Schnirkelschnecken

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Schnirkelschnecken, gefunden beim Umsetzen des Komposts. Vor einem Jahr haben wir die neuen Kompostkästen zum ersten Mall gefüllt, jetzt ist der Kompost reif, wird gesiebt und kann auf den Beeten verteilt werden, die Kästen werden neu gefüllt. Diesmal zerkleinern wir das Grünzeug vorher, dann verrottet es schneller. Und beim Zerkleinern fielen mir immer wieder Schnecken entgegen, eine schöner als die andere. Ich habe sie auf einem Rhabarberblatt gesammelt und fotografiert, bevor sie – Schnecken sind gar nicht so langsam, wie man es ihnen nachsagt –  wieder weggekrochen waren. Schnirkelschnecken. Ein Wort wie ein Bonbon, so ein dänisches rot-weiß-gestreiftes Pfefferminzbonbon, oder eines mit einer zarten Schokocremfüllung unter dem krachigen Karamell. Ein Wort, das sich eine Weile auf der Zunge hin- und herrollen lässt. Ein geringeltes Wort. Schnirkelschnecke.

Es gibt unterschiedliche Sorten Schnecken im Garten. Am schlimmsten sind die unbehausten großen Wegschnecken. Hässliche, eklige, gefräßige Gesellen, an denen wirklich nichts schön ist. Die sammle ich und setze sie in der Grünanlage über die Straße aus. Dann gibt es noch eine andere Sorte Nacktschnecken, groß wie Borlottibohnen und auch von der Farbe ganz ähnlich. Sie fühlen sich in meinem Sauerampfer wohl, und irgendwie haben wir uns geeinigt: ein Fünftel der Blätter dürfen sie fressen, der Rest ist für mich. Das funktioniert ganz gut. Und schließlich die Schnirkelschnecken. Über die freue ich mich. Sie scheinen, anders als ihre Kollegen, eher zum Einzelgängertum zu neigen, Individualisten, jede ist ein bisschen anders als die anderen. Es gibt, grob gesprochen, in unserem Garten gelbe und rosafarbene. Aber wie intensiv der Grundton, wie glänzend, das Gehäuse, wie breit das braune Band, wie tief das Braun, das ist bei jeder einzelnen Schnecke unterschiedlich. Am schönsten sind die mit Schnecke drin. Sobald das Tier nicht mehr lebt, scheint sich auch das Gehäuse zu entleben, der Glanz verschwindet, die Farbe wird matter und dann beginnt es zu bröseln. Warum die Schnecken den Haufen mit dem Grünschnitt bevorzugen, wo sie nebenan auch in den Kräutern wohnen könnten, weiß ich nicht. Geheimnisvolle Tiere. Ich weiß nichts über sie, selbst den Namen musste ich nachlesen. Schnirkelschnecke ist der Oberbegriff, die Art, die in unserem Garten zu finden ist, heißt Hain-Bänderschnecke. Ich werde sie weiter Schnirkelschnecken nennen, weil sich das Wort beim Sprechen so schön anfühlt, werde sie beim Kompostzerkleinern aus dem Haufen klauben, mich einen Moment an ihrer Schönheit erfreuen und mich wundern, wie schnell sie wieder weggekrochen sind.

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Masken

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Ich brauche ein neues Bild von mir. Schwierig. Ich sehe mich selbst nicht oft im Spiegel an und mache mir wenig Gedanken darum, wie ich aussehe. Ich weiß ja, wer ich bin und wie es sich anfühlt, ich zu sein. Manchmal bin ich dann erstaunt, wenn ich mich in einer Schaufensterscheibe gespiegelt sehe. Und jetzt gerade frage ich mich, ob ich noch Ähnlichkeit habe mit dem Foto auf meinem Lebenslauf, das ist immerhin schon fünf Jahre alt. Das würde ich gern durch ein aktuelleres ersetzen. Und schon geht das los mit den Fragen.

Schminken? Ungern. Ich schminke mich fast nie und komme mir verkleidet vor, wenn ich mir für ein Foto ein Gesicht male. So etwa wie ein Serviervorschlag auf Packungen für Knödelpulver, da glänzen die fertigen Klöße immer so appetitlich und rund, wie man sie selbst nie hinbekommt, man kennt ja die Tricks der Food-Stylisten, und dann liegt auch noch ein Petersilienzweiglein daneben, das schon beim Anblick am Gaumen kratzt. Klar weiß ich, wie das geht, Augenschatten abdecken, Wangenknochen hervorheben, den Blick mit einem glänzenden Tupfer hier, einem dunklen Akzent dort modellieren. Aber wozu eigentlich? Um ein Bild von mir zu erzeugen, das sagt: Ich habe mich hergerichtet? Ich mag mich nicht herrichten, ich finde mich ganz in Ordnung so, wie ich bin. Sieht halt auf Fotos nicht immer zum Anbeißen aus. So what? Ich selbst komme mir jedenfalls immer hinters Licht geführt vor, wenn Menschen auf ihren Fotos ganz offensichtlich hergerichtet sind, das kommt mir vor wie Etikettenschwindel. Ich will doch wissen, wer sie sind, nicht wie sie erscheinen.

Aus Gründen, die mir selbst nicht ganz klar sind, habe ich seit etwa eineinhalb Jahren meine Haare wachsen lassen, inzwischen sind sie richtig lang, ich trage sie jeden Tag in einem kleinen Knoten am Hinterkopf, das ist nicht nur praktisch, sondern es gefällt mir tatsächlich. Aber ich weiß, der Tag ist nicht mehr fern, da werde ich zur Friseurin meines Vertrauens laufen, den ersten freien Termin nehmen, den sie mir anbietet und sie bitten, die Haare wieder abzuschneiden. Blöd, wenn ich dann kurz vorher ein Foto mit Knoten gemacht hätte, oder? Klar könnte ich gleich hinterher wieder ein neues Foto machen. Aber dann geht das Theater ja wieder von vorne los. Ich bin nicht leicht zu fotografieren, das hat mir mal ein Profifotograf bestätigt, der das zunächst nicht glauben wollte, bis er die Polaroids ansah. Das ist der Grund, warum ich so ungern fotografiert werde: Es ist mühsame, langwierige Arbeit, mein unfotografierbares Ich genau in dem Moment festzuhalten, wo es wirklich wie ich aussieht. Und dieser Mühe werde ich mich dann mal wieder unterziehen.

Herbstfrüchte

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Eine Schale Äpfel aus dem Garten meiner Eltern. Nicht, dass es hier in Berlin nicht auch Äpfel gäbe. Aber Heimatäpfel sind etwas ganz besonderes. Als Kind hatten wir einen kleinen Apfelbaum im Garten, der nicht höher war als ich, einen Spalierbaum, der keine runde Krone hatte, sondern an einem Gestell in die Breite wuchs. Der produzierte ungewöhnlich große Äpfel, und es waren mit die ersten, die im August reiften. Ich kann mich heute noch genau an den Geruch dieser Äpfel erinnern: nach Sommer und gleichzeitig nach Herbst, und ein bisschen auch nach Schulranzen aus Leder, wenn ich einen solchen Apfel in der Pause aß – die Pause war gar nicht lang genug für diese großen Äpfel. Den kleinen Baum gibt es schon lange nicht mehr, er hat einen großgewachsenen Nachfolger bekommen, und der trägt reiche Frucht. Mein Neffe war am Wochenende bei seinen Großeltern, und da packten sie ihm eine Tasche von diesen Äpfeln für mich ein. Sie schmecken fast genau so wie die Äpfel von damals. Ich habe schon eine Liste gemacht: Es wird Apfelpfannkuchen geben – ich habe extra Milch gekauft, die ich sonst nie im Haus habe -, Kartoffelbrei mit gedünsteten Äpfeln und Zwiebeln, Apfelbrei mit Kartoffelpuffern, Rote-Bete-Apfel-Gratin und natürlich einen Apfelstrudel. Dabei denke ich dann ganz fest an meine Freundin in Südtirol, bei der ich das Apfelstrudelmachen gelernt habe. Und solange, bis der letzte verspeist ist, duften die Äpfel in meiner Wohnung nach Herbst und nach Heimat.

Das Paket auf dem Bild ist die Frucht meiner Arbeit der letzten Wochen. Ich hatte neulich mal ganz kühn eine Postkarte geschrieben an einen Autor, den ich sehr schätze. Ich hatte vor, eines seiner Bücher zu verschenken und erfuhr in der Buchhandlung, dass es nicht mehr lieferbar ist. Dagegen wollte ich mit meiner Karte protestieren, und daraus entspann sich ein kleiner Mailwechsel, der – weil wir fast Nachbarn sind – in einem Treffen mündete. Dabei stellte sich heraus, dass die Filmrechte an dem Buch, das ich schon vor fünf Jahren gern verfilmt hätte, wieder beim Autor liegen. Und von da war es nicht weit bis zu der Idee, zusammen einen Antrag auf Drehbuchförderung zu stellen. Den habe ich am Wochenende fertiggestellt: Elf verschiedene Dokumente ausgedruckt, kopiert, zu zwölf Stapeln sortiert, alles noch mal kontrolliert, ordentlich geheftet, zehn der Stapel in den Karton gepackt, den Karton sorgfältig verschlossen und adressiert. Heute früh habe ich ihn dann zur Post gebracht. Und jetzt hilft nur abwarten und Teetrinken