz frisch und hat schon enorme Energien freigesetzt. Ich habe angefangene Projekte rausgekramt und wieder flottgemacht. Nachgeschaut, wo eigentlich der Schlafsack liegt. Und laut gesungen. Tat sehr gut. Werde ich öfter machen. Und ohne diese Knibbelei sind die Hände frei, um nach der Freiheit zu greifen. Die will ich haben. Dessen bin ich mir gewiss.

Was sonst noch wichtig war

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Der Blick aus meinem Fenster, ungefähr zu der Zeit, als das Endspiel angepfiffen wurde. Fußball ist eine mir völlig fremde Welt und von der Weltmeisterschaft bekam ich nur das Jubeln und Stöhnen unten in den Kneipen mit. Dass ich genau zu diesem Zeitpunkt aus dem Fenster schaute, lag am Himmel und am Licht und der Ruhe in der Straße: Wieder einmal war abgesperrt wegen einer Demo, das passiert hier regelmäßig und seit der Räumung des Camps der Geflüchteten auf dem Oranienplatz so häufig, dass schon kaum noch jemand hinschaut. Diesmal hat es wirklich überhaupt niemanden interessiert. Selbst die Polizisten waren nur mit einem Bruchteil der sonstigen Mannschaftsstärke vertreten. Und doch: Es gibt Menschen, die haben ganz andere Sorgen als den Sieg ihres Teams. Denen ist auch egal, ob nun die Bezirks-, die Landes- oder die Bundespolitik für sie zuständig ist. Oder Europa. Oder gar niemand. Die wollen einfach nur eine Perspektive. Eine, die über die Dauer einer Demo – oder eines Fußball-Weltmeisterschaftsendspiels – hinausgeht. Das wollte ich nur mal festgehalten haben.

Wachstum

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Der Kerbel wächst. Vor kurzem habe ich die vertrockneten Blütenstände vom Beet geräumt und dabei tüchtig geschüttelt, damit sich die Samen verteilen. Und ein paar Regentage später sprießt es. Schön. Auch wenn es mir lieber gewesen wäre, die planvoll verteilten Erbsen, Rote-Bete-Samen und die zwei Reihen Zuckerhut wären aufgegangen. Naja, vielleicht wird das noch. Und Kerbel im Kräutersalat mit Borretschblüten, Kapuzinerkresse und Sauerampfer ist ein schönes Sommerabendessen.

Wie mit den Saaten geht es mir gerade mit anderen Vorhaben in meinem Leben. Die mühevoll vorbereiteten Projekte kommen nicht  voran, dafür ergeben sich lauter ungeplante Dinge. Und ähnlich wie im Garten versuche ich mir zu sagen, dass eh nur das gedeiht, was von selbst wachsen will. If it doesn’t come naturally, leave it – so heißt ein Song von Al Stewart, den ich neulich wieder ausgegraben habe. Wenn das so einfach wäre. Immer nur Kerbel essen ist keine ausgewogenen Ernährung. Nicht das verwirklichen können, woran mein Herz hängt, ist eine schwierige Übung. Vielleicht stimmt das Klima nicht, vielleicht habe ich die Samen zum falschen Zeitpunkt in die Erde gelegt, vielleicht an der falschen Stelle, keine Ahnung. Gärtnern lehrt Geduld, und so lange werde ich mir Rezepte mit Kerbel ausdenken.