Abschied

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Eines Morgens war es zu, das kleine vietnamesische Restaurant nebenan. Fort. Einfach weg. Kein Zettel, keine Notiz, auch der Nachbar, der sonst über alles Bescheid weiß, was in der Straße so passiert, hatte keine Ahnung, warum da plötzlich die Fenster mit Papier abgeklebt waren. Die Miete erhöht? Pleite gegangen? Nein, der Laden war immer voll, seit ich hier in der Straße wohne, und das sind bald sechs Jahre. Dann sah ich jemanden die letzten Einrichtungsgegenstände heraustragen, keinen der Besitzer, jemand, den ich dort noch nie gesehen hatte. Und ich fragte, ob das Restaurant umgezogen sei und wohin. Nein, antwortete er, die Besitzer wären zurück nach Hause. Also nach Vietnam. Ich wollte nicht weiter fragen, das schien mir indiskret. Zwischen den Jahren hatten sie noch renoviert, neu gestrichen. Das macht man doch nicht, wenn man weiß, dass man zwei Monate später den Laden aufgibt. Also wird etwas passiert sein. Vielleicht sind Eltern zu pflegen oder jemand ist krank geworden. Mir tut es leid, dass ich mich nicht verabschieden konnte von den ersten Menschen, mit denen ich damals nachbarschaftliche Kontakte aufgehommen hatte. Ich hätte ihnen gern gesagt, dass ihr Lokal mir ein Stück Zuhause war in all den Jahren. Und ihre Küche die beste in der ganzen Straße.

Als ich die neue Wohnung renovierte und mein Herd noch nicht angeschlossen war, ging ich zum ersten Mal dort essen. Es schmeckte wunderbar, aber es war zuviel, und da ich kein Essen wegwerfen kann, bat ich die Wirtin, mir den Rest einzupacken. Beim nächsten Mal kam ich mit Tupperdose, da lachte sie. Und seitdem war ich viele Male dort gewesen, allein, mit Freunden und meist mit Dose. All meinen Besuchern empfahl ich das Lokal, und wenn mich Touristen auf der Straße fragten, wo man denn hier gut essen könne, schickte ich sie dorthin. An lauen Abenden, wenn der Laden voll war, holte ich mir manchmal drei Sommerrollen und aß sie aus der Hand auf dem Bänkchen vor meinem Haus, bald musste ich nicht mehr drinnen warten, sondern bekam sie gebracht nach nebenan. Manchmal traf ich die Frau beim Einkaufen, wir grüßten uns oder winkten uns durchs Fenster zu. Und nun ist sie weg und ich werde sie wohl nie wiedersehen. Gehen ohne Abschied. Alles, was mir bleibt, ist, ihr und ihrer Familie gute Gedanken hinterherzuschicken und mich wehmütig an sie erinnern, wenn demnächst dort das wievielte hippe Café aufmacht.

Schattenspiele

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Das Licht fällt in diesen Tagen manchmal morgens die Straße entlang wie noch nicht richtig wach. Alles wirft lange Schatten, ein unscheinbarer Verteilerkasten streckt sich auf dem Pflaster zum Laternenpfahl, Menschen werden zu Giacometti-Skulpturen und die Straße träumt ein paar Minuten von Manhattan.

DSCI0031Licht und Schatten. Sichtbar, unsichtbar. Kinderfragen: Warum hat man einen Schatten? Wo ist er nachts? Wo bei Regenwetter? Warum ist er mal größer, mal kleiner? Und wird man ihn je wieder los? Besser nicht. Wie solche Geschichten ausgehen – nie gut -, davon erzählten die Märchen. Aber drüberspringen muss doch möglich sein, oder? Wie oft habe ich das als Kind versucht. Und im ersten Moment sah es ja auch immer aus, als würde es gelingen. Für einen kurzen Augenblick in der Luft löste sich der Schatten von meinen Füßen – und schon waren wir wieder untrennbar miteinander verbunden. Über den Schatten springen. Unmöglich. Da war es viel einfacher, den Schatten zuzudecken mit meinem ganzen Körper. Ich legte mich der Länge nach auf ihn und schon war er fast verschwunden.

Den Schatten umarmen. Einswerden mit sich selbst. Auch davon erzählen Märchen, Mythen, Filme. In der Heldenreise wird der Schatten vom Gegenspieler repräsentiert, den zu besiegen oder zu überwinden der Held sich aufmacht. In vielen Geschichten gibt es einen Punkt, an dem der Gegenspieler dem Helden seine eigene Position anbietet, ihn zum Nachfolger machen – oder ihm die Eigenschaft abkaufen will, die den Helden am meisten charakterisiert. Wenn er dieser Versuchung widersteht, diese Prüfung für sich entscheiden kann, dann ist der Held frei, seinen Schatten als Teil seiner selbst anzuerkennen und nicht mehr gegen ihn, sondern mit ihm zu leben.

Warum fällt mir das ein an einem Morgen am Übergang zwischen Winter und Frühling, beim Anblick eines Verteilerkastens, dessen Schatten so ganz anders aussieht als der Kasten selbst? Vielleicht ist es an der Zeit, mir meinen eigenen Schatten mal wieder genauer anzusehen. Wer weiß, was es da an Erkenntnissen zu gewinnen gibt.