Reifestadien

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Der Kompost ist reif. Aus den Gartenabfällen vom letzten Jahr ist Erde geworden. Zeit, sie durch ein Sieb zu werfen, dabei herauszuklauben, was nicht hineingehört – Glasscherben, Plastikschnipsel, Kronkorken, eine Batterie, größere Steinbrocken, Etiketten von Obst, die offenbar unzerstörbar sind. Und dann fand sich noch diese Larve, groß und dick wie ein kräftiger Daumen. So ein riesiges Exemplar habe ich noch nie gesehen. Was kann das sein? Eine erste Suche ergibt: Für Maikäfer viel zu groß. Könnte ein Nashornkäfer sein. Aber wie kommt der in unseren innerstädtischen Komposthaufen? Kein Wald weit und breit, nur ein paar Parkbäume, die sich mühsam über den trockenen Sommer bringen. Vielleicht haben wir die Larven eingeschleppt, als wir letztes Jahr Rindenmulch holten? Wir fanden noch vier weitere Larven und hörten dann mit dem Kompostsieben auf, packten die ausgegrabenen Tiere wieder zurück in die Erde und sicherten die Stelle so, dass sie sich in Ruhe weiterentwickeln können. Vielleicht finden wir irgendwann die fertigen Käfer, wenn ihre Larvenzeit zu Ende ist, sie sich verpuppt haben und schließlich geschlüpft sein werden. Wenn ihre Käferzeit gekommen ist.

Was so ein Garten lehrt: Alles hat seine Zeit. Säen, ernten, Kompost aufschichten, Erde sieben, Beete anlegen, Werkzeugkeller aufräumen. Kresse im Frühjahr, Kürbis im Herbst, Grünkohl im Winter. Und den ganzen Sommer über Salat, Kräuter, Beeren, Kohlrabi, Karotten, Rote Beten und was sonst noch wächst. Abhängig von der Temperatur, dem Regen, dem Zustand des Bodens, den Schnecken. Vieles davon können wir nicht beeinflussen. Dieses Jahr ist mein Kerbel nicht aufgegangen, keine Ahnung, woran es lag. Deshalb gab es kaum Grüne Soße, und wenn, dann nur in einer reduzierten Version. Dafür hat sich die Wilde Rauke ausgebreitet, die offenbar die Minze verdrängt hat. Und vielleicht hat dem Majoran nicht gefallen, dass ich ihn im Frühjahr an einen andern Platz gesetzt habe. Hinterher ist man immer schlauer. Vielleicht. Und macht im nächsten Jahr neue Fehler, andere. MIt größerer Gelassenheit, im Wissen, dass sich die Dinge eh nur begrenzt kontrollieren und beeinflussen lassen. Das Gras wächst nicht schneller, wenn man dran zieht. Das Gemüse auch nicht. Und so gern ich den Rest vom Kompost auch noch sieben würde: Die Käferlarven brauchen jetzt ihre Ruhe und die sollen sie kriegen. Für jemanden, der sich mit Nashornkäfern auskennt, wäre es wahrscheinlich ganz einfach zu erkennen, wie weit die schon sind. Für uns, die wir zum ersten Mal solche Larven gesehen haben, bleibt nur abwarten und beobachten. Wie bei so vielen andern Dingen im Leben auch, die einem zum ersten Mal begegnen. Wie lange etwas wirklich dauert, weiß man erst hinterher.

Schöne Dinge

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Vor fast zwei Jahren habe ich angefangen, jeden Tag drei schöne Dinge zu notieren, als kleine Übung in Lebenskunst jeden Morgen aufgeschrieben, was gestern erfreulich war, mein Herz berührt, mir noch den miesesten kleinen Tag versüßt hat. Das hat mir an manchen Tagen wirklich geholfen, den Kopf über Wasser zu halten. Morgens beim Aufstehen habe ich mir vorgenommen, die Augen offenzuhalten, nach den schönen Dingen zu suchen und sie mir, wenn sie partout nicht von allein kommen wollten, eben selbst zu schaffen: ein liebevoll gekochtes Abendessen für mich allein, ein Schnack mit jemand Wildfremden an einsamen Tagen, und wenn gar nichts ging, war da immer noch der Garten. Es ist wie Gymnastik fürs Gemüt, drei schöne Dinge jeden Tag zu finden. Und wie bei Gymnastik stellte sich bald ein Trainingseffekt ein. Selbst in der größten Routine fiel es mir manchmal schwer, nur drei Dinge auszuwählen. Und inzwischen kommt mir die Aufgabe fast zu leicht vor. Die schönen Dinge zu notieren, das ist so selbstverständlich geworden wie den Müll runterzutragen oder das Bett zu machen. Zeit für eine Pause.

Es gibt einen weiteren Grund, innezuhalten und nachzudenken. Ich habe die schönen Dinge nicht für mich allein, sondern in einem Forum festgehalten, das von jedem gelesen werden kann. Die Frauen dort teilen die kleinen Freuden und die großen Sorgen, die kleinen Ärgernisse und die großen Ereignisse ihres Lebens. Sie schreiben von Pommes mit Glücksgewürz als Belohnung nach einem langen Tag, von der Sorge um den Arbeitsplatz, von ihren Erlebnissen auf der Suche nach einer neuen Liebe, vom Ärger mit Vorgesetzten, von verpassten Zügen, erreichten Anschlüssen, von ihren Bienen, neuen Fahrrädern, von Männern, Kollegen, Freundinnen, Geschwistern, von Eltern, die alt und Kindern, die größer werden, von Krankheit, Tod und bitteren Verlusten. Und immer finden sie drei schöne Dinge, die Licht in einen noch so dunklen Tag gebracht haben oder einen hellen Tag noch lange überstrahlen. Sie haben mich, als ich nach längerem Mitlesen dazustieß, freundlich aufgenommen, sich mit mir über meine schönen Dinge gefreut, Anteil genommen an meinem Leben, mich getröstet, mir Mut zugesprochen, haben mir Postkarten geschrieben, Konzertkarten geschenkt, Rezepte mit mir getauscht. Einige von ihnen habe ich persönlich kennengelernt, habe ihnen den Garten gezeigt, von dem ich so oft dort geschrieben habe, meine Straße, die sie vom Lesen kannten, mein Leben hier in meinem Kiez, in dem ich mich so zuhause fühle. Und es war gleich eine große Vertrautheit da. Kein Wunder, wenn man etwas so Persönliches teilt wie die drei schönen Dinge des Tages.

Ich könnte sie natürlich auch in mein Tagebuch schreiben, die Freude über den Sonnenaufgang hinter der Hochbahn, die Grünkohlsamen, die unerwartet aufgegangen sind, den Nudelsalat, der mir außerordentlich schmackhaft geraten ist. Aber das wäre nicht dasselbe. Denn zum Schreiben meiner schönen Dinge gehörte auch immer das Lesen und Kommentieren der schönen Dinge der anderen Frauen, das Mitfreuen über ein prickelndes Rendezvous, das Daumendrücken vor einem wichtigen Prüfungstermin, das Trösten in schwierigen Situationen. Und genau das fiel mir schwer in letzter Zeit. Ich war über lange Strecken einfach nur maulfaul, und dass ich nicht so auf die andern eingehen konnte, wie ich mir das eigentlich gewünscht hätte, hat mir selbst am meisten zu schaffen gemacht. Ich musste mir eingestehen, dass ich einige lieber mag als andere, dass mir manche fremd bleiben, dass das Teilen und Kommentieren von Einzelheiten aus dem Leben auch eine Last sein kann. Demnächst steht ein Forumstreffen an. Eine verlockende Aussicht, die Frauen fast alle mal persönlich zu treffen. Aber will ich das wirklich? Will ich sie kennenlernen, will ich mich zeigen? Mir ist ein wenig bang vor der Ernüchterung, die vielleicht eintritt, wenn ich sie und sie mich kennenlernen. Ich bin hin- und hergerissen. Ein sicheres Zeichen dafür, dass die Pause noch nicht vorbei ist.

Wenn ich mich heute für drei schöne Dinge entscheiden müsste, kämen auf jeden Fall in die engere Wahl: Ich bin in frischgewaschener Bettwäsche aufgewacht, die nach Sommer und Sonne roch. Ich habe zum Frühstück auf dem allerknusprigsten Weißbrot drei Sorten selbstgemachte Johannisbeermarmelade verkostet. Ich konnte meinem Nachbarn, dessen Kaffeemaschine kaputtging, den Morgen retten mit meiner Caffetiera. Ich habe den kostbaren Oolong probiert, den ich geschenkt bekam: Was für ein Duft schon beim Aufgießen! Ich habe auf dem Flohmarkt für fast kein Geld ein sehr schönes Väschen gefunden, das vor Jahrzehnten mal als Werbegeschenk für eine Tankstelle diente. Der Mann vom Reisebüro hat sehr schnell auf meine Mail geantwortet. Ich habe meinem geschiedenen Mann, der morgen verreist und schon seinen Kühlschrank leergegessen hat, ein Käsebrot geschmiert, mit drei verschiedenen Sorten Käse und Tomaten, Oliven und Pfirsichspalten dazu. Ich habe mir beim Wässern des Gartens die Lungen vollgesogen mit dieser Sommerluft, die nach Augustblüten duftet und nach Grillfeuer, nach Wärme und Erde und Grün und Staub. Ich habe den Liebsten im Arm gehalten und er mich, wir haben uns wieder einmal die Geschichte unserer ersten Begegnung erzählt und uns angestrahlt.

Vielleicht ist das der Hauptgrund für die Pause: Mein Leben ist so reich im Moment, dass ich kaum weiß, wie ich nur drei schöne Dinge am Tag auswählen soll. Ich schwimme frei in einem Meer von Glück und Zufriedenheit. Mal sehen, wann und wo ich den Anker, der sie mir so lange waren, wieder fallenlasse. Gut zu wissen, dass es ihn gibt.