Stille Nacht

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Ich bin an Heiligabend gern allein. Mein schönster Heiliger Abend ist in meiner Erinnerung der von 1991. Ich war gerade ein Jahr in Berlin und hatte mich für den zweiten Weihnachtstag zum Dienst einteilen lassen, vielleicht als Vorwand, zum ersten Mal Weihnachten nicht nach Hause zu fahren. Es war noch nicht kalt, die Luft war feucht und roch nach Erde. In der Dämmerung, zur Bescherungszeit, brach ich auf zu einem langen Spaziergang. Am Potsdamer Platz gastierte ein Zirkus, ich hörte die Tiere in ihren Wagen im Stroh rascheln, es roch ein bisschen wie im Stall von Bethlehem, stellte ich mir vor. Später kam ich Unter den Linden an der Botschaft der Sowjetunion vorbei, die kurz vor ihrer offiziellen Auflösung stand. Hinter den hohen Fenstern war Licht, man sah die dicke Luft förmlich die Scheiben ausbeulen. Ich wanderte durch die menschenleeren Straßen im Bewusstsein, history in the making zu erleben, ein sehr, sehr besonderes Gefühl, selbst nach mehr als einem Jahr voller solcher Momente. Irgendwann kam ich an der Bar am Lützowplatz vorbei, meiner Lieblingsbar. Ganz allein saß ich am langen Tresen, packte meinen Füller aus und schrieb, während ich an einem Portwein nippte, einen Brief an meine Freundin. Später fuhr ich mit dem 29er Bus nach Hause und betrachtete vom Oberdeck aus Einzelne und kleine Grüppchen, die mit Päckchen und Tüten unterwegs waren. Zuhause hatte mir der Liebste, der zu seinem Vater gereist war, einen Teller mit Lachs hingestellt, schön dekoriert mit Dill und Zitrone und Meerrettich und einem Zettel, auf dem er mir ein frohes Weihnachtsfest wünschte und mir verriet, dass im Kühlschrank noch ein Nachtisch wartete.

Vor ein paar Jahren gab es einen Stromausfall in meiner Straße. Keine Musik, kein Telefon, kein Licht. Nur ein paar Kerzen, zum Lesen zu dunkel. Selbst die Zeit schien stillzustehen. Wirklich eine stille Nacht. Ich saß am Fenster und dachte nach. Draußen fuhren ab und zu Autos und Busse vorbei und brachten für einen Moment Licht. In der einzigen Kneipe, die geöffnet war, flackerten die Kerzen. Und irgendwann flackerten auch die Straßenlaternen wieder auf, die Leuchtreklamen an den Läden und die Fernseher in den Wohnungen.

Auch dieses Jahr war ich an Heiligabend allein, selbstgewählt und gern. Ich mag es, tagsüber die Wohnung aufzuräumen, das Bett neu zu beziehen und die Wäsche zu waschen vor den Rauhnächten, den Zeitungsstapel zu sortieren, das Bad zu putzen, den Müll runterzubringen, die Hyazinthen umzusetzen in die Glastöpfe, die ich vorher mit den Scherben gefüllt habe. Wenn alles so ist, wie ich es haben will, zünde ich Kohle an, lege Weihrauch auf und räuchere, was noch an Vorweihnachsthektik und störenden Gedanken vorhanden sein mag, aus den Räumen heraus. Dann mache ich die Kerzen auf meinem Adventskranz an (dieses Jahr habe ich einen ganz besonderen) und komme langsam, langsam in die Stimmung, die ich mit Weihnachten verbinde. Ruhe. Alleinsein. Das Jahr sacken lassen. Wissen, dass alles, was jetzt noch getan werden muss, ein paar Tage warten kann. Und ich freue mich darüber, dass es in meiner sonst so lebendigen und lauten Straße an diesem einen Abend im Jahr wirklich ruhig ist. Stille Nacht. Frohes Fest!

Großstadtdschungel

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Verloren lag er auf der Hecke, neulich auf dem Weg zur Post, fast hätte ich ihn mitgenommen auf meine kleine Reise, so traurig sah er aus. Ich bin dann doch ohne ihn gefahren und er ist vielleicht gefunden worden von dem, der ihn verloren hat. Jemand hatte ihn auf den frischgestutzten Liguster gesetzt, damit er nicht im Straßendreck liegen musste, damit er ins Auge fiel, so wie verlorene Handschuhe an Türknäufen hängen, Mützen auf Zaunspitzen sitzen, Schals um Baumstämme geschlungen werden. Vielleicht hat die Geschichte ein gutes Ende genommen: Beim nächsten Gang zur Post eine Woche später war er nicht mehr da, der Stofftiger mit den traurigen Augen und dem Maul, dem ich einen mühsam beherrschten Zug von Enttäuschung zugeschrieben hatte.

Irgendwas in mir springt an bei einem solchen Anblick, so eine Art Mitleidsmodul. Ich schleppte früher verlauste, ausgesetzte Pflanzen nach Hause und pflegte sie gesund, auch wenn ich sie eigentlich hässlich fand, ich klaube weggeworfene Kohlrabi, die nicht mehr schön, aber noch gut sind, von unserem Kompost, weil sie etwas besseres verdient haben als von Würmern gefressen zu werden. Wieviele Weihnachtsbäume habe ich schon gekauft, die kein anderer haben wollte. Manchmal frage ich Menschen, die mich um Geld bitten, ob ich ihnen einen Kaffee ausgeben darf – und tue das für mich, weil ich es bin, die sich in diesem Moment nach Zuwendung sehnt. An manchen Tagen wärmt mich nichts so sehr wie ein Gespräch mit einem Fremden, ein geschenktes Lächeln, eine unerwartete Begegnung. Wahrscheinlich hat längst jemand die wissenschaftliche Erklärung für mein Verhalten formuliert, Spiegelneuronen vielleicht oder irgendein überkommener Reflex, der das Überleben ermöglicht hat in Zeiten, als es noch keine gestutzten Ligusterhecken gab im Urstromtal, nur Raubtiere.

Und möglicherweise gibt es eine ganz andere Erklärung für den traurigen Tiger am Straßenrand: Auf dem Rummel gewonnen von Rainer, der ihn Sabine schenkte – sie ihm dafür ihr Herz -, die ihn lange auf der Rückbank ihres alten Autos durch die Gegend fuhr, bis sie vor ein paar Tagen Rainer in den Wind schoss, weil er nichts auf die Kette gekriegt, ihr Auto mit Zigarettenasche und zerknüllten Bonbonpapierchen zugemüllt und ihr überhaupt den letzten Nerv geraubt hat. Jetzt ist das Auto gewaschen, gesaugt, mit Duftspray eingenebelt, um den Rauchgestank zu vertreiben (der Wunderbaum hat nichts getaugt). Und an die Luft gesetzt hat sie auch diese blöde Raubkatze, die ihr noch nie gefallen hat, nur traute sie sich das damals nicht zu sagen, weil sie sich nach Wärme sehnte und sie Mitleid hatte mit Rainer, dessen Augen genauso traurig schauten wie die des Tigers. Jedenfalls ist jetzt Platz auf der Rückbank für einen Weihnachtsbaum, den sonst niemand haben will. Und dieses Jahr schenkt sie sich selbst ein Tombolalos auf dem Rummel.