Heimaturlaub

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Auch wenn ich sie regelmäßig besuche, meine Geburtsstadt, in der ich dreißig Jahre meines Lebens verbracht habe – in letzter Zeit verändert sie sich schneller, als ich gucken kann. Ganze Viertel werden neu gebaut, Altes wird abgerissen, noch Älteres wieder neu errichtet. Immer wieder spannend zu sehen, was noch da ist, was dazugekommen ist, ob es diesen Laden, jenes Café noch gibt. Was sich nicht verändert: der Dialekt, der sich auch bei mir nach ganz kurzer Zeit wieder verstärkt. Und diese ganz spezielle, gar nicht mal unfreundliche Mauligkeit, die mich, wäre ich fremd, irritieren würde, die mir als Kind dieser Stadt aber so vertraut ist, dass ich sie zu nehmen weiß und sie angemessen erwidern kann. Selbst nach einem Vierteljahrhundert anderswo schlüpfe ich in die Heimat wie in gut eingetragene Hausschuhe – oder soll ich lieber ahle Schlabbe schreiben?

Heimat beginnt für mich, wenn ich auf der Zugfahrt die ersten Türstürze und Sockel aus rotem Sandstein sehe, die ersten Fachwerkhäuser, die Mittelgebirge. Je nach Strecke überfällt mich das Heimatgefühl ganz heftig an bestimmten Stellen: Auf der Autobahn von Norden kommend ist es der Moment, wenn die Skyline sichtbar wird. Von Süden her ist es die Hungerkralle am Flughafen. Im Zug hüpft mein Herz, wenn ich an den Feldern mit den Grüne-Soße-Kräutern vorbeikomme und dahinter den Goetheturm sehe. Der Rest ist dann fast schon mein alter Schulweg: Vorbei an der Uniklinik, über den Fluss, am Bahnhof dann in die Straßenbahn und wieder zurück über den Fluss und nochmal vorbei an der Uniklinik. Heimat ist der Geruch von Wald, das Geräusch von Schiffsmotoren in der abendlichen Stille, Heimat ist der Nebel auf der großen Wiese. Heimat ist, dass es den Eissalon meiner Kindheit immer noch gibt, während sich drumherum alles geändert hat. Heimat ist, die alten Häuser auch nach dem wievielten An- und Umbau wiederzuerkennen. Heimat ist, beim Vorbeigehen an einem dieser Häuser immer noch damit zu rechnen, dass die Großtante aus dem Fenster schaut, die schon vor Jahrzehnten gestorben ist.

DSCI0084Heimat, das sind konzentrische Kreise um mein Elternhaus herum: Die Straße, der Fußweg zur Schule, später der Weg „in die Stadt“, eine gute halbe Stunde mit der Straßenbahn und mental noch viel weiter von dem 1928 eingemeindeten Dorf in die Innenstadt mit ihren Hochhäusern und dem großen Bahnhof. Die Stadt, das ist das nach dem Krieg wiederaufgebaute Rathaus mit den Treppengiebeln, auf dem Bild hier am rechten Rand zu sehen. Der seltsame Stecken ist das, was vom Weihnachtsbaum übrig blieb, nachdem man ihm sofort nach dem Dreikönigstag die Äste abgesägt hat. So passt er gut auf den Platz, der gerade eine große Baustelle ist.

Heimat sind, je länger ich weg bin, Erinnerungen. Zu jeder Jahreszeit andere. Jetzt, im Winter, der noch nicht richtig kalt war, zum Beispiel an die Suche nach den ersten Schneeglöckchen. Spaziergänge mit mir als Kleinkind müssen eine mühselige Angelegenheit gewesen sein. Ich sehe mich vor jedem Vorgarten stehenbleiben und nach den grünen Spitzen suchen, meist um meinen Geburtstag herum. Dieses Jahr waren die Winterblüher schon fünf, sechs Wochen früher zu entdecken. Und fast nebenan blühten noch die Dahlien. Da bekam ich Heimweh: nach meinem Beet im Nachbarschaftsgarten in der anderen Stadt, die seit einem Vierteljahrhundert mein Zuhause ist.

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