Weihnachtsstimmung II

DSCI0072

Vor Ladenschluss schnell noch zum Supermarkt: Orangen vergessen. Wo ich schon mal da bin, überlege ich mit gerunzelter Stirn, ob sonst noch was fehlt. „Mir geht’s genauso. Frohe Weihnachten!“, ruft mir jemand zu und lacht. Lange Schlangen an der Kasse, keiner murrt. Die Frau hinter mir legt eine gefrorene Gans und eine Großpackung Batterien aufs Band, der Mann hinter ihr fragt sie, ob sie die in die Gans füllt und die sich dann alleine brät. Sie flachsen rum, ob Knopfzellen oder Mignon besser schmecken – je kleiner, desto zarter, da sind sie sich einig. Die Frau vor mir, die gerade mit Bezahlen dran ist, kramt aus all ihren Taschen das Geld passend zusammen, dauert ein bisschen, keiner murrt. Jemand will Zigaretten, dazu muss das Gitter hochgefahren werden, dauert auch ein bisschen, keiner murrt. Die Kassiererin, die sonst immer streng guckt, trägt zwei Klämmerchen mit Elchgeweih aus rotem Filz im kurzen Haar und ein Lächeln im Gesicht.

Draußen sitzen die Nachbarn auf den Bänken, es ist warm, die Sonne scheint. Die roten Früchte des Maulbeerbaums leuchten vorm blauen Himmel, das Paar Schuhe, das seit ein paar Jahren in den Zweigen hängt, wirkt wie Baumschmuck. Der alte Mann mit dem Vogelfutter streut eine Handvoll davon im weiten Bogen über den Platz. Die ersten Spatzen kommen und dann die Tauben. Auf den Straßen ziehen Touristen auf Fahrrädern vorbei, man erkennt sie an der unsicheren Fahrweise und daran, dass sie mit den Armen lenken und nicht mit dem Körpergewicht. Sie haben freie Bahn, keine Lieferfahrzeuge in zweiter Reihe, keine Getränkelaster, kein Knäuel aus Bussen und Einparkern. Das Café räumt die Bänke rein, drinnen verschenken sie den nicht verkauften Kuchen, der wäre am Sonntag, wenn wieder geöffnet wird, nicht mehr frisch.

Kurz vor zwei. In der Buchhandlung noch drei Kunden, im Töpferladen zwei. Das Gitter vom Schmuckladen ist schon runtergelassen. Das Sushirestaurant hat gleich ganz geschlossen. Vorm Blumenladen, der durchgehend geöffnet ist, stehen fertige Sträuße mit Kunstschnee auf den Tannenzweigen, daneben die ersten französischen Tulpen unter der frühlingshaften Sonne. Gegenüber in der Absturzkneipe ist alles ruhig – noch. An der Bushaltestelle stehen Leute in Festagskleidung mit Päckchen im Arm. Weihnachtsfrieden in meiner Straße.

Weihnachtsstimmung

Sie ist mir abhanden gekommen, dieses Jahr noch gründlicher als in den Jahren davor. Vielleicht liegt es an den milden Temperaturen, vielleicht an meinem Kiez, der zumindest in der näheren Umgebung keinen einzigen Weihnachtsbaumverkaufsstand aufweist und keinen Weihnachtsmarkt, keinen Glühwein und keine verkaufsfördernde Illumination. Nur der Laden in meinem Haus, der Dekoratives fürs Hipster-Heim führt, bestreut jedes Jahr wieder den Bürgersteig vor den Schaufenstern mit sternförmigem Glimmer, den wir dann unter den Schuhsohlen ins Treppenhaus tragen, wo er sich in den Fußmatten festtritt.

Weihnachtsstimmung, was ist das für mich? Als ich Kind war, war der Advent eine stille Zeit. Wir hatten einen Adventskalender, ein Häuschen aus Papier mit vier großen Türen, an jeder Seite eine, und vierundzwanzig Fenstern. Abends zündeten wir eine Kerze an, stellten das Häuschen darüber, saßen um den Tisch, sangen, durften reihum ein Fenster öffnen, das dann leuchtete, an den Adventssonntagen noch eine der Türen dazu. Und das Schönste war, zum Schluss die Kerze auszublasen und zuzuschauen, wie sich der Rauch aus dem Schornstein kringelte. Die Bilder hinter den Fenstern erzählten biblische Geschichten, die wir vogelesen bekamen. Hinter dem letzten Fenster, das wir am Nachmittag des 24. Dezembers öffneten, schon in Festtagskleidung und voller gespannter Erwartung, war die Krippe verborgen, die, wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, aus Papierfigürchen bestand, es öffnete sich hinter der letzten Tür also wirklich ein Raum. So wie sich später die Tür zum Weihnachtszimmer öffnen würde, das wir schon seit Tagen nicht mehr betreten durften, erst wieder, wenn das Glöckchen klingelte, das in unserem Haushalt nur zu diesem einzigen Zweck existierte.

Ich mochte als Kind die Adventszeit lieber als das Fest, auf das wir uns zubewegten mit all den Vorbereitungen. Trotz der Freude über die Geschenke, trotz des Festessens, trotz der Lichter am Weihnachstbaum und der Lieder, die wir sangen, bevor wir die Päckchen auspacken durften. Das Weihnachten, an das ich mich am genauesten erinnere, ist das, als ich krank war. Ich war vielleicht acht, neun Jahre alt, hatte Mundfäule, eine Krankheit so fies wie ihr Name, ich fühlte mich matt, fiebrig, den Mund voller Bläschen, konnte nicht richtig essen, hätte am liebsten durchgeschlafen. Und wollte doch so gern mit in die Oper, zum ersten Mal überhaupt. Im Theater, genauer, im Weihnachtsmärchen war ich schon ein paarmal gewesen, das hatte mir immer sehr gefallen, aber Oper kannte ich nur von Schallplatten. „Hänsel und Gretel“ schauten wir uns an, eine sehr traurige Geschichte von zwei Kindern, die von ihren Eltern im Wald ausgesetzt werden, weil sie zu arm sind, um sie sattzukriegen – eine Kinderangst, die ich mir gut vorstellen konnte. Sie kommen zu einer grausamen alten Frau, die den Jungen mästet und das Mädchen schuften lässt, was sie am Ende büßen muss. Dass diese Hexe von einem Mann gesungen wurde, hat mich zusätzlich irritiert. Ich weiß nicht, ob es an meinem maladen Zustand lag, dass mir die Grausamkeit so deutlich war und mich auch die schöne Musik nicht ablenkte von all dem Elend.

Ein Rest dieser Traurigkeit liegt auch nach all den Jahren noch über Weihnachten. Wie ja auch die Weihnachtsgeschichte eine des Abgewiesenwerdens, der Obdachlosigkeit ist. Vielleicht bin ich deswegen an Heiligabend am liebsten allein, streife durch die Stadt, genieße die Stille in meiner sonst sehr lauten Straße, hänge meinen Gedanken nach, schreibe auf, was ich mir vom kommenden Jahr wünsche. Und vorher putze ich die Wohnung. Dieses Jahr gibt es in der Markthalle eine Christvesper, die die syrischen Geflüchteten, die hier in der Nachbarschaft in Turnhallen untergebracht sind, mitgestalten. Ich könnte einen Orangenkuchen mitnehmen und ein paar kleine Päckchen mit Dingen, die man brauchen kann, wenn man kein Zuhause hat. So langsam erfasst sie mich, die Weihnachtsstimmung, mit all ihrer Melancholie. Und ich lasse mich berühren davon.

 

 

Resteverwertung

DSCI0020

Ich mag nichts verkommen lassen. Wenn keiner zusieht, schlecke ich auch noch den letzten Rest einer guten Soße vom Teller. Ich schneide Cremetuben auf, um sie wirklich ganz leer zu machen. Aus alten Bettlaken häkele ich Badematten. Ist das schon Geiz? Vernünftige Sparsamkeit? Oder doch noch was ganz anderes? Darüber dachte ich heute früh beim Schreiben meiner Morgenseiten nach. Ich schreibe sie mit Bleistift, und zu diesem Zweck habe ich ein ganzes Kästchen (genaugenommen sogar zwei) voller Stifte, von denen ich keinen einzigen selbst gekauft habe. Ich sammle sie ein, wo ich sie finde: In Hotels, auf Tagungen und Veranstaltungen, Werbegeschenke neben Bonbons und Broschüren. Manche schreiben so gut, dass ich hoffe, weitere zu bekommen, von meinem Lieblingskultursender bekam ich einmal eine ganze Handvoll geschenkt. Das Blöde ist nur: Irgendwann sind sie zu klein und liegen beim Schreiben nicht mehr gut in der Hand. Ich erinnere mich, dass es in der Kruschelschublade meiner Oma so ein metallenes Ding gab, in das man den zu kurzen Stift stecken konnte, so war er noch eine ganze Weile zu benutzen. Gibt es sowas noch? Nachher, wenn ich zum Markt gehe, werde ich mal im Schreibwarenladen nachfragen.

Aber was, wenn wirklich nur noch ein ganz kleiner Stummel übrig ist, der nicht mehr in den Anspitzer passt? Ganz restlos lässt sich kaum etwas aufbrauchen. Das fiel mir auf, als ich als Kind mal eine Phase hatte, in der ich Kerzenreste sammelte und sie zu neuen Kerzen umschmolz. Auch von diesen neuen Kerzen würde ein Rest übrig bleiben. Und dann? Ein ewiger Kreislauf aus wiederverwendeten Kerzenresten? Und am Ende bleibt doch etwas übrig, was nicht wiederzuverwenden ist, es sei denn, man setzt einen neuen Kreislauf in Gang. Irgendwie so. Wie im echten Leben. Da bleibt auch oft was übrig, zum Beispiel der Rest einer Freundschaft, die mal Teil meines Lebens war, die sich aber auseinanderentwickelt hat. Wie umgehen damit? Alljährlich eine Weihnachtskarte und ein Anruf zum Geburtstag? Auch, wenn man sich nicht mehr viel zu sagen hat? Kann man Gefühle einfrieren wie übrig gebliebenes Essen und irgendwann wieder auftauen? Wahrscheinlich ist es wie bei den Kerzenstummeln: Bis die wieder Licht und Wärme spenden, ist eine Menge Arbeit nötig, ein neuer Docht, ein Gefäß, um das flüssige Wachs hineinzugießen. Und vor allem genügend Reste. Gedanken am dritten Adventswochenende. Am Montagabend trage ich ich erst einmal meine gesammelten Brotreste in die Gemeinschaftsküche und koche mit der Gartengruppe für unser Winteressen Rote-Bete-Knödel draus. Da werden keine Reste bleiben, das weiß ich ziemlich sicher.

In Paradiso

DSCI0014Nebensaison. Nebelsaison. Salz auf dem Mauerwerk. Rutschige Brückenstufen. Möwenlachen, Wellenschlag, das Müllboot. Die ersten Geräusche am frühen Morgen. Schritte, vereinzelt. Immer mehr, je näher der Duft von Kaffee und Hörnchen kommt. Erwartungsvolle Tauben auf der Schwelle der Pasticceria.

Das Tagwerk der Straßenhändler: Der ganze Tand will aufgehängt werden am Stand, all die Masken, Ketten, Mützen, Schürzen, T-Shirts. Sonnenbrillen wird heute niemand brauchen. Regenschirme? Vielleicht.

DSCI0016Türen ohne Knauf, Klinke, Schloss. Wann ist zuletzt jemand hindurchgegangen? Das Holz vom Wind und den Jahrhunderten seidig geschliffen, ein Fest für die Fingerkuppen. Ruß und Flechten wie Ornamente auf dem Weiß.

Hinter all der Schönheit der Alltag: Der Lagerraum des Heizungsmonteurs, die Werkstatt einer Schreinerin. Kisten voller Kunstblumen. Der Getränkevorrat der Osteria. Zeitungsstapel, das Anzeigenblättchen des Coop, Wäschesäcke. Und der Schlafplatz der Weihnachtsbäume, die auf der Strada Nova verkauft werden.

Jemand hat zwei deutsche Worte in den frischen Beton geritzt, mit dem das Mauerwerk ausgebessert wurde. Ein von all der Kunst überforderter Tourist nach dem Besuch der wievielten Kirche?DSCI0018 Die Frucht einer Deutschstunde am nahegelegenen Gymnasium? Oder ein Kommentar zu dem Filzstiftgekrakel auf der Marmortafel? È vecchia!

Alte Damen tragen Pelze, es umweht sie ein Hauch von Mottenkugelgeruch. Manchmal sieht man kleine Kinder mit ihren Rollern durch die Gassen fegen. Werden sie je Fahrrad fahren? Vorher lernen sie das Rudern.

DSCI0013Jeder Transport in der Stadt will gut geplant sein. Der tägliche Einkauf: Mit dem Rollwagen. Die Matratze für die erste eigene Wohnung: Eine mühevolle Angelegenheit bei den vielen  rampenlosen Brücken. Sperrgut wird oft ohne Verpackung befördert, denn auch die muss wieder abtransportiert werden. Plastiktüten mit dem Hausmüll werden abends an Haken in der Hauswand gehängt. Container für Glas und Papier stehen auf den Plätzchen. Auf die Abfälle am Fischmarkt haben die Möwen den ersten Zugriff, der Rest wird aufs Müllboot gehievt.

DSCI0017Paradiese gibt es viele in der Stadt. Der Markt ist eines davon. Morgens wird das Gemüse arrangiert, der frische Fisch, das hierzulande unbekannte Krustengetier auf Salatblätter gebettet und dem Auge dargeboten. Mit derselben Hingabe streicht der Wirt im Café Mayonnaise aufs Brot, belegt es mit Tunfischsalat, Tomatenscheiben, Eiern, holt einen Bogen Butterbrotpapier hervor, dreht daraus eine Tüte, füllt sie mit Mayonnaise, schneidet die Spitze ab, zeichnet ein weißes Gitter auf die Tomaten, legt die zweite Brotscheibe auf, glättet den Rand, schneidet exakte Dreiecke und richtet sie auf einem Tablett an. Zwischendurch bereitet er den Toast für den Fischhändler, mit Schinken und Käse, der wird nicht diagonal, sondern senkrecht geschnitten, beide Hälften unten mit Papier umwickelt, eine nach der anderen über den Tresen gereicht. Auch hier warten die Tauben vor der Schwelle auf die Krümel der Croissants.

Abends im verlorenen Paradies am Ufer der Barmherzigkeit servieren sie das Gemüse gegrillt, den Fisch zur Polenta, die Venusmuscheln mit Bigoli. Auf dem Nachhauseweg schluckt der Nebel das Geräusch der Schiffsschrauben, nur der Wellenschlag kündet noch leise von der Geschäftigkeit des Tages. Die Möwen schlafen. Paradiesische Ruhe.