Aufgetaucht

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An der Brommybrücke, die es schon lange nicht mehr gibt, nur noch einen Brückenpfeiler im Wasser, wurde neulich der Fluss entrümpelt. Was sich da so alles findet: Autoteile, Einkaufswagen, Kloschüsseln, Badewannen. Und sehr viele Fahrräder. Zwei davon lehnten in der Mittagssonne so malerisch an der Wand, dass ich extra noch mal nach Hause gefahren bin, um die Kamera zu holen. Bei näherem Hinsehen erkennt man, dass sich auf den Rädern eine Art Schwamm und ganz viele schwarze Flussmuscheln angesiedelt haben. Gründlich saubermachen, ein paar Teile ersetzen, prüfen, ob die Züge noch funktionieren, und dann müsste zumindest das eine wieder fahren.

So ungefähr fühle ich mich im Augenblick: Wie vom Grund eines trüben Gewässers aufgetaucht, ein bisschen überholungsbedürftig, aber sonst gut in Schuss. Die letzten Jahre waren anstrengend. Den wenig geliebten, aber gut bezahlten Job verloren, im nächsten resigniert aufgegeben, weil da nichts richtig zu machen war, eine mühsame Selbständigkeit angeschoben, immer noch in der falschen Branche, in der es so viele richtige Leute gibt, die ähnlichen Frust schieben wie ich, in einem Metier, das mich nur noch nur in Ausschnitten interessiert. Trennung, Umzug, Scheidung, dabei immer den Kontakt zum Ex gehalten, weil das alles nicht an Dingen lag, die wir hätten lösen können – heute bin ich froh und stolz, wie wir das hinbekommen haben und dass da kein Groll zurückgeblieben ist, jetzt, wo die Trauer hinter mir liegt. Und obendrauf noch zum ersten Mal in meinem Leben Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen und allerlei anderen Unfug, den kein Mensch braucht.

Auf der guten Seite steht: Einen Wohnort gefunden, ohne danach zu suchen, an dem ich mich am rechten Platz fühle wie kaum je in meinem Leben. Einen Garten dazu, mit Beetnachbarn, die mich zum Tee einladen, mit mir im Sommer Abendbrot essen, mit mir ein Bier trinken gehen und über die Tücken des Onlinedatings fachsimpeln. Oder einfach nur schweigend neben mir Kompost schaufeln, wenn etwas durchdacht werden will. Kollegen kennengelernt, mit denen ich gern zusammenarbeite. Auf einem Gebiet noch mal richtig was dazugelernt. Unterstützung erfahren, ohne die ich das Jahr nicht überstanden hätte und für die ich sehr, sehr dankbar bin. Und schließlich die Begegnung mit Kairos im Frühjahr, die ganz viel bewegt hat in meinem Leben, und all die Lebendigkeit, die ich seitdem wieder fühle und die immer noch wächst. Zeit, die Muscheln abzukratzen, den Schwamm wegzuputzen, die Teile vom Rahmen zu schrauben und auf ihre Wiederverwendbarkeit zu überprüfen. Einiges muss ersetzt werden, anderes braucht nur ein paar Tropfen Öl oder eine Oberflächenbehandllung. Und dann mal sehen, wohin die Reise geht.

Zwischenbilanz

Erkenntnisse nach zwei Wochen intensiver Betätigung an den Singlebörsen: Es ist komplizierter, als ich dachte. Ich lerne was über mich. Zum Beispiel, dass ich mir einen Mann regelrecht „anlachen“ muss – Männer, die auf meinen manchmal etwas eigenen Wortwitz nicht schnell einsteigen, haben es schwer. Männer, die in der zweiten Nachricht grußlos ihre Phantasien schildern und dabei mehr Sorgfalt auf die Beschreibung des Hotelzimmers verwenden, in dem das alles stattfinden soll – leider nichts für mich. Männer andererseits, die schreiben „alles kann, nichts muss“ und weiter keine eigenen Ideen haben, sind sofort draußen. Andere – viele – schreiben auf eine Art, die bei mir den Eindruck hinterlässt, die konkrete Frau sei relativ egal, Hauptsache überhaupt eine. Bestimmte Formulierungen, die ich für unverfänglich hielt, locken die, sagen wir mal, Körperöffnungsfixierten an – ich war mit unterschiedlichen Profilen auf dem Markt und habe das empirisch überprüft. Männer, die auf ihren Fotos mit ausgestrecktem OK-Daumen posen, ihre Augen hinter Sonnenbrillen verstecken, im geblümten Hemd auf einem häßlichen Sofa sitzen – das alles würde mich auch im Leben außerhalb des Netzes abschrecken, weil ich darin einen Hinweis auf einen Lebensstil vermute, der keine Schnittmenge mit meinem hat. Gute Erfahrungen habe ich gemacht mit der alten Regel „Fast so gut wie ein Ja ist ein schnelles Nein“ – ich habe wirklich jedem, der mich kontaktiert hat und bei dem mir klar war, das kann nichts werden mit uns, umgehend freundlich und mit individueller Begründung abgesagt. Darauf haben viele noch einmal geschrieben und sich bedankt, weil das offenbar eher unüblich ist auf diesen Portalen. Allen habe ich Glück gewünscht bei ihrer Suche. Und Glück kann man wirklich brauchen. Es hängt auch bei dieser Art des Anbandelns fast alles vom Zufall ab, weil auch die größte Übereinstimmung im Profil keine Vorhersagen über Sympathie oder instinktive Abneigung treffen kann. Nur die Geschwindigkeit ist höher. Und genau die hat mich, siehe oben, manchmal überfordert.

Was habe ich noch gelernt über mich? Ich weiß ziemlich genau, was ich will – auch wenn das nicht in ein Kästchen zum Ankreuzen passt. Ich werde besser darin, es mit eigenen Worten zu formulieren. Ich bin weniger bedürftig, als ich dachte. Ich bin ungeduldig und für manchen eine Überforderung mit meiner Direktheit. Und ich bin nicht so mutig, wie ich gern wäre. Manchmal dann aber doch, zu meiner eigenen Überraschung. Ich mag nicht an vielen Stellen gleichzeitig zündeln, kleine Feuer legen, bei denen ich dann aufpassen muss, dass sie nicht außer Kontrolle geraten. Nein, meine Aufmerksamkeit reicht nur für eins nach dem andern. Ich werde jeden kleinen Funken hüten und noch ein wenig in die Glut blasen. Und wenn daraus keine Flamme wird, damit aufhören, bevor mir die Puste ausgeht. So sieht’s aus. Im Moment. Bin gespannt, wie es weitergeht.

Sonntagsfrühstück

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Brot und Lilien. Die Frau beim Bäcker hat mir das Weißbrot mit der schönsten Kruste rausgesucht, mit der Blumenfrau hatte ich einen kundigen Schnack über Tulpen zur falschen Jahreszeit, über Farben und Formen und die Freude an der Vielfalt. Die beiden Männer in Orange waren heute mit der Greifzange unterwegs und nicht bloß mit der Kehrmaschine, sie haben Glasscherben und gebrauchte Spritzen sorgfältig aus den Ritzen im Pflaster geklaubt und sich dabei übers Kochen unterhalten, auf dem Hinweg ging es um Tomatensoße, als ich mit dem Brot unterm Arm zum zweiten Mal an ihnen vorbeiging, sprachen sie über die richtige Art, Auberginen weich zu kriegen.

Der Tee duftet, die innere Uhr ist verwirrt. Und das Buch über einen der schönsten Gemüsegärten lacht mich an. Ich setze auf die Liste der Ferienjobs, die ich gerne hätte: Unkrautzupferin im Potager du Roi in Versailles. Für den Fall, dass die Aushilfstätigkeit bei der Müllabfuhr von Venedig an irgendwelchen gewerkschaftlichen Nickeligkeiten scheitert…

Börsennotizen

Ich überlege, ob ich mich wieder abmelde aus dem Datingportal. Ich mag mich nicht von gekränkten Männern anonym dafür beschimpfen lassen, dass ich ihre Angebote höflich ablehne. Seltsamer Umgangston. Das liegt vielleicht wirklich daran, dass Männer und Frauen sich auf diesem Portal zu ganz unterschiedlichen Bedingungen bewegen. Oder ist es die Anonymität, ein ähnliches Phänomen wie das von Andrea Diener beschriebene Trollwesen in den Communities? Und es kommt noch eine Singlebörsenspezifik dazu, die etwas mit dem Marktzugang zu tun haben muss. So ähnlich wie bei Bewerbungen auf Arbeitsstellen scheint es die Verabredung zu geben, eher mit Idealen als mit Realien zu handeln. Warum, zum Beispiel, rückt jemand, wenn die Verabredung in greifbarer Nähe ist, mit der Information heraus, zu seinem Alter müsste ich noch ein paar Jahre dazurechnen? Offenbar, weil Alter dort grundsätzlich mit Falschgeld gehandelt wird. Hat man es erst mal auf den Markt geschafft, wird das Falschgeld umgetauscht. Seltsame Sitten. Umständlich. Oder ein Spielzug, den ich nicht verstanden habe. Was an meiner generellen Spieluntauglichkeit liegen mag. Ich fand die Spiele immer schon ziemlich ermüdend, bei denen es ums Gewinnen geht und nicht um den Spaß am Spiel, darum, den Ball möglichst lange hin- und herzuspielen. Und ums Siegen scheint es hier zu gehen: Der Hauptgewinn ist der Zugang zum raren Gut Frau, jedenfalls da, wo ich bisher suche. Einen Ball lange in der Luft halten kann ich auch allein. Aber ein Spiel, eine Begegnung gelingt so nicht. Muss nachdenken. Ah, zwei neue Namen für die Herzklopfen-Liste hab ich noch: GodofServitude, Downhill … Himmel, hilf!

Suppenzeit

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Kalt ist es geworden, regnerisch, ungemütlich. Jetzt kommt die Suppenzeit. Ich habe meine Kochkladde durchsucht nach Rezepten für das, was noch im Kühlschrank war: blanchierter Wirsing, eine halbe rote Paprikaschote, eine angebrochene Dose rote Currypaste. Und bevor ich ein passendes Rezept gefunden hatte, war die Suppe angerührt, mit Kokosmilch aus dem Vorrat, einer Kartoffel zum Sattwerden, Zwiebeln, Fischsoße, Zitronensaft und einem Löffel Zucker für den Geschmack.

Was mir beim Lesen meiner Rezepte aufgefallen ist: Wie sich meine Schrift verändert hat seit 1979, als ich in meiner ersten eigenen Wohnung anfing, mir aufzuschreiben, was mir geschmeckt hatte. Und wie sich die Küchenmode gewandelt hat. Oder mein Geschmack. Wahrscheinlich beides. Das erste Rezept heißt „Apfeltorte Venusbusen“. Ich weiß noch genau, wann ich es gebacken habe: Ich hatte im Unterfeld auf den Streuobstwiesen Fallobst aufgelesen, ganz viele wunderbare verschiedene alte Apfelsorten. Und obwohl ich bis heute nicht gut backen kann, ist die Torte gut gelungen. Ich glaube, die mache ich zum Wochenende mal wieder. Bin gespannt, ob der Geschmack der Erinnerung standhält. Im Kochbuch folgt dann eine Auswahl Nudelsoßen. Die wenigsten davon würde ich heute  noch mal kochen, da kommen Zutaten drin vor, die es nicht mehr in meinen Kühlschrank schaffen: Philadelphia-Frischkäse, Kräuter-Crème-Fraîche und Hühnerfleisch zum Beispiel. Außerdem habe ich schon lange keine Nudelsoße mehr nach Anleitung gekocht, die mache ich aus der Lameng. Dem Kochbuch zufolge muss ich mal eifrig gebacken haben, sogar ein Rezept für selbstgemachtes Knäckebrot habe ich aufgeschrieben. Keine Erinnerung, ob ich das jemals probiert habe. Dann kam wohl eine Wildkräuter-Phase, das muss noch zu meiner Pfadfinderzeit gewesen sein. Es folgen Rezepturen für Kräutertees (mein Studentenjob in Bielefeld: Aushilfe im Kräuterladen), Boston Clam Chowder (von der ersten Reise in die USA), Chili con carne für 30 Leute (wann habe ich je eine Party mit 30 Gästen gefeiert?), eine heftige Siebeck-Phase, die ziemlich lange gedauert hat. Mehr und mehr tauchen Eigenkreationen und erfolgreich Nachgekochtes auf: Lasagne mit Wirsing, Linsen und Steinpilzen, Banco-Giro-Salat, Risotto mit Petersilienwurzeln und karamelisiertem Rhabarber. Und dann gibt es noch die Heimweh-Abteilung: Grüne Soße, Dampfnudeln wie zuhause, eingelegter Kürbis nach einem Familienrezept. Inzwischen schreibe ich oft Rezepte aus der New York Times auf, wenn sie den zweimaligen Geschmackstest bestanden haben: ohne Rote-Bete-Rösti und Karotten-Linsen-Suppe komme ich nicht mehr durch den Winter. Bin mal gespannt, was davon mir in zehn Jahren noch schmeckt.

Die Wirsing-Curry-Suppe hat übrigens gut geschmeckt, und für morgen ist auch noch was übrig.