Duftnoten

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Ich habe mir ein neues Parfum gekauft – der erste Duft seit fünf Jahren. Ich mag ihn sehr, aus den verschiedensten Gründen: Natürlich gefällt er mir, ich finde, er passt zu mir. Sein Name – Bogota Berlin – verweist auf den letzten Sommer, als mit einer Arbeit, zu der ich über eine kühne Postkarte gekommen war, eine neue Phase in meinem Leben begann. Und der Laden, wo ich ihn gekauft habe, liegt an einem Ort, der für mich mit einer sehr schönen Erinnerung verbunden ist.

Eine kleine Reise durch die prägenden Düfte und Gerüche meines Lebens: In den ersten Jahren waren das Töpfer Kinderbad, Penatencreme und meine jüngeren Geschwister, die so gut nach Baby rochen. Ich roch sogar Grießbrei gerne, wenn meine Mutter den Saft einer Blutorange darübergoss (heute könnte man mich mit Grießbrei jagen – Blutorangen liebe ich immer noch). Ich liebte den Geruch des nahen Waldes zu allen Jahreszeiten und besonders nach dem Regen. Ich mochte meinen ledernen Schulranzen auch für seinen Geruch, und als einmal eine reife Banane darin zerquetschte, mochte ich die Mischung, die entstand, als sich die beiden Aromen verbanden. Ich liebe Weihrauch und den Geruch von Kirchen nach hohen Feiertagen. Ich rieche an jedem neu gekauften Buch, wie damals, als ich an den frisch ausgeliehenen Schulbüchern roch und mich freute, wenn ich die erste war, die sie benutzen durfte. Manche rochen alt und muffig, und an den Büchern aus der Gemeindebücherei hing ein Hauch von Ölofen. Selbst Chlorwassergeruch weckt angenehme Erinnerungen, obwohl ich den Schwimmunterricht eklig fand: Das Wasser zu kalt, der Fußboden im Umkleideraum voller Haare und die Jungs im Schwimmkurs Rotzlöffel, die mich immer unterzutauchen versuchten, meist mit Erfolg. Aber hinterher, wenn ich wieder abgetrocknet war und die Haut noch lange diesen eigentümlichen Geruch bewahrte, war ich dann doch stolz und roch gern an meinen schrumpeligen Fingern.

Mit fünfzehn Jahren bekam ich zu Weihnachten mein erstes Parfum: „Charlie“. Damit dieselten sich damals mindestens fünf weitere Mädchen aus meiner Klasse ein, so wie das Model auf den Anzeigen wollten wir sein. An mir funktionierte der Duft nicht, er war mir zu aufdringlich und zu wenig individuell. Ich ersetzte ihn bald durch ein herberes Parfum, das sonst niemand hatte: „Estivalia“, dem ich bis nach dem Abitur die Treue hielt und an das ich manchmal noch denke wie an eine verflossene Jugendliebe. „No. 19“ von Chanel war dann mit zwanzig der Versuch, erwachsen zu werden, unterbrochen von einem Flirt mit einem Duftöl aus dem Indienladen, das vorgab, nach Farn zu riechen. In meiner Erinnerung ist es unaufrichtig, wie auch meine Liebe zu dem Mann, der es mir schenkte, eher eine Fiktion war, ein Hineinsteigern in etwas, dem das Fundament fehlte. Eine sich bis in einen kalten Winter hinziehende Sommerverwirrung. Seither habe ich mir alle meine Düfte wieder selbst ausgesucht.

An einem entscheidenden Datum im Jahr 1986 hatte ich „Cacharel pour homme“ ausprobiert, ich mochte Männerdüfte immer schon lieber als die eher süßlichen, blumingen Damenparfums. Und weil der Abend der Beginn einer großen Liebe war, wurde auch der Duft eine große Liebe. Ich mag ihn heute noch sehr und drehe unwillkürlich den Kopf, wenn er an mir vorbeiweht. Den Männern, die ihn tragen, schaue ich fast immer ein wenig zu lange hinterher. Aber er ist selten geworden. 1993, im Jahr, als ich mit der großen Liebe zusammenzog, kaufte ich mir „Feminité du bois“, den ich trug, bis er aus dem Programm genommen wurde. Ich trauerte ihm lange nach. Das war übrigens sehr lange, bevor die Liebe endete. Danach gab es ein paar duftige Affären: „Eau du soir“ war ein regelrechter Seitensprung, den ich bald darauf einer Freundin weiterschenkte – ich bin ein Morgenmensch, eine Lerche, und ein Abendkleid, wie es zum Duft passen würde, habe ich noch nie getragen. „Préparation parfumée“ von André Putman  blieb ein Flirt, flüchtig wie der Duft selbst. Dann entdeckte ich „Angeliques sous la pluie“ – und zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, ein Duft sei nur für mich komponiert worden. Irgendwann, als es immer öfter Parfums mit einer ausgeprägten Engelwurznote gab, war er mir nicht mehr persönlich genug. Außerdem war er so sehr an eine bestimmte Zeit meines Lebens gebunden, dass ich, als wieder einmal eine Flasche leer war, keine neue mehr kaufte. Zu meinem 50. Geburtstag, als ich glaubte, die heftigen Veränderungen in meinem Leben einigermaßen überstanden zu haben, suchte ich mir einen neuen Duft. Nach langen, vergnüglichen Fachsimpeleien mit einem überaus kundigen Verkäufer, der genau verstand, was ich suchte, wurde es dann „En sens de bois“ von Miller Harris, wieder ein herber, holziger, eher männlicher Duft. Diese Flasche habe ich nicht aufgebraucht. Die Umbruchphase war noch lange nicht ausgestanden, ich fand mich schon bald in dem Duft nicht mehr wieder: Zu melancholisch, wenn man das von einem Parfum sagen kann. Wie ich selbst, als ich ihn kaufte. So mochte ich mich nicht mehr riechen, so wollte ich nicht mehr sein. Aber es war noch zu früh für einen neuen Duft. Die angebrochene Flasche liegt heute in der Schublade, in der ich meine Schals aufbewahre. Ich bilde mir ein, der Geruch hält die Motten fern.

Letzten Sommer entdeckte ich bei der Recherche zu einem Arbeitsprojekt einen Duft, der die Erinnerung an das legendäre Berliner Hotel Bogota bewahrt. Im Herbst schloss ich auf dem Weg zu einer Verabredung mein Fahrrad in der Nähe des Checkpoint Charlie genau vor dem Laden an, in dem es den Duft gibt. Und weil ich nicht zu früh kommen wollte, ging ich hinein, probierte ihn aus und fühlte mich sofort wohl damit. Mit dem Mann, den ich anschließend traf, übrigens auch. Er brachte mich hinterher zu meinem Fahrrad und umarmte mich dort zum ersten Mal. Was ich lange vermisst hatte, gibt es wieder in meinem Leben: Selbstgewissheit, Lebenslust und Liebe – und nun auch einen neuen Duft. Ich bin gespannt, wie lange er mich begleiten wird.

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