Herbst

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Schon wieder Schuhe. Dieses Paar hat mich durch den Sommer getragen, ich hatte es monatelang fast jeden Tag an. Eine Saison mindestens hält so ein Paar, dieses sogar zwei, es stammt noch aus dem letzten Jahr, ich weiß, dass ich es an einem Tag im vorigen Oktober trug, an den ich mich genau erinnere. Damals sahen die Schuhe noch besser aus, fast weiß und noch nicht so zerfranst. Auch die Filzsohlen waren noch in Form. Zwischendurch hatte ich mal überlegt, ob ich die Schuhe waschen soll, aber sie hätten mindestens zwei Tage zum Trocknen gebraucht und wer weiß, wie sie hinterher ausgesehen hätten. Heute regnet es, und zum ersten Mal seit langer Zeit habe ich Lederschuhe aus dem Schrank geholt.

Der Herbst beginnt. Vorgestern habe ich abends die Fenster geschlossen, die sonst immer offen waren. Ich habe meinen Sockenvorrat überprüft und vermisse meine Fleecejacke, die ich im Frühjahr ausgemustert habe nach zwölf Jahren und hunderten Wäschen, der Reißverschluss war unreparierbar kaputt. Vorm Wollladen in meiner Straße stehen in Körben die Restknäuel der vergangenen Saison, ich habe mir letzte Woche flauschiges Garn für eine neue Jacke gekauft, das Rückenteil ist schon fertig, ch werde mich ranhalten mit dem Stricken, so kalt, wie es jetzt geworden ist. Morgens habe ich Lust auf Porridge oder warmen Hirsebrei, im Sommer eher auf Käsebrot und Tomaten, ein paar Tomaten liegen hier noch traurig herum, sie werden wohl in einer Gemüsesuppe enden. Ich freue mich auf das erste Kartoffelgratin, auf gebackenen Kürbis, bald wird es heißen Apfelwein geben oder Honigmilch. Und zum Einschlafen nehme ich die Wärmflasche mit ins Bett.

Alle schimpfen auf den Berliner Winter, ich finde ihn gar nicht so schlimm. Denn wenn es kalt wird hier, werden die Tage schon wieder heller. Ich finde den Herbst am schwersten zu ertragen. Jedes Jahr graut mir vor dem Vierteljahr, in dem die Tage kürzer sind als die Nächte und es immer dunkler wird, wenn ich am frühen Nachmittag das Licht anmachen muss oder es erst gar nicht ausmachen mag. Wenn im Garten das Wasser abgestellt und wirklich nichts mehr zu tun ist außer vielleicht Kelleraufräumen. Wenn das Laub auf den Fahrradwegen nass und rutschig ist, wenn es in der U-Bahn nach feuchtem Hund riecht, im Bus die Scheiben beschlagen und man nicht mehr rausgucken kann, wenn es aus kaputten Regenrinnen auf den Gehweg tropft. Ich werde mir ein paar Dinge vornehmen, die mich den Glauben daran nicht verlieren lassen, dass es wieder warm wird, sonnig, heiter. Im Spätsommer habe ich auf den Beeten Samen gesammelt, Ringelblumen, Malven, Grünkohl, Kapuzinerkresse, für die werde ich schöne kleine Tüten basteln, die wir in der Markthalle verschenken können. Ich werde mir, wenn die warme Jacke fertig ist, einen Sommerpulli stricken. Und vielleicht finde ich in irgendeinem Schuhladen noch ein Paar weiße Chucks im Sonderangebot. Für den ersten Tag im Frühling, an dem ich die Socken weglassen werde.

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