Weihnachtsstimmung

Sie ist mir abhanden gekommen, dieses Jahr noch gründlicher als in den Jahren davor. Vielleicht liegt es an den milden Temperaturen, vielleicht an meinem Kiez, der zumindest in der näheren Umgebung keinen einzigen Weihnachtsbaumverkaufsstand aufweist und keinen Weihnachtsmarkt, keinen Glühwein und keine verkaufsfördernde Illumination. Nur der Laden in meinem Haus, der Dekoratives fürs Hipster-Heim führt, bestreut jedes Jahr wieder den Bürgersteig vor den Schaufenstern mit sternförmigem Glimmer, den wir dann unter den Schuhsohlen ins Treppenhaus tragen, wo er sich in den Fußmatten festtritt.

Weihnachtsstimmung, was ist das für mich? Als ich Kind war, war der Advent eine stille Zeit. Wir hatten einen Adventskalender, ein Häuschen aus Papier mit vier großen Türen, an jeder Seite eine, und vierundzwanzig Fenstern. Abends zündeten wir eine Kerze an, stellten das Häuschen darüber, saßen um den Tisch, sangen, durften reihum ein Fenster öffnen, das dann leuchtete, an den Adventssonntagen noch eine der Türen dazu. Und das Schönste war, zum Schluss die Kerze auszublasen und zuzuschauen, wie sich der Rauch aus dem Schornstein kringelte. Die Bilder hinter den Fenstern erzählten biblische Geschichten, die wir vogelesen bekamen. Hinter dem letzten Fenster, das wir am Nachmittag des 24. Dezembers öffneten, schon in Festtagskleidung und voller gespannter Erwartung, war die Krippe verborgen, die, wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, aus Papierfigürchen bestand, es öffnete sich hinter der letzten Tür also wirklich ein Raum. So wie sich später die Tür zum Weihnachtszimmer öffnen würde, das wir schon seit Tagen nicht mehr betreten durften, erst wieder, wenn das Glöckchen klingelte, das in unserem Haushalt nur zu diesem einzigen Zweck existierte.

Ich mochte als Kind die Adventszeit lieber als das Fest, auf das wir uns zubewegten mit all den Vorbereitungen. Trotz der Freude über die Geschenke, trotz des Festessens, trotz der Lichter am Weihnachstbaum und der Lieder, die wir sangen, bevor wir die Päckchen auspacken durften. Das Weihnachten, an das ich mich am genauesten erinnere, ist das, als ich krank war. Ich war vielleicht acht, neun Jahre alt, hatte Mundfäule, eine Krankheit so fies wie ihr Name, ich fühlte mich matt, fiebrig, den Mund voller Bläschen, konnte nicht richtig essen, hätte am liebsten durchgeschlafen. Und wollte doch so gern mit in die Oper, zum ersten Mal überhaupt. Im Theater, genauer, im Weihnachtsmärchen war ich schon ein paarmal gewesen, das hatte mir immer sehr gefallen, aber Oper kannte ich nur von Schallplatten. „Hänsel und Gretel“ schauten wir uns an, eine sehr traurige Geschichte von zwei Kindern, die von ihren Eltern im Wald ausgesetzt werden, weil sie zu arm sind, um sie sattzukriegen – eine Kinderangst, die ich mir gut vorstellen konnte. Sie kommen zu einer grausamen alten Frau, die den Jungen mästet und das Mädchen schuften lässt, was sie am Ende büßen muss. Dass diese Hexe von einem Mann gesungen wurde, hat mich zusätzlich irritiert. Ich weiß nicht, ob es an meinem maladen Zustand lag, dass mir die Grausamkeit so deutlich war und mich auch die schöne Musik nicht ablenkte von all dem Elend.

Ein Rest dieser Traurigkeit liegt auch nach all den Jahren noch über Weihnachten. Wie ja auch die Weihnachtsgeschichte eine des Abgewiesenwerdens, der Obdachlosigkeit ist. Vielleicht bin ich deswegen an Heiligabend am liebsten allein, streife durch die Stadt, genieße die Stille in meiner sonst sehr lauten Straße, hänge meinen Gedanken nach, schreibe auf, was ich mir vom kommenden Jahr wünsche. Und vorher putze ich die Wohnung. Dieses Jahr gibt es in der Markthalle eine Christvesper, die die syrischen Geflüchteten, die hier in der Nachbarschaft in Turnhallen untergebracht sind, mitgestalten. Ich könnte einen Orangenkuchen mitnehmen und ein paar kleine Päckchen mit Dingen, die man brauchen kann, wenn man kein Zuhause hat. So langsam erfasst sie mich, die Weihnachtsstimmung, mit all ihrer Melancholie. Und ich lasse mich berühren davon.

 

 

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