Erleichterung

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Wieviel Kraft es kostet, in Erwartung eines Befundes solange gelassen zu bleiben, bis es wirklich einen Grund zur Besorgnis gibt, habe ich gerade erfahren: sehr viel mehr, als mir bewusst war. Welche Last von mir abfiel, merkte ich erst, als ich am Telefon die Diagnose erfragte und eine Auskunft bekam. Da wusste ich, dass wirklich alles gut war. Denn wenn eine Behandlung notwendig geworden wäre, hätten sie es mir nicht am Telefon gesagt, sondern mich zu einem Termin gebeten. Gelassenheit. Leichter gesagt als getan. Und vier Wochen können sich ganz schön lange hinziehen.

Geteiltes Leid ist halbes Leid. Aber mit wem die Ungewissheit, die Sorge teilen? Mit dem Liebsten natürlich. Eher nicht mit meinen Eltern, die haben genug eigene Sorgen und außerdem – es gab ja noch gar nichts wirklich Beunruhigendes, es galt nur, die Ruhe zu bewahren. Blieben die Freundinnen, die ihre Sorgen auch schon mit mir geteilt haben. Immer öfter hörte ich mich auf die Frage, wie es mir gehe, seufzen und was von „Ach, grade nicht so gut“ murmeln. Das setzte meist ein Gespräch in Gang. Und all diese Gespräche taten mir gut. Mir, die ich sonst eher alles mit mir allein abmachte, früher. Aber offenbar lerne ich dazu. Konnte den Strauß gelber Rosen, den die Nachbarin vom Einkaufen mitbrachte und wortlos überreichte, einfach so annehmen. Konnte es ertragen, dass man mir Trost zusprach, wo ich das doch sonst lieber selbst mache. Konnte die Hilflosigkeit hinnehmen, die ein ungewohnter Zustand für mich war.

Wie schön, als ich allen, die mit mir gebangt hatten, endlich sagen konnte, dass der Knoten in meiner Brust gutartig ist und nicht behandelt werden muss. Wie schön, dass meine Hausärztin, die die erste war, an die ich mich gewandt hatte, auf die gute Nachricht hin fragte, ob sie mich mal drücken dürfe. Wie schön, dass die Freundinnen, die ich für den Tag nach dem Ergebnis zum Essen einlud – es würde entweder was zum Feiern geben oder erst recht einen Grund, ein Glas auf die Gesundheit zu trinken -, gleich zusagten. Und weil es wirklich ein Fest war, ging ich zum neuen Metzger in die Markthalle, polierte die Riedel-Gläser, deckte den Tisch, schnippelte, rührte, briet den halben Tag, zwischendurch fiel mir ein Motto ein – „Mamma mia!“ – und dann schrieb ich die Speisenfolge auf Kärtchen: zur Vorspeise ein Knollengewächs – Fenchel mit Stilton, zum Hauptgang – Schwein gehabt! – ein Braten mit Kartoffel-Quittenpüree und geröstetem Rosenkohl und zum Nachtisch Bratapfel Venusbusen. Geteilte Freude ist doppelte Freude!

Begeisterung

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I am not going to be the person I’m expected to be any more. Als ich vor ziemlich genau einem Jahr zufällig diesen Satz las, wusste ich sofort: Treffer! Er sprach mich unmittelbar an, obwohl ich eine Weile nachdenken musste, bis ich verstanden hatte, warum. All die Veränderungen, über die ich auch hier gelegentlich geschrieben habe, hatte ich hinter mich gebracht, hatte den Wohnort, den Familienstand, den Beruf gewechselt, den Inhalt meines Kleiderschranks und des Bücherregals ausgemistet, die eine oder andere Freundschaft beendet, die mir nicht mehr guttat. Nur ein Kästchen hatte ich übersehen, das staubte unangetastet vor sich hin. Inhalt: gepflegte Vorurteile. Da waren ein paar alte Überzeugungen übrig geblieben, nicht zuletzt mich selbst betreffend, die in dieses runderneuerte Leben nicht mehr passten.

So ähnlich wie im Design der Satz form follows function gab es in mir die Anweisung: Alles muss sinnvoll sein. Zweckfreier Spaß, der niemandem schadet? Überflüssig. Kleine Schnörkel hier und da? Geschmacklos. Ein bisschen unpraktisch, aber reizvoll? Albern. Auf meiner moralischen Kalorientabelle wurden solche Dinge geführt unter „ohne sittlichen Nährwert“. Ich erinnere mich, wie ich einmal im Herbst in Venedig auf dem Salute-Fest auch Erwachsene mit einem Haarreif mit langen Fühlern herumlaufen sah, an deren Enden Herzchen wippten, in ROSA GLITZER! Für mich damals der Inbegriff von Unfug. Ts, was für Kindsköpfe. Ich höre meine innere Gouvernante das heute noch sagen. Wenn ich mich nicht täusche, lächelten sie fast alle, diese Kindsköpfe. Sie sahen aus wie riesige verliebte Insekten und fühlten sich womöglich auch so – verliebt ins Leben, in den Augenblick und unbekümmert um das, was andere darüber denken mochten.

Vor einem Jahr ahnte ich mehr als ich wusste, dass ich rausgewachsen war aus der Person, die zu sein von mir erwartet wurde – von wem eigentlich? Doch hauptsächlich von mir selbst. Ich schrieb der Gouvernante ein tadelloses Zeugnis und kündigte ihr. Fast schien es mir, als hätte sie erleichtert „endlich“ gemurmelt. Seitdem ist wieder mehr Platz für Begeisterung in meinem Leben. Wohin die führt, wie lang die andauert, ob sie einen sittlichen Nährwert hat: vollkommen egal (die moralische Kalorientabelle hat die Gouvernante mitgenommen). Der Augenblick zählt. Ich überrasche mich selbst mit Dingen, die ich mir früher nicht zugestanden hätte: Die zwölf Zentimeter hohen Absätze an Schuhen, die für das Berliner Pflaster denkbar ungeeignet sind. Die Freude über das schöne rote Auto, das manchmal in meiner Straße parkt. Und wer weiß, wenn ich irgendwann mal so einen Haarreif finde mit wippenden Herzchen in ROSA GLITZER – womöglich kaufe ich ihn sofort, setze ihn auf und laufe den halben Tag mit einem kindsköpfigen Lächeln im Gesicht durch die Gegend.