Sommerduft

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Ich lebe dieser Tage mit offenen Fenstern und ahne, welche Köstlichkeiten bei meinen muslimischen Nachbarn zum Iftar, zum nächtlichen Fastenbrechen, zubereitet werden. Der Bäcker in der Straße backt dazu frisches Brot, ich rieche, wann es fertig ist. In den Duft meines Morgentees mischt sich der Geruch der Müllabfuhr, ich kann zwischen Biomüll- und Gelbe Tonne-Leerung mit der Nase unterscheiden. Durchs Fenster herein weht auch das Deo des Halbwüchsigen aus dem zweiten Stock, der sich vor der Schule ordentlich eindieselt. Ich kriege mit, wenn die Nachbarn zum Frühstück Speck und Eier braten, weiß früher als die Gäste, was es beim Imbiss in meinem Haus zum Mittagessen gibt. Und wenn das chinesisch-deutsche Paar spät abends kocht, weckt eine Sinfonie von Knoblauch, Ingwer und Szechuanpfeffer meinen Appetit auch mitten in der Nacht. Der Sommer in der Stadt beginnt olfaktorisch, wenn der Holunder blüht, die Linden, die Robinien, der Jasmin. Wunderbar, wenn sich das mischt. Und wie bei einem guten Parfum wird der ätherische Blütenduft von einer animalischen Basisnote grundiert: Hund. Zum Garten hin kommt eine rauchige Note dazu: Grillschwaden, Angebranntes, das Holzfeuer des Samowars der türkischen Gärtnerinnen. Ich liebe den schweren Geruch der Erde, der sich mit dem Aroma von Kräutern und Blüten mischt, wenn ich abends den Garten wässere: Lavendel, wenn mein Hosenbein den Busch neben meinem Beet streift, der herbe Geruch der Kapuzinerkresse, wenn ich das Beet der Nachbarin mitgieße, der ganz eigene Duft nach intensivem Grün bei den Tomatenpflanzen. Und wenn sich freitags die Runde zum Kartenspielen trifft, weht noch ein ganz anderes Kraut durch die Luft. Ich mag den frischen Schweißgeruch meines Beetnachbarn, wenn er vom Fahrrad steigt und mich zur Begrüßung umarmt. Ich versuche nicht zu atmen, wenn ich an einem bestimmten Menschen vorbeikomme, der oft in der Nähe des Supermarktes sitzt und sich manchmal mit einer Plastikkarte den Dreck von der Haut schabt. Den morgendlichen und den abendlichen Strom der Passanten auf der Treppe zum U-Bahnhof kann ich am Geruch unterscheiden. Und eine Jungstruppe auf Klassenfahrt, die sich frischgeduscht ins Nachtleben stürzt, kann das komplette Oberdeck eines Busses parfümieren. Es gibt nur im Sommer diesen ganz bestimmten modrigen Geruch am Kanal, vermischt mit dem Staub vom Uferweg, dem trockenem Gras von der Böschung, mit Bierflecken und Urinlachen. Es gibt die kühle lilienduftende Luft, die aus dem Blumenladen auf die heiße Straße quillt. Es gibt Gewürzschwaden vorm türkischen Supermarkt, den süßlichen Geruch des nicht mehr ganz makellosen Obstes, das für fast kein Geld am Gemüsekarren feilgeboten wird, Melonen, Pfirsiche, überreife Ananas, es gibt diese unverwechselbare Mischung aus einem scharfen Reinigungsmittel und einem Hauch von Fisch, wenn vorm balıkçı das Trottoir geschrubbt wird  Es gibt den Geruch von trocknendem Beton, von frischgegossenem Asphalt, von gerade gemähtem Rasen, von Wäsche, die draußen trocknet. Und es gibt den Duft von Sonne auf der Haut des Liebsten. So riecht der Sommer.

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