Zopfzeit

DSCI0020 Gerade habe ich Frau Fach angerufen, die Frisörin meines Vertrauens, und einen Termin vereinbart, den ersten seit mehr als anderthalb Jahren. Frau Fach kenne ich seit vielen Jahren: Irgendwann mal kurz vor der Berlinale, zwischen dem Abholen meiner Akkreditierung und einem Geschäftstermin, zu dem ich nicht zerzaust und rausgewachsen gehen wollte, betrat ich einen Friseursalon, ging rein, kam dran und geriet an eine Frisörin, die mir nicht, wie so viele andere vor ihr, mit einem halb mitleidigen Gesichtsausdruck vorschlug, mein unauffälliges Dunkelblond mit Strähnen oder Farbe aufzupeppen. Sie verstand genau, was ich wollte – aussehen wie ich selbst, nur mit einer ordentlichen Frisur, die sich ohne Aufwand pflegen lässt, nix mit Styling und Rumhantieren mit Fön und Bürste und vor allen Dingen kein Haarspray. Ich zahlte, bekam ein Heftchen mit Feldern für Rabattstempel, verließ den Salon glücklich wie lange nicht nach einem Friseurbesuch, erhielt von meinem Geschäftspartner gleich ein Kompliment und war froh, endlich jemanden gefunden zu haben, dem ich meine Schnittlauchlocken auch in der Zukunft anvertrauen wollte.

Meine Haare und ich, das ist eine schwierige Geschichte. Meine Schwester, die eineinviertel Jahre jünger ist als ich, hatte schon als Kind dickes, lockiges, kupferrotes Haar, das sie oft in zwei geflochtenen Zöpfen trug. Ich sah neidisch zu, wie sie Komplimente einheimste, die sie wie ihr zustehende Huldigungen entgegennahm, während ich mit meinen dünnen, geraden, mausfarbenen Haaren daneben stand und oft für einen Jungen gehalten wurde. Ich bin heute gar nicht sicher, ob ich auch gern auf den Kopf getätschelt worden wäre, wie ihr das immer wieder geschah – als Kind war mir das Grund zur Eifersucht. Eine unserer Tanten bürstete hingebungsvoll das Haar meiner Schwester und probierte immer neue Frisuren aus: einen Dutt, einen Mozartzopf, Affenschaukeln, mit Schleifen, Bändern, schönen Zopfspangen. Bei mir war in dieser Hinsicht nichts zu machen, ich trug, solange ich noch nicht selbst über meine Frisur bestimmen durfte, einen praktischen Kurzhaarschnitt und hasste es, wenn mein Vater mir den Pony nachschnitt, weil das immer zu kurz geriet. Einmal habe ich es geschafft, die Haare ganz lang wachsen zu lassen, aber die Zöpfe, die sich daraus flechten ließen, verloren doch haushoch gegen die meiner Schwester.

Seit ich Frau Fach kenne, hatte ich immer eine halbwegs ordentliche Frisur. Ihre Schnitte sind so gekonnt, dass man den nächsten Friseurbesuch lange aufschieben kann, ohne verzipfelt auszusehen. Bis ich letztes Jahr im Frühjahr Lust bekam, die Haare mal wieder richtig lang wachsen zu lassen. Nach einem halben Jahr ungefähr konnte ich sie schon im Nacken zum Zopf zusammenbinden. Ich kaufte eine Klammer, mit der sie sich hochstecken ließen, fand in meinen Beständen noch einen Satz blauer Haargummis, drehte mir jeden Morgen einen kreativ-unordentlichen Knoten und gut wars. Tatsächlich gefalle ich mir mit zurückgebundenen Haaren. Und ich mag das Gefühl, wenn sie morgens und abends im Bad auf die nackten Schultern fallen. Auch wenn lange Haare schon ewig nicht mehr zur Unterscheidung zwischen den Geschlechtern taugen, wuchs mit jedem Zentimeter auch meine Weiblichkeit, die mir irgendwann verloren gegangen war. Ich erinnerte mich der ein, zwei Kleider in meinem Schrank, und neulich trug ich sogar meinen anthrazitgrauen Flanell-Faltenrock, der wundersamerweise nach 28 Jahren immer noch – oder besser wieder – in der Taille passt. Jetzt, wo ich wieder halbwegs weiß, wer ich bin, traue ich mir auch wieder eine Frisur zu, die mehr ist als das praktische morgendliche Zusammenzuppeln – das so praktisch gar nicht ist, denn die Haare rutschen dauernd raus und ich drehe den Knoten mindestens ein halbes Dutzend Mal am Tag neu. Außerdem sind die Haare inzwischen so lang, dass ich beim Schlafen draufliege, was auch nicht angenehm ist. Ich werde einige Zentimeter abschneiden lassen, mal sehen, worauf Frau Fach und ich uns einigen. Bisher habe ich mir immer gefallen hinterher. Und ich weiß jetzt schon, das werde ich sein mit einer neuen Frisur und nicht irgendeine Maske, hinter der ich mich verstecke. Schön, dass das endlich wieder geht.

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5 Uhr 42: Morgenseiten

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Alles da, was ich brauche am frühen Morgen, wenn ich nicht mehr schlafen kann: Tee, Musik, gespitzte Bleistifte, das Morgenseitenbuch. Und heute noch ein Zitronentörtchen, übrig von einem wunderbaren Picknick, bei dem es noch so viel anderes zu genießen gab. Diese Stunde direkt nach dem Erwachen ist mir wichtig, zu keiner andern Zeit fällt es mir so leicht, einfach meinen Gedanken zu folgen. Was heißt Gedanken, das ist eine wilde Mischung aus Träumen, Gefühlen, Halbgedachtem, Ängsten… Heute morgen kamen die Ängste hoch: Wer bin ich, was will ich, was kann ich. Und dann fiel mir wieder das Motto ein, das ich mir für dieses Jahr gegeben habe: Wirf deine Angst in die Luft – Sei was du bist – Gib was du hast.

Die ersten und die letzten Zeilen aus einem Gedicht von Rose Ausländer. Das ist der Text der Jahresanfangskarte, die ich von einem lieben Kollegen bekommen habe und die seit Januar neben meinem Schreibtisch hängt. Immer wieder fällt mein Blick darauf, bleiben meine Gedanken daran hängen: Wird die Angst mich erschlagen, wenn ich sie in die Luft werfe und sie wieder runterfällt? Oder kann sie wie ein Adler ihre Schwingen ausbreiten und davonfliegen? Das habe ich geträumt vor einigen Monaten. Ein schönes Bild, wie der große Vogel, der lange in einem viel zu kleinen Käfig gehockt hatte, sich endlich in die Weite des Himmels erhob. Und wie das so ist mit der Angst: Ich kann noch nicht einmal sagen wovor. Wüsste ich sie zu benennen, wäre alles nur noch halb so schlimm. Heute morgen habe ich einen Zipfel der Angst zu fassen bekommen, ich fange an, sie zu erkennen. Und eines weiß ich: Bisher hat die Angst immer irgendwann fliegen gelernt. In meinem Leben sind mir immer zur rechten Zeit Menschen begegnet, die mich an der Hand genommen haben, wenn ich mich nicht allein in den dunklen Wald getraut habe. Und mit dieser Gewissheit beginne ich heute den Tag.

Selbstbild, erneuert

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So sehe ich aus, im November 2014, mit Falten, Narben, Augenringen, grauen Haaren. Und Sommersprossen, ich saß vor wenigen Tagen in der Mittagsssonne auf dem Dorfplatz. Ich trage mein Lieblingshemd und ein Lächeln, wie es mir seit Ewigkeiten nicht gelungen ist auf einem Foto. Ein Lächeln, in dem ich mich wiedererkenne, das zu mir passt, das von außen so aussieht, wie ich mich von innen fühle. Seit sehr, sehr langer Zeit ein Foto, auf dem ich mich gut getroffen fühle.

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Und so sah ich aus im November 2013. Damals ging das mit dem Lächeln fürs Foto noch nicht. Was ging: ernst, gerade, skeptisch, fragend, wach, ein wenig zurückgenommen, reserviert, aber noch nicht wirklich offen. Was zwischen diesen beiden Fotos liegt, habe ich hier versucht festzuhalten. Es ist viel passiert im vergangenen Jahr. Vor ein paar Tagen fragte mich jemand, ob denn schon Silvester sei. Nein, aber warum bis Silvester warten, wenn mir jetzt klargeworden ist, welchen Weg ich zurückgelegt habe in den letzten zwölf Monaten. Damals schrieb ich vom Revolutionsbedarf. Damals – davon schrieb ich nicht – traute ich mich noch nicht, einen Kuss zu erwidern, den ich geschenkt bekam. Heute geht das wieder. Und nicht nur darüber bin ich sehr froh.

*) Das Foto hat übrigens Gudrun Kolb gemacht. Wenn jemand eine gute Fotografin braucht: Ich vermittele gern den Kontakt zu ihr.

Bountiful

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Ein barockes Stillleben, komplett mit Wurm, wie es sich gehört (den sieht man rechts als dunkleren Kringel im Zuckerhutsalat, wenn man das Bild durch Anklicken vergrößert). Die Beute vom Markt: drei Sorten Kartoffeln, je zwei Sorten Äpfel und Birnen, Quitten, die ersten Walnüsse, Eier, Petersilienwurzel, Rosmarin und als Krönung ein Stück Stichelton, Blauschimmelkäse von Neal’s Yard Dairy, meinem Londoner Lieblingskäseladen, der für eine Messe in der Stadt ist. Die Quitten duften, ich weiß noch nicht, was ich mit ihnen mache: Gelee und Konfekt? Das würde gut zum Käse passen. Oder in Spalten schneiden, in Butter braten und zu Kartoffel-Petersilienwurzelpüree servieren? Oder beides? Oder Quittenrisotto mit Rosmarin und krossen Petersilienwurzelchips? Wenn ich nächste Woche keine schwierigeren Entscheidungen zu treffen habe, wird es mir sehr, sehr gut gehen.