Resteverwertung

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Ich mag nichts verkommen lassen. Wenn keiner zusieht, schlecke ich auch noch den letzten Rest einer guten Soße vom Teller. Ich schneide Cremetuben auf, um sie wirklich ganz leer zu machen. Aus alten Bettlaken häkele ich Badematten. Ist das schon Geiz? Vernünftige Sparsamkeit? Oder doch noch was ganz anderes? Darüber dachte ich heute früh beim Schreiben meiner Morgenseiten nach. Ich schreibe sie mit Bleistift, und zu diesem Zweck habe ich ein ganzes Kästchen (genaugenommen sogar zwei) voller Stifte, von denen ich keinen einzigen selbst gekauft habe. Ich sammle sie ein, wo ich sie finde: In Hotels, auf Tagungen und Veranstaltungen, Werbegeschenke neben Bonbons und Broschüren. Manche schreiben so gut, dass ich hoffe, weitere zu bekommen, von meinem Lieblingskultursender bekam ich einmal eine ganze Handvoll geschenkt. Das Blöde ist nur: Irgendwann sind sie zu klein und liegen beim Schreiben nicht mehr gut in der Hand. Ich erinnere mich, dass es in der Kruschelschublade meiner Oma so ein metallenes Ding gab, in das man den zu kurzen Stift stecken konnte, so war er noch eine ganze Weile zu benutzen. Gibt es sowas noch? Nachher, wenn ich zum Markt gehe, werde ich mal im Schreibwarenladen nachfragen.

Aber was, wenn wirklich nur noch ein ganz kleiner Stummel übrig ist, der nicht mehr in den Anspitzer passt? Ganz restlos lässt sich kaum etwas aufbrauchen. Das fiel mir auf, als ich als Kind mal eine Phase hatte, in der ich Kerzenreste sammelte und sie zu neuen Kerzen umschmolz. Auch von diesen neuen Kerzen würde ein Rest übrig bleiben. Und dann? Ein ewiger Kreislauf aus wiederverwendeten Kerzenresten? Und am Ende bleibt doch etwas übrig, was nicht wiederzuverwenden ist, es sei denn, man setzt einen neuen Kreislauf in Gang. Irgendwie so. Wie im echten Leben. Da bleibt auch oft was übrig, zum Beispiel der Rest einer Freundschaft, die mal Teil meines Lebens war, die sich aber auseinanderentwickelt hat. Wie umgehen damit? Alljährlich eine Weihnachtskarte und ein Anruf zum Geburtstag? Auch, wenn man sich nicht mehr viel zu sagen hat? Kann man Gefühle einfrieren wie übrig gebliebenes Essen und irgendwann wieder auftauen? Wahrscheinlich ist es wie bei den Kerzenstummeln: Bis die wieder Licht und Wärme spenden, ist eine Menge Arbeit nötig, ein neuer Docht, ein Gefäß, um das flüssige Wachs hineinzugießen. Und vor allem genügend Reste. Gedanken am dritten Adventswochenende. Am Montagabend trage ich ich erst einmal meine gesammelten Brotreste in die Gemeinschaftsküche und koche mit der Gartengruppe für unser Winteressen Rote-Bete-Knödel draus. Da werden keine Reste bleiben, das weiß ich ziemlich sicher.

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In Paradiso

DSCI0014Nebensaison. Nebelsaison. Salz auf dem Mauerwerk. Rutschige Brückenstufen. Möwenlachen, Wellenschlag, das Müllboot. Die ersten Geräusche am frühen Morgen. Schritte, vereinzelt. Immer mehr, je näher der Duft von Kaffee und Hörnchen kommt. Erwartungsvolle Tauben auf der Schwelle der Pasticceria.

Das Tagwerk der Straßenhändler: Der ganze Tand will aufgehängt werden am Stand, all die Masken, Ketten, Mützen, Schürzen, T-Shirts. Sonnenbrillen wird heute niemand brauchen. Regenschirme? Vielleicht.

DSCI0016Türen ohne Knauf, Klinke, Schloss. Wann ist zuletzt jemand hindurchgegangen? Das Holz vom Wind und den Jahrhunderten seidig geschliffen, ein Fest für die Fingerkuppen. Ruß und Flechten wie Ornamente auf dem Weiß.

Hinter all der Schönheit der Alltag: Der Lagerraum des Heizungsmonteurs, die Werkstatt einer Schreinerin. Kisten voller Kunstblumen. Der Getränkevorrat der Osteria. Zeitungsstapel, das Anzeigenblättchen des Coop, Wäschesäcke. Und der Schlafplatz der Weihnachtsbäume, die auf der Strada Nova verkauft werden.

Jemand hat zwei deutsche Worte in den frischen Beton geritzt, mit dem das Mauerwerk ausgebessert wurde. Ein von all der Kunst überforderter Tourist nach dem Besuch der wievielten Kirche?DSCI0018 Die Frucht einer Deutschstunde am nahegelegenen Gymnasium? Oder ein Kommentar zu dem Filzstiftgekrakel auf der Marmortafel? È vecchia!

Alte Damen tragen Pelze, es umweht sie ein Hauch von Mottenkugelgeruch. Manchmal sieht man kleine Kinder mit ihren Rollern durch die Gassen fegen. Werden sie je Fahrrad fahren? Vorher lernen sie das Rudern.

DSCI0013Jeder Transport in der Stadt will gut geplant sein. Der tägliche Einkauf: Mit dem Rollwagen. Die Matratze für die erste eigene Wohnung: Eine mühevolle Angelegenheit bei den vielen  rampenlosen Brücken. Sperrgut wird oft ohne Verpackung befördert, denn auch die muss wieder abtransportiert werden. Plastiktüten mit dem Hausmüll werden abends an Haken in der Hauswand gehängt. Container für Glas und Papier stehen auf den Plätzchen. Auf die Abfälle am Fischmarkt haben die Möwen den ersten Zugriff, der Rest wird aufs Müllboot gehievt.

DSCI0017Paradiese gibt es viele in der Stadt. Der Markt ist eines davon. Morgens wird das Gemüse arrangiert, der frische Fisch, das hierzulande unbekannte Krustengetier auf Salatblätter gebettet und dem Auge dargeboten. Mit derselben Hingabe streicht der Wirt im Café Mayonnaise aufs Brot, belegt es mit Tunfischsalat, Tomatenscheiben, Eiern, holt einen Bogen Butterbrotpapier hervor, dreht daraus eine Tüte, füllt sie mit Mayonnaise, schneidet die Spitze ab, zeichnet ein weißes Gitter auf die Tomaten, legt die zweite Brotscheibe auf, glättet den Rand, schneidet exakte Dreiecke und richtet sie auf einem Tablett an. Zwischendurch bereitet er den Toast für den Fischhändler, mit Schinken und Käse, der wird nicht diagonal, sondern senkrecht geschnitten, beide Hälften unten mit Papier umwickelt, eine nach der anderen über den Tresen gereicht. Auch hier warten die Tauben vor der Schwelle auf die Krümel der Croissants.

Abends im verlorenen Paradies am Ufer der Barmherzigkeit servieren sie das Gemüse gegrillt, den Fisch zur Polenta, die Venusmuscheln mit Bigoli. Auf dem Nachhauseweg schluckt der Nebel das Geräusch der Schiffsschrauben, nur der Wellenschlag kündet noch leise von der Geschäftigkeit des Tages. Die Möwen schlafen. Paradiesische Ruhe.

Erleichterung

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Wieviel Kraft es kostet, in Erwartung eines Befundes solange gelassen zu bleiben, bis es wirklich einen Grund zur Besorgnis gibt, habe ich gerade erfahren: sehr viel mehr, als mir bewusst war. Welche Last von mir abfiel, merkte ich erst, als ich am Telefon die Diagnose erfragte und eine Auskunft bekam. Da wusste ich, dass wirklich alles gut war. Denn wenn eine Behandlung notwendig geworden wäre, hätten sie es mir nicht am Telefon gesagt, sondern mich zu einem Termin gebeten. Gelassenheit. Leichter gesagt als getan. Und vier Wochen können sich ganz schön lange hinziehen.

Geteiltes Leid ist halbes Leid. Aber mit wem die Ungewissheit, die Sorge teilen? Mit dem Liebsten natürlich. Eher nicht mit meinen Eltern, die haben genug eigene Sorgen und außerdem – es gab ja noch gar nichts wirklich Beunruhigendes, es galt nur, die Ruhe zu bewahren. Blieben die Freundinnen, die ihre Sorgen auch schon mit mir geteilt haben. Immer öfter hörte ich mich auf die Frage, wie es mir gehe, seufzen und was von „Ach, grade nicht so gut“ murmeln. Das setzte meist ein Gespräch in Gang. Und all diese Gespräche taten mir gut. Mir, die ich sonst eher alles mit mir allein abmachte, früher. Aber offenbar lerne ich dazu. Konnte den Strauß gelber Rosen, den die Nachbarin vom Einkaufen mitbrachte und wortlos überreichte, einfach so annehmen. Konnte es ertragen, dass man mir Trost zusprach, wo ich das doch sonst lieber selbst mache. Konnte die Hilflosigkeit hinnehmen, die ein ungewohnter Zustand für mich war.

Wie schön, als ich allen, die mit mir gebangt hatten, endlich sagen konnte, dass der Knoten in meiner Brust gutartig ist und nicht behandelt werden muss. Wie schön, dass meine Hausärztin, die die erste war, an die ich mich gewandt hatte, auf die gute Nachricht hin fragte, ob sie mich mal drücken dürfe. Wie schön, dass die Freundinnen, die ich für den Tag nach dem Ergebnis zum Essen einlud – es würde entweder was zum Feiern geben oder erst recht einen Grund, ein Glas auf die Gesundheit zu trinken -, gleich zusagten. Und weil es wirklich ein Fest war, ging ich zum neuen Metzger in die Markthalle, polierte die Riedel-Gläser, deckte den Tisch, schnippelte, rührte, briet den halben Tag, zwischendurch fiel mir ein Motto ein – „Mamma mia!“ – und dann schrieb ich die Speisenfolge auf Kärtchen: zur Vorspeise ein Knollengewächs – Fenchel mit Stilton, zum Hauptgang – Schwein gehabt! – ein Braten mit Kartoffel-Quittenpüree und geröstetem Rosenkohl und zum Nachtisch Bratapfel Venusbusen. Geteilte Freude ist doppelte Freude!

Begeisterung

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I am not going to be the person I’m expected to be any more. Als ich vor ziemlich genau einem Jahr zufällig diesen Satz las, wusste ich sofort: Treffer! Er sprach mich unmittelbar an, obwohl ich eine Weile nachdenken musste, bis ich verstanden hatte, warum. All die Veränderungen, über die ich auch hier gelegentlich geschrieben habe, hatte ich hinter mich gebracht, hatte den Wohnort, den Familienstand, den Beruf gewechselt, den Inhalt meines Kleiderschranks und des Bücherregals ausgemistet, die eine oder andere Freundschaft beendet, die mir nicht mehr guttat. Nur ein Kästchen hatte ich übersehen, das staubte unangetastet vor sich hin. Inhalt: gepflegte Vorurteile. Da waren ein paar alte Überzeugungen übrig geblieben, nicht zuletzt mich selbst betreffend, die in dieses runderneuerte Leben nicht mehr passten.

So ähnlich wie im Design der Satz form follows function gab es in mir die Anweisung: Alles muss sinnvoll sein. Zweckfreier Spaß, der niemandem schadet? Überflüssig. Kleine Schnörkel hier und da? Geschmacklos. Ein bisschen unpraktisch, aber reizvoll? Albern. Auf meiner moralischen Kalorientabelle wurden solche Dinge geführt unter „ohne sittlichen Nährwert“. Ich erinnere mich, wie ich einmal im Herbst in Venedig auf dem Salute-Fest auch Erwachsene mit einem Haarreif mit langen Fühlern herumlaufen sah, an deren Enden Herzchen wippten, in ROSA GLITZER! Für mich damals der Inbegriff von Unfug. Ts, was für Kindsköpfe. Ich höre meine innere Gouvernante das heute noch sagen. Wenn ich mich nicht täusche, lächelten sie fast alle, diese Kindsköpfe. Sie sahen aus wie riesige verliebte Insekten und fühlten sich womöglich auch so – verliebt ins Leben, in den Augenblick und unbekümmert um das, was andere darüber denken mochten.

Vor einem Jahr ahnte ich mehr als ich wusste, dass ich rausgewachsen war aus der Person, die zu sein von mir erwartet wurde – von wem eigentlich? Doch hauptsächlich von mir selbst. Ich schrieb der Gouvernante ein tadelloses Zeugnis und kündigte ihr. Fast schien es mir, als hätte sie erleichtert „endlich“ gemurmelt. Seitdem ist wieder mehr Platz für Begeisterung in meinem Leben. Wohin die führt, wie lang die andauert, ob sie einen sittlichen Nährwert hat: vollkommen egal (die moralische Kalorientabelle hat die Gouvernante mitgenommen). Der Augenblick zählt. Ich überrasche mich selbst mit Dingen, die ich mir früher nicht zugestanden hätte: Die zwölf Zentimeter hohen Absätze an Schuhen, die für das Berliner Pflaster denkbar ungeeignet sind. Die Freude über das schöne rote Auto, das manchmal in meiner Straße parkt. Und wer weiß, wenn ich irgendwann mal so einen Haarreif finde mit wippenden Herzchen in ROSA GLITZER – womöglich kaufe ich ihn sofort, setze ihn auf und laufe den halben Tag mit einem kindsköpfigen Lächeln im Gesicht durch die Gegend.

 

Herbst

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Schon wieder Schuhe. Dieses Paar hat mich durch den Sommer getragen, ich hatte es monatelang fast jeden Tag an. Eine Saison mindestens hält so ein Paar, dieses sogar zwei, es stammt noch aus dem letzten Jahr, ich weiß, dass ich es an einem Tag im vorigen Oktober trug, an den ich mich genau erinnere. Damals sahen die Schuhe noch besser aus, fast weiß und noch nicht so zerfranst. Auch die Filzsohlen waren noch in Form. Zwischendurch hatte ich mal überlegt, ob ich die Schuhe waschen soll, aber sie hätten mindestens zwei Tage zum Trocknen gebraucht und wer weiß, wie sie hinterher ausgesehen hätten. Heute regnet es, und zum ersten Mal seit langer Zeit habe ich Lederschuhe aus dem Schrank geholt.

Der Herbst beginnt. Vorgestern habe ich abends die Fenster geschlossen, die sonst immer offen waren. Ich habe meinen Sockenvorrat überprüft und vermisse meine Fleecejacke, die ich im Frühjahr ausgemustert habe nach zwölf Jahren und hunderten Wäschen, der Reißverschluss war unreparierbar kaputt. Vorm Wollladen in meiner Straße stehen in Körben die Restknäuel der vergangenen Saison, ich habe mir letzte Woche flauschiges Garn für eine neue Jacke gekauft, das Rückenteil ist schon fertig, ch werde mich ranhalten mit dem Stricken, so kalt, wie es jetzt geworden ist. Morgens habe ich Lust auf Porridge oder warmen Hirsebrei, im Sommer eher auf Käsebrot und Tomaten, ein paar Tomaten liegen hier noch traurig herum, sie werden wohl in einer Gemüsesuppe enden. Ich freue mich auf das erste Kartoffelgratin, auf gebackenen Kürbis, bald wird es heißen Apfelwein geben oder Honigmilch. Und zum Einschlafen nehme ich die Wärmflasche mit ins Bett.

Alle schimpfen auf den Berliner Winter, ich finde ihn gar nicht so schlimm. Denn wenn es kalt wird hier, werden die Tage schon wieder heller. Ich finde den Herbst am schwersten zu ertragen. Jedes Jahr graut mir vor dem Vierteljahr, in dem die Tage kürzer sind als die Nächte und es immer dunkler wird, wenn ich am frühen Nachmittag das Licht anmachen muss oder es erst gar nicht ausmachen mag. Wenn im Garten das Wasser abgestellt und wirklich nichts mehr zu tun ist außer vielleicht Kelleraufräumen. Wenn das Laub auf den Fahrradwegen nass und rutschig ist, wenn es in der U-Bahn nach feuchtem Hund riecht, im Bus die Scheiben beschlagen und man nicht mehr rausgucken kann, wenn es aus kaputten Regenrinnen auf den Gehweg tropft. Ich werde mir ein paar Dinge vornehmen, die mich den Glauben daran nicht verlieren lassen, dass es wieder warm wird, sonnig, heiter. Im Spätsommer habe ich auf den Beeten Samen gesammelt, Ringelblumen, Malven, Grünkohl, Kapuzinerkresse, für die werde ich schöne kleine Tüten basteln, die wir in der Markthalle verschenken können. Ich werde mir, wenn die warme Jacke fertig ist, einen Sommerpulli stricken. Und vielleicht finde ich in irgendeinem Schuhladen noch ein Paar weiße Chucks im Sonderangebot. Für den ersten Tag im Frühling, an dem ich die Socken weglassen werde.