Perspektivwechsel

DSCI0013Das sind die höchsten Absätze, die ich je hatte: 12 Zentimeter. Es wird noch dauern, bis ich sicher darauf laufen kann, ich übe jeden Tag. Sie sind mir zugefallen, diese Schuhe, bei einem Kleidertausch, zu dem ich ein hellblaues Kaschmirjackett mitgebracht hatte, das mir nie richtig stand und dem ich eine Trägerin wünschte, die es auch anziehen mag. Bei mir hing es fast immer im Schrank: Ich kann mich nur an wenige Gelegenheiten erinnern, zu denen ich es trug. Schweren Herzens gab ich es her, hartnäckig hielt sich die Vorstellung, ich könnte eines Tages eine gute Figur darin machen.

Vor ein paar Tagen räumte ich meinen Schrank um: Die Sommersachen wegpacken, die Wintersachen hervorholen, nachsehen, ob Mottenlöcher zu stopfen wären, Knöpfe anzunähen, Hosensäume zu befestigen, eine Liste der Dinge machen, die ergänzt werden müssen. Dabei nahm ich wieder einmal das Kleid in die Hand, das ich seit Jahren nicht mehr anhatte, lange Jahre war es das einzige Kleid, das ich besaß, schwarzsamten, feierlich, wie gemacht für Hochzeiten und Beerdigungen. Die letzte Hochzeit, auf der ich es trug, ist schon einige Jahre her, die beiden Kinder aus dieser Ehe kommen bald in die Schule. Ich überlegte wie jedes Jahr, wann ich es wohl wieder tragen würde – und fasste endlich den Mut, mich davon zu trennen. Denn es hängen auch traurige Erinnerungen daran. Richtig unbeschwert war ich nie, wenn ich es trug. Und inzwischen habe ich ja ein anderes Kleid. Mir fiel auch sofort eine Frau ein, zu der es passen könnte. Ich traf sie noch am selben Tag im Garten, fragte, ob sie es haben wollte und brachte es ihr am nächsten Tag mit. Sie probierte es gleich an, und tatsächlich: Wie für sie gemacht! Sie freute sich, ich freute mich. Wundersame Koinzidenz: Als ich nach Hause kam, war in der Mail eine Einladung zur Buchvorstellung, „Frauen und Kleider“ von Leanne Shapton, Sheila Heti und Heidi Julavits, im Concept Store in meiner Straße. Mitzubringen: Ein Kleidungsstück, an dem man hängt, von dem man sich dennoch zu trennen bereit ist. Und auf einem Zettel dazu die Geschichte dieses Kleidungsstück. Ich wusste sofort, dass ich den hellblauen Blazer mitnehmen würde. Ich stopfte fast unsichtbar die zwei winzigen Mottenlöchlein, die er sich über den Sommer eingefangen hatte und schrieb seine Geschichte auf eine schöne Postkarte: Wie ich ihn fand in meinem Lieblings-Secondhandladen in Frankfurt, wie ich ihn ein letzes Mal trug an dem Tag, als ich dachte, ich würde den Mann, den ich gerade liebgewonnen hatte, danach nicht mehr wiedersehen.

Der Abend war kurzweilig, tiefgründig, food for thought. Viele junge Frauen waren da, ich gehörte zum älteren Drittel, Männer waren deutlich in der Minderheit. Der Mann, der die Autorin befragte, hörte sich selbst gern reden, aber Leanne Shapton schaffte es immer wieder, die Fragen, die er ihr stellte, ans Publikum weiterzugeben, so kamen sehr persönliche Gespräche zustande. Es ging nicht um Mode, nicht um Rocklängen, Trendfarben, Absatzhöhen. Es ging um Gefühle und Erinnerungen, um Mütter und Töchter, um Konsumrausch und Nachhaltigkeit. Und um die Bilder, die wir mit unserer Kleidung von uns entwerfen. Meine Kleidung erzählt seit Jahren, ich sei handfest, praktisch, patent und uneitel. Haha. Vielleicht wäre ich gern so. Aber ich kokettiere auch: mit meinem Understatement, ich kalkuliere ein, dass mich mein Gegenüber unterschätzt. Ich verblüffe gern mal mit einer Aufmachung, die man nicht von mir erwartet hätte. Und jetzt kommen die Absätze ins Spiel. Mein Jackett hatte einen neuen Besitzer gefunden, einen jungen Schwarzen, dem es erstaunlich gut stand. Ich hoffte immer noch, eine Strickjacke zu finden, die ich gut brauchen konnte, leider war nichts passendes im Angebot. Der Abend näherte sich seinem Ende, auf der Stange hingen noch ein paar traurige Sachen: ein viel zu bunter, viel zu großer Strickpulli, schon ziemlich aus der Form, ein viel zu dünnes, viel zu kleines schwarzes T-Shirt, ein paar Sommerfähnchen. Und unten stand ein Paar schwarze Schuhe aus falschem Lackleder mit schwindelerregend hohen Absätzen, die ich gar nicht erst in Betracht zog. Irgendwann sah ich, dass sie meine nicht sehr gängige Größe hatten, ich probierte sie an, nur so zum Spaß. Und Spaß hatte ich: Ich war plötzlich richtig groß! Der Laden sah aus dieser ungewohnten Höhe ganz anders aus. Zwar fiel ich fast vornüber, aber auf diesen Schuhen zu laufen war im wahrsten Sinn des Wortes ein erhebendes Gefühl.

Und so stehe ich jetzt abends in meiner Küche, zwölf Zentimeter größer als sonst, und spüle mein Geschirr aus einer völlig neuen Perspektive, mit einer ganz anderen Körperhaltung. Ich trage Dinge von einem Zimmer zum anderen, nur um noch ein paar Schritte zu gehen, stelle fest, dass ich immer trittsicherer werde in diesen Schuhen, die so ganz anders sind als alles, was je bei mir im Schrank stand. Und fange an, mir vorzustellen, wozu sie passen könnten, zu welchem Gewand, zu welchem Anlass ich sie tragen könnte. Mein Bild von mir beginnt sich zu verschieben. Wer weiß, welche Geschichte ich zu den Schuhen erzählen werde, wenn ich mich eines Tages wieder von ihnen trenne?

Spätsommerglück

Zwetschenknödel

… das ist ein Teller voller Zwetschenknödel, gekocht im Garten auf einem improvisierten Herd aus einer Feuerschale und zwei Ziegelsteinen. Die Zwetschen hatte einer von uns aus seinem anderen Garten mitgebracht, der Teig war von mir, das Feuer schürte ein Besuchskind von den Antipoden, den Tisch deckte der Beetnachbar. Und dann saßen wir da im Septembernachmittagslicht, streuten Zimtzucker auf die Knödel, löffelten Kompott auf die Teller (die Teigschicht um die Zwetschen war ein bisschen zu dick, das muss ich noch üben) und ließen es uns schmecken.

Die gemeinsamen Essen im Garten habe ich dieses Jahr vermisst. Viel zu selten haben wir diesen Sommer zusammengesessen, vor den Ferien war es oft kühl und nass, später, als es dann heiß und trocken war, waren viele verreist. Schade. Jetzt ist es abends schon früh dunkel und zum Draußensitzen auch fast schon zu kühl. Gestern nachmittag, als wir vor unseren leergegessenen Tellern saßen, nahmen wir uns vor, bald wieder ein Feuer zu machen und aus allem, was der Garten noch hergibt, eine Gemüsesuppe zu kochen. Denn das ist mit das Schönste am Garten: Dass er ein Ort der Begegnung ist, für die es keinen großen Aufwand braucht. Irgendwer hat immer etwas zu essen dabei, ein Tee ist schnell gekocht, wir haben mindestens drei Sorten Minze zur Auswahl und viele andere wohlschmeckende Kräuter. Vielleicht ist morgen ja noch einmal ein Abend zum Draußensitzen? Ich werde meinen Kühlschrank plündern, bevor ich in den Garten gehe.