Knäuel, Teil 3

DSCI0007Ein altes Bettlaken, in Streifen gerissen und zu einem Knäuel aufgewickelt, aus dem ich eine Matte häkele. Vorhandenes, das zu seinem eigentlichen Gebrauch nicht mehr taugt, zu etwas Neuem machen. Während ich Streifen reiße, immer nur so viel, dass sich nichts verheddert, und Masche an Masche setze, nimmt die Matte langsam Form an. Ich freue mich über Beschäftigung, ich kann dabei schön nachdenken. Die Finger wissen, was sie tun, der Kopf ist frei. Und das alte Laken, das schon so lange im Schrank liegt, nicht mehr gut genug, aber zu schade zum Wegwerfen, findet eine neue Verwendung.

Wie das alte Laken ist auch mein Beruf fadenscheinig geworden. Nicht mehr gut genug, aber zu schade zum Wegwerfen. Nur noch ganz vorsichtig zu verwenden, nicht mehr belastbar, richtig Freude macht er mir schon länger nicht mehr. Aber ich habe noch keine neue Verwendung gefunden für all das, was ich weiß und kann, für all die Erfahrungen und Kontakte, die ein Teil meines Lebens sind und die ich gern mitnehmen möchte in einen neuen Beruf, den ich erst noch finden muss. Immer, wenn ich glaubte, kurz davor zu sein, ist mir der Faden gerissen. Wenn die Erklärung dafür doch nur so einfach wäre wie beim Stoff: Zu heftig gezerrt an einer Stelle, die schon zu mürb war dafür, da hilft dann ein Knoten, der in den gewollt unregelmäßigen Maschen nicht weiter auffällt, eigentlich sogar den Charme ausmacht dieser handgehäkelten Matte, die stolz vom Selbermachen kündet.

Selbermachen. Etwas auf eigene Art tun. Ausprobieren, was geht. Einen anderen Weg finden, wenn es so nicht weitergeht. Davon berichten Menschen auf den FuckUp Nights: Sie erzählen von ihrem Scheitern, vor Publikum, das mit ihnen, nicht über sie lacht. Sie machen sich gegenseitig Mut, es weiter zu versuchen. Und sie untersuchen, woran es lag, dass es nicht funktionierte. Aus Fehlern lernen, hieß das in meiner Kindheit. Nur, dass selten jemand mit mir lachte im Angesicht der Fehler.

Wenn ich was vermisst habe in den letzten Jahren, dann das Lachen. Ich habe im letzten halben Jahr so viel gelacht wie in vielen Jahren davor zusammen nicht. Ich merke, wie gut es mir tut und wie sehr es mir gefehlt hat, das Lachen, die Freude, und wie schön es ist, beides zu teilen. Lachen für sich ganz allein, das geht, aber es macht nur halb so viel Spaß. Viel schöner ist es, wenn man jemanden damit anstecken kann. Und Glück verdoppelt sich, wenn man es teilt. All das sind Gedanken, die mir durch den Kopf gehen beim Häkeln. Auch so lassen sich Knäuel auflösen.

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Knäuel, Teil 2

Ich habe ein paar eigenartige Angewohnheiten: Etiketten abpulen von Shampooflaschen und anderen Einkäufen aus dem Drogeriemarkt zum Beispiel. Oder Dinge zerlegen, die sich zerlegen lassen, einfach um zu sehen, wie sie gebaut sind. Und Gummibärchen (die ich gar nicht gern esse) nach Farben sortieren. Kein Wunder, dass das Knäuel nach einer Weile so aussah:

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So etwas lässt mich tief zufrieden aufseufzen. Ordnung in die Dinge bringen, verstehen, wie sie zusammengesetzt sind, die Einzelteile prüfen und sehen, was sich daraus machen lässt. Diese Gummiringe zum Beispiel taugen nicht zur Bündelung von Papierrollen, sie sind irgendwie klebrig und bröselig zugleich, und zum Zubinden von Gefriertüten sind sie zu dick und zu groß. Andere Verwendungen für Gummiringe habe ich nicht in meinem Haushalt. Also habe ich sie wieder zum Knäuel zusammengewickelt, und zwar so, dass nur noch die Farben zu sehen sind, die mir gefallen:

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So liegt es jetzt auf meinem Schreibtisch und erinnert mich an zweierlei: An den wunderbaren Nachmittag, als ich es bekommen habe von jemandem, der sich Sorgen machte um mich und mir außer diesem Knäuel auch ein liebevoll geschmiertes Schulbrot mitbrachte in einer Dose, die mit dem lila Gummiband zusammengehalten war. Und daran, dass es mir besser geht, wenn ich die Dinge auseinandergenommen und mir die Einzelteile genau angesehen habe. So habe ich das auch mit dem Knäuel in meinem Bauch gemacht. Und weiß jetzt, woher das Unbehagen kam, auf welche Situationen ich mich nicht mehr einlassen werde und vor allem, was mir wirklich wichtig ist. Und schon tun sich ganz andere Perspektiven auf. Wofür so ein Knäuel doch alles gut sein kann.