Halteverbot

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Gestern morgen schaute ich, wie jeden Morgen, aus dem Fenster, während das Teewasser kochte. Wie ist das Wetter, muss ich Socken anziehen, war die Stadtreinigung schon da, wie riecht der Tag – Fragen beim Wachwerden. Und sah dieses Schild, es thronte geradezu innerhalb der Grenzen, die die Kehrmaschine gezogen hatte, flüchtige Grenzen, die in ein paar Minuten getrocknet sein würden. Ein kleines Reich, in dem gilt: Bloß nicht anhalten, nicht mal dran denken, weiter geht’s, Pause ist nicht.

Passt schon. Ich habe mir eine Aufgabe gestellt, an die ich mich bisher nicht herangetraut habe, etwas, das ich noch nie gemacht habe. Und wenn ich innehalte und überlege, was ich da gerade tue, ist die Verlockung groß, das ganze Vorhaben gleich wieder aufzugeben. Ich könnte stattdessen Ketchup kochen, bügeln, aus der Wolle, die eine Untermieterin des Nachbarn in ihrem Zimmer zurückgelassen hat, einen Schal häkeln (bald ist Winter, ganz bald, wenn die Temperaturen weiter so zurückgehen), meinen Schrank aufräumen und mir überlegen, was ich demnächst anziehen will, zwei oder drei angefangene Bücher zu Ende lesen, ein paar Briefe schreiben, die Fenster mal wieder putzen… Einen Tag mit mehr oder weniger sinnvollen Betätigungen füllen ist mir noch nie schwergefallen. Aber ich will nicht. Ich will das jetzt durchziehen. Nicht nur, weil jemand anderes mit drinhängt. Sondern weil ich nicht mehr vor mir selbst kneifen will. Schön, wenn der Tag mit einem so leicht zu deutenden Zeichen beginnt.

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Samstags

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Einkaufszettel schreiben: Seidentofu, Schoko-Nuss-Creme, Obst, Kartoffeln, Tomaten. Im Garten vorbeifahren und Pfefferminze ernten. Das Rezept für vegane Schokomousse abwandeln: Statt normaler bitterer Schokolade solche mit Pfefferminzfüllung nehmen und gehackte frische Minze unter die Masse heben. Schmeckt richtig gut. Noch eine zweite Mousse machen, aus geschlagener Sahne und Schoko-Nuss-Creme. Geht zwar schnell, ist aber für meinen Geschmack viel zu süß. Wird nicht ins Repertoire aufgenommen. Die beiden Desserts in Schälchen füllen und im Kühlschrank fest werden lassen. Die Tomaten auf einen schönen blauen Teller legen und mich dran freuen, wie gut das aussieht. Mit Sorge den Himmel betrachten und mir überlegen, was ich am Abend anziehe – für das, was ich ursprünglich vorhatte, wird es zu kalt sein. In meinem schokobespritzten Samstagspulli schnell zu meiner Verabredung laufen. Der Beetnachbar wartet schon unter der Markise vom Café. Als Teetrinkerin ausnahmsweise einen Kaffee bestellen, um den süßen Schokogeschmack aus dem Mund zu kriegen. Von den Sorgen und Freuden der Woche erzählen. Den Freuden und Sorgen des Beetnachbarn zuhören. Die Freuden überwiegen bei uns beiden. Draußen sitzenbleiben, als es zu regnen anfängt. Wie aus einem Mund sagen, dass sich der Regen auf der Markise anhört wie im Zelt und das sehr gemütlich finden. Zuschauen, wie ein nasser Radfahrer im Trockenen Schutz sucht, die Bedienung küsst und ihr unvermittelt ein graues Haar ausreißt. Synchron mit der Bedienung das Gesicht verziehen, als es kurz schmerzt. Blicke auffangen und zu viert lachen. Nach Hause laufen und über die Pfützen springen. Mich gegen Socken und für geschlossene Schuhe entscheiden, die in der Farbe genau zum Oberteil passen. Die gläsernen Armreifen anlegen, die ich vor vierzehn Jahren auf einer Hochzeit in Indien bekommen habe. Die Wimpern tuschen. Zwanzig Töpfchen mit Dessert verschließen und umfallsicher in einer Tasche stapeln. Ausprobieren, ob sich das tragen lässt. Die Lippen anmalen, in die Schuhe schlüpfen und mich schön finden. Das Fest kann beginnen.

 

Muster

DSCI0014Manche Scherben haben ein Relief, eine Struktur, ein Stück vom Flaschenhals oder eine Prägung auf dem Boden, die man sieht, wenn man genau hinschaut und wenn das Licht günstig fällt. Eine der Scherben geht mir seit Tagen nicht aus dem Kopf: SERVE steht drauf, und ich habe keine Ahnung, ob da mal stand SERVE COLD oder RESERVE oder was anderes, auf das ich nicht komme – ich habe mir noch nie die Böden der Flaschen angeschaut, die ich so geleert habe im Lauf der Zeit. Serve. Dienen. Vor Jahrzehnten fand ich in den Kriegstagebüchern von Ernst Jünger den Satz Das ist der eigentliche Maßstab unseres Wertes: das Wachstum der anderen durch unsere Liebeskraft. Ich habe ihn mir aufgeschrieben, von ihm habe ich mich leiten lassen. Er klang so edel, so selbstlos, so wollte ich sein. Und er passte nahtlos zu den anderen Sätzen, die ich mit mir herumtrug.

Inzwischen behindert er mich wie ein Klotz am Bein. Ich finde ihn heute nicht mehr edel, diesen Satz. Denn an einer solchen Aufgabe kann man eigentlich nur scheitern, sage ich mir nach den Erfahrungen, an die ich nicht im Traum dachte damals, als ich ihn zum ersten Mal las, diesen Satz, vor einem halben Leben, meinem halben Leben. Fragen, die ich mir damals nicht gestellt habe: Wer legt den Maßstab an, wer beurteilt, ob die anderen gewachsen sind, und woher weiß man, was jenseits des eigenen Bemühens, der eigenen Liebeskraft, dieses Wachstum beeinflusst oder beeinträchtigt hat? Die Frage, die ich mir heute stelle und nicht beantworten kann: Wie wäre mein Leben verlaufen ohne diesen Satz? Und: Hatte ich die Wahl?

Sommerfrische

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Erster August in meinem Multikultikiez. Vorm türkischen Bäcker stehen vier Alphornbläser auf der Kreuzung und spielen für die Schweizer, die sich traditionell am nationalen Feiertag in der Röstikneipe treffen. Die alten und neukomponierten Melodien, die das Quartett – ein Fünftel des Berliner Alphornorchesters – spielt, klingen gut zwischen den Häusern, warm, ruhig, nach Urlaub in den Bergen. Und die Passanten bleiben stehen und hören zu. Auch der Fahrradfahrer rechts im Bild, der sonst an lauschigen Abenden mit seinem ans Rad montierten Ghettoblaster für Musik im Viertel sorgt. (Man beachte die Rivella-Flaschen unter den Alphörnern, das Schweizer Pendant zu Bionade.)