Knäuel

DSCI0005 Mein Bruder hat, als er klein war, manchmal von einem Knäuel im Bauch gesprochen. Das war, wenn er nicht genau sagen konnte, ob er wütend, traurig, enttäuscht, müde, hungrig, sonstwas oder alles zusammen war. Man sah es seinem Gesicht an, dass ihn etwas quälte und er es kaum in Worte fassen konnte. Vor ein paar Tagen sah man offenbar mir an, dass mich etwas bedrückte, und ich nannte es, wie mein Bruder damals, ein Knäuel im Bauch. Eine Menge von unausgegorenen Gedanken, noch nicht spruchreifen Ideen, halb verdauten Erkenntnissen, unbenannten Gefühlen, ein Knäuel eben, eine Wirrnis von Fäden, ohne dass ein Anfang oder Ende zu erkennen war. Wenn der Anfang gefunden ist, lässt es sich ja entwirren, das Knäuel, meist braucht es dazu viel Geduld, aber es geht. So wie mit den Gedanken und Ideen. Wenn die erst sortiert sind, entsteht daraus meist etwas Gutes. Das Bild vom Knäuel führt bei mir tatsächlich oft dazu, dass ich mir dann mein Strickzeug nehme, weil ich beim Stricken gut nachdenken kann. Nun habe ich diesen Winter alle angefangenen Strickprojekte fertiggestellt. Ich müsste also die paar Meter zum Wollgeschäft in meiner Straße laufen, mir neues Garn kaufen und mir vor allem überlegen, was ich stricken will. Nur: Im Moment fällt mir nichts ein. Ich habe genug Pullover und Socken, ich habe niemanden zu beschenken, und nutzloses Zeug mag ich nicht stricken. Also habe ich geputzt, Zeitungen ausgemistet, ein paar Bücher in die Tauschbörse gestellt, weiter geputzt, den Schrank aufgeräumt, zwischendurch Unkrat gezupft und Kerbel gesät. Und versucht, den Anfang des Fadens in die Hand zu bekommen. Sieht so aus, als wäre mir das jetzt gelungen. Ich habe die Gedanken notiert und aus dem Knäuel eine Liste gemacht, die ich abarbeiten kann. Und das Gummiknäuel, das ich geschenkt bekam als Symbol für das Knäuel im Bauch, liegt auf meinem Schreibtisch und erinnert mich an das Gefühl im Bauch, aus dem sich oft etwas im wahrsten Sinn des Wortes entwickelt.

Rosige Zeiten

Abschied – der Titel des letzten Beitrages kommt mir jetzt, nach fast einem Monat, in dem ich hier nichts notiert habe, doppeldeutig vor. Dabei will ich mich nicht verabschieden von diesen kleinen Alltagsnotizen. Ich habe nur gerade so viel anderes zu tun in meinem Leben, da kommt das Notieren etwas zu kurz. Es ist Frühling, im Garten ist wieder viel zu tun, das Fahrrad will geputzt werden, der Keller aufgeräumt, ich war ein paar Tage verreist, hier ein kleiner Auftrag, da die Vorbereitung auf eine größere Aktion, dazwischen ein Job – und schon ist der Monat vorüber. So soll das Leben sein, mein Leben. Von allem etwas: Arbeit, Liebe, mit den Händen in der Erde graben, alte Zeitungen aussortieren, Blumenkohlsalat kochen, endlich ohne Jacke rausgehen, Freunde besuchen, in alte Zeiten eintauchen mit jemandem, dem ich zum ersten Mal davon erzählen kann, mich wundern, wie alt ich schon bin und wie schön sich das anfühlt, Dinge wiederfinden, die ich lange verloren geglaubt hatte. Wollte ich das Lebensgefühl in ein Bild fassen, zur Zeit sähe es ungefähr so aus, fast ein bisschen kitschig und doch immer wieder wunderschön:

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