31,96 €

Soviel – so wenig – hat mein neues Kleid gekostet, im Schlussverkauf. Das erste Kleid seit mindestens fünfzehn Jahren. Und schon habe ich Lust, mir ein weiteres zu kaufen, für den Sommer. Ich habe schon ziemlich genaue Vorstellungen davon, wie es aussehen soll: blau natürlich, Hemdblusenschnitt, durchgeknöpft. Und lange Ärmel soll es haben. Ich habe morgen einen Termin in der Nähe der Kaufhäuser, da werde ich suchen, ob ich finde, was ich mir wünsche. Und ich ziehe mit dem festen Vorsatz los, gar nicht erst bei den Sonderangeboten zu schauen, sondern gleich auf die neuen Sommersachen loszugehen. Das ist etwas, wozu ich mich immer noch ein wenig überwinden muss. Und es steckt eine interessante Geschichte dahinter.

Vor bald zwanzig Jahren kursierte im Kreis meiner Freundinnen und Kolleginnen ein Buch: „Der Weg des Künstlers“ von Julia Cameron. Darin beschreibt sie ein Zwölf-Wochen-Programm, mit dem man sich auf die Spuren der eigenen verschütteten Kreativität begibt. Und eine der Aufgaben hat bei mir einen nachhaltigen Erkenntnisschub bewirkt. Man sollte sich vor seinen Kleiderschrank stellen, alle, wirklich alle Sachen herausnehmen und sich überlegen, wann und mit welchen Gefühlen man sie erworben und getragen hatte. Ich hatte zu dieser Zeit fast ausschließlich Kleidung aus dem Secondhandladen, und was ich neu gekauft hatte, war ein Sonderangebot gewesen. Und noch viel entscheidender: Fast alles war zu groß, zu weit, irgendwie sackförmig, auf keinen Fall figurbetont. Denn schließlich wollte ich für meinen Charakter geliebt werden und nicht wegen irgendwelcher Äußerlichkeiten. Auf die inneren Werte kommt es an, das war ein Satz, der mich seit meiner Kindheit begleitet hatte. Sicher gut gemeint. Aber wohlgefühlt habe ich mich so nicht. Denn Kritik an meinem Aussehen, auch wenn sie „nur“ mein Äußeres betraf, hat mich doch getroffen. Klar wusste ich, dass man mit der Kleidung und dem Aussehen dem Gegenüber signalisiert, wie man sich selbst sieht. Ich hatte mir bisher nur kaum Gedanken darum gemacht, wie ich auf andere wirkte. Durch das bedachte Ausräumen meines Kleiderschranks sah ich mich auf einmal von außen – jemand, der sich hinter seinen Klamotten versteckt, Sachen, die fast schon schrien: Schaut hinter die Fassade, das lohnt den zweiten Blick.

So wirke ich offenbar heute noch manchmal, auch mit besser passender Kleidung. Ein erster Eindruck neulich, mir freundlicherweise nach dem zweiten Blick mitgeteilt: vegan lebende taz-Redakteurin mit Katze. Nichts davon trifft zu, und doch ist dieses Bild nicht ganz falsch. Immer noch ist mir wichtig, lieber dem zweiten Blick derjenigen standzuhalten, die ihn riskieren, als mit einem durchgestylten Äußeren jemanden auf eine möglicherweise falsche Spur zu locken. Das ist auch ein Test: Wer mich ungeschminkt nicht beachtet, mit dem will ich gar nicht erst zu tun bekommen. Vielleicht stimmt das ja gar nicht? Denn den umgekehrten Test habe ich ja noch nie ernsthaft gemacht: Wer spricht mich an, wenn ich mich mal so richtig zurechtmache? Mit meinem neuen Kleid werde ich das probieren, gleich nächste Woche auf der Berlinale.

Damals, als ich meinen Schrank aus- und nur wenige Sachen wieder eingeräumt hatte, bin ich gleich losgezogen und habe mir einen neuen Wintermantel gekauft, in der genau passenden Größe, aus Kaschmir, zum regulären Preis. Und gleich noch einen Kaschmirpullover dazu. Beide habe ich viele, viele Jahre getragen, buchstäblich, bis sie mir vom Leibe fielen. Und tatsächlich hat sich dadurch auch etwas an meiner Einstellung zu Kleidung und Äußerlichkeiten geändert. Seitdem habe ich keine zu großen Sachen mehr gekauft, auch wenn ich mich nach wie vor gern in Secondhandläden und auf dem Flohmarkt einkleide. Oder mich über ein Sonderangebot freue – wenn es passt. Und um so mehr, wenn ich mich darin von einer neuen Seite zeigen kann.

Tanzen…

wollte ich im vergangenen Jahr, das war einer meiner Vorsätze, meiner Wünsche. Und der einzige, der noch nicht mal in die Nähe der Erfüllung kam: Ich hab’s nicht geschafft, noch nicht einmal angepackt. Vieles, was sonst auf der Wunschliste stand, ist in Erfüllung gegangen, durch eigene Anstrengung, mutige Schritte und viel glückliche Fügung. So schrieb ich zum Beispiel im Sommer, als ich einer Freundin ein Buch zum Geburtstag schenken wollte und mir die Buchhändlerin sagte, es sei vergriffen, kurzerhand dem Autor eine Karte und fragte, ob es nicht eine Neuauflage gäbe. Daraus ergab sich ein kleiner Briefwechsel, der ganz neue Perspektiven eröffnete, mir einen Auftrag einbrachte, eine Idee gebar, die zu einem Treffen mit einem lange nicht gesehenen Kollegen führte, was mir einen weiteren Auftrag bescherte, der wiederum zu einer Anfrage führte, aus der noch ein Auftrag wurde. Wäre alles nicht passiert ohne mein letztjähriges Motto „Wirf deine Angst in die Luft…“ Das vergriffene Buch ist immer noch nicht wieder erhältlich. Aber vielleicht wird ein Hörbuch draus. Oder ein Drehbuch für einen Film. Oder ein Theaterstück. Oder etwas, woran heute noch keiner denkt.

Anstrengung, Mut, glückliche Fügung. Vielleicht auch in anderer Reihenfolge: Mut für den ersten Schritt, Anstrengung für den weiteren Weg. Ohne Mut läuft jede Anstrengung ins Leere, in die Irre, in die Vergeblichkeit. Mut, sich über die eigenen Bedürfnisse klar zu werden. Was will ich, was wollen andere, dass ich es wollen soll – so ungefähr. Was mich zum Tanzen zurückbringt. Draufgebracht auf den Wunsch hatte mich die Frage eines alten Bekannten, ob ich tanze. Ich habe entschieden verneint. Und fragte mich selbst später, warum ich mich einerseits immer danach sehne, tanzen zu können, andererseits nie etwas tue, es zu lernen oder wenigstens mal zu probieren. Ein-, zweimal habe ich es versucht. Vor einer Hochzeit, auf der ich Trauzeugin war, machte ich einen Tanzkurs, mit leidlichem Erfolg. Auf der Hochzeit wurde dann gar nicht getanzt. Ich erinnere mich dunkel, dass ich es nicht mal schade fand.

Ein-, zweimal in meinem Leben  bin ich von einem wirklich begabten Tänzer übers Parkett gewirbelt worden, das war ein Glücksgefühl, an das ich mich gelegentlich voller Freude erinnere. Aber das ist nicht die Art von Tanzen, die ich meine mit meinem Wunsch, über den ich gerade noch einmal nachdenke. Der Autor, dem ich die Postkarte schrieb, beschreibt in dem vergriffenen Buch, wie sich seine Hauptfigur ins Leben zurücktanzt – das ist die Idee, die mich so reizt. Sich irgendwas durch rhythmische Bewegung zu entfesselnder Musik aus dem Leib schwitzen, so ungefähr. Eine Frau, die ich aus einem Forum kenne, schreibt dort immer wieder von ihren schönen Tanzabenden, das macht mich ein wenig neidisch. Aber offenbar ist es mir so wichtig dann doch nicht. Denn sonst hätte es längst probiert. Also sammle ich meinen Mut, stelle meine Lieblings-CDs zusammen und rufe den Beetnachbarn an, mit dem ich immer mal wieder die Idee einer Alte-Musik-Disco ventiliere. Wer weiß, was sich daraus entwickelt. Mit Anstrengung und ein bisschen Glück.

Neujahrsstimmung

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Das neue Jahr ist da. Mit aufgeblühten Hyazinthen. Gestern kam ich von einer kleinen Reise nach Hause – und es duftete nach Frühling! Kaum zwei Tage weggewesen und die Knospen haben sich geöffnet. Der Winter kann noch kommen, hier schneit es oft erst im Februar richtig heftig. Aber die Tage werden schon erkennbar wieder länger. Und die blühenden Zwiebeln auf der Fensterbank erinnern mich daran, auch wenn an Tagen wie heute die Schreibtischlampe durchgehend brennt.

Das alte Jahr endete und das neue begann mit einer Erkältung, die heftiger ist als sonst. Meist habe ich Schnupfen, diesmal eher Husten und Halsweh, und das alles schon länger als eine Woche. Das erinnert mich an eine Erkältung vor zwanzig Jahren. Ich war auf einem Drehbuchseminar gewesen, musste einen Tag früher abreisen, weil ich Fieber bekam, lag vierzehn Tage flach, und als ich wieder gesund war, wusste ich, ich würde meinen Job kündigen. Gesagt, getan –  eine Entscheidung, die ich nie bereut habe. Auch die jetzige Erkältung fühlt sich an wie Ausbrüten, ich habe nur noch keine Ahnung, was da schlüpfen wird.

Ich habe immerhin schon eine Idee, was das Motto des Jahres werden könnte. Das des vergangenen Jahres – Wirf deine Angst in die Luft. Sei was du bist. Gib was du hast – hängt noch neben meinem Schreibtisch. Immer, wenn die Zweifel kamen, schaute ich es an, drei kurze Sätze, Aufforderungen, Imperative, die mich durchs Jahr getragen haben. Ich habe viele alte Ängste abgelegt, Ängste, die ich kaum in Worte fassen konnte. Ich bin mir selbst so nahe gekommen wie lange nicht, ich weiß wieder, wer ich bin, was ich kann, was ich zu geben habe. Die Zeit des Zweifelns ist vobei. Ja, das ist es: Das wird mein Motto für das Jahr 2015, ein Jahr, das – ich sehe ja Zahlen und Buchstaben in Farbe vor meinem inneren Auge – ein freundliches sattes helles Blau trägt, eher an Wasser- als an Himmelblau erinnernd, etwa so wie Pantone 14-4313 Aquamarine. Übrigens blüht eine der Hyazinthen in einer ähnlichen Farbe, wie schön. Ich freue mich auf ein Jahr ohne Zweifel.